Virtuelle Basispolitik

15. März 2010, 16:47
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Wenn politische Online-Initiativen wie der "Lichtertanz gegen Rosenkranz" zu realen Bewegungen werden sollen, reicht Facebook alleine nicht aus

Inzwischen steht es 161,718 zu 32,583. Was die Anzahl der Fans auf Facebook betrifft, hat der "seelenlosen Ziegelstein" (derStandard.at berichtete) H.C. Strache weit hinter sich gelassen. Das ist zwar kein Abbild der politischen Realität, zeigt aber, dass politisches Engagement im Internet wächst. Dass es sehr wohl möglich ist, virtuelles politisches Engagement in die Realtität zu übertragen, bewiesen im vergangenen Juni die Organisatorinnen einer Lichterkette. Ähnliches versuchen jetzt auch die Organisatoren von "Lichtertanz gegen Rosenkranz".

Die Facebook-Gruppe "Es ist Zeit für eine Lichterkette" hatte über 11,000 Mitglieder. Rund 3,500 davon kamen tatsächlich zur Demonstration rund um das Parlament. Die beiden Studentinnen Romy Grasgruber und Maria Sofaly organisierten die Veranstaltung, weil die Fremdenfeindlichkeit in Österreich "zu viel geworden ist und wir es einfach nicht mehr ausgehalten haben". Am 25. März wird zum "Lichtertanz gegen Rosenkranz" am Ballhausplatz geladen. Den beiden Initiativen gemeinsam: Facebook als wesentliches Kommunikations- und Organisationsmittel.

Weil es nicht sein könne, dass eine Person für das höchste Amt im Staat kandidiere, die den Mord an Juden im Zweiten Weltkrieg und somit den antifaschistischen Grundkonsens Österreichs in Frage stelle, habe er die Facebook-Gruppe "Gegen Barbara Rosenkranz als Bundespräsidentin" gegründet, sagt Robert Slovacek. Nun sind über 84.000 Menschen Mitglied dieser Gruppe. Rosenkranz selbst hat auf Facebook nicht ganz 900 Freunde. Von diesem Erfolg war Slovaek überrascht. In der Onlinediskussion habe sich dann rasch herausgestellt, dass die Mitglieder aktiv etwas tun wollten, sagt er gegenüber derStandard.at. "Es war dann recht schnell klar, dass wir auch auf die Straße gehen wollen und so haben wir den Lichtertanz entwickelt."

"Abnützungseffekt"

Dass Social Media solche basispolitischen Initiativen erleichtert, sei keine Frage, ist der Politologe Thomas Hofer überzeugt. "Aber eine Facebook-Gruppe alleine ist keine Garantie für den Erfolg einer Aktion", sagt er im Gespräch mit derStandard.at. Das Internet erleichtere es, Barrieren zu überwinden. Es sei möglich, viele Menschen mit relativ geringen finanziellen Mitteln zu erreichen und die traditionellen Medien zu umgehen. Allerdings sieht Hofer durchaus die Gefahr eines "Abnützungseffektes". "Die Gefahr, dass es sich bei politischen Veranstaltungen dieser Art um eine Modeerscheinung handelt, ist gegeben. Aber das Medium Internet bleibt und wenn eindeutige Botschaften da sind, werden Initiativen dieser Art auch weiterhin Erfolg haben. Allerdings wird sich auch hier die Spreu vom Weizen trennen", so Hofer.

Auch Grasgruber weiß, dass es für erfolgreiche politische Initiativen mehr braucht, als eine Facebook-Seite. "Es funktioniert nicht, eine solche Aktion ausschließlich über Facebook zu planen. Wir haben die Lichterkette auch ganz intensiv mit anderen Mitteln, zum Beispiel mit Plakaten, beworben", erklärt Grasgruber. "Einer Gruppe beitreten, das geht schnell, aber dass die Leute dann tatsächlich auch kommen, das ist etwas anderes."

Koordiniert wird das Bündnis "Lichtertanz gegen Rosenkranz" von der Sozialistischen Jugend (SJ), an die sich Slovcek wandte, weil diese die nötigen Kontakte habe. Der Politologe Hofer warnt davor, dass sich etablierte, parteinahe Organisationen auf basispolitische Aktionen "draufsetzen". "Es ist eine Gefahr für Spontanorganisationen, wenn Aktivisten das Gefühl haben, sie werden für parteinahe Aktionen eingespannt", so Hofer. Dem SJ-Bundesvorsitzendem Wolfgang Moitzi ist es besonders wichtig zu zeigen, dass es sich nicht um eine Partei-Demonstration handelt. "Der Lichtertanz ist keine parteipolitische Veranstaltung. Es geht darum, dass wir - aber auch viele andere - diese Ideologie ablehnen und das auch zeigen wollen", sagt er zu derStandard.at. Auch Grasgruber betont die Unabhängigkeit des Lichtertanzes: "Deswegen sind auch Leute wie ich dabei: um zu zeigen, dass es eine breite Bewegung ist und sich nicht eine Organisation draufsetzen kann."

  • Am 25. März ist zum "Lichtertanz gegen Rosenkranz" geladen. Laut Facebook-Seite werden derzeit über 2,000 Menschen teilnehmen.

    Am 25. März ist zum "Lichtertanz gegen Rosenkranz" geladen. Laut Facebook-Seite werden derzeit über 2,000 Menschen teilnehmen.

  • Über 11,000 Mitglieder hatte die Gruppe "Es ist Zeit für eine Lichterkette". Rund 3,500 kamen tatsächlich zur Demonstration im Juni.

    Über 11,000 Mitglieder hatte die Gruppe "Es ist Zeit für eine Lichterkette". Rund 3,500 kamen tatsächlich zur Demonstration im Juni.

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