Security: "Bush würde ich nicht beschützen"

17. März 2010, 10:38
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"Viele schwarze Schafe" und einige Kasperln ortet Ex-Cobra-Mann Kurt Aigner in Sicherheitsberufen - Bessere Ausbildung soll den Ruf der Branche retten

Er war an der Seite von Thomas Klestil, Papst Johannes Paul II. und Jassir Arafat. Neben den mittlerweile Toten stehen noch Leute wie Vladimir Putin, Franz Vranitzky oder Hillary Clinton auf seiner Referenzliste. George Bush würde er nicht beschützen. "Egal wie hoch die Gage ist", sagt Kurt Aigner, "das wäre komplett gegen meine Überzeugung". Man müsse sich mit den Ansichten seiner Klienten identifizieren können; zumindest bis zu einem gewissen Grad, so  der Security-Mann. Und das sei bei Bush nicht der Fall. Aigner ist Geschäftsführer von "MSS - Maximum Security Services". Einer Firma mit Sitz im 16. Bezirk, die auf Personenschutz, Detektivarbeit und Bewachungen spezialisiert ist.

Fünf Jahre Cobra

Aigner hat sich im Jahr 2002 selbstständig gemacht. Zuvor war der 41-Jährige fünf Jahre bei der Cobra. "Eine Zeit, die ich nicht missen möchte", erzählt er im Gespräch mit derStandard.at. Im Rahmen seiner Tätigkeit bei der Antiterroreinheit hat er auch die ausländischen Staatsgäste betreut. Koordiniert werden die Einsätze vom Außenamt. "Genau nach Protokoll und mit einem klar definierten Maßnahmenkatalog", so Aigner zum Prozedere, das strengen Regeln folgt: "Je nach Gefährdungspotenzial des Gastes." Private Unternehmen hätten hier nichts verloren: "Das ist Sache der Cobra."

Kasperl Lugner

Seinen Abschied von der Elitetruppe hat er nie bereut. "Die Freiheiten als Selbstständiger sind sehr viel wert", erklärt er. Freiheiten, die es erlauben, auch Aufträge abzulehnen: "Auf Problempromis kann ich zum Beispiel gerne verzichten", sagt Aigner und meint damit etwa einen Mann wie Richard Lugner und seine Entourage am Opernball. "Sicherheitsleute werden hier zu Kasperln degradiert. Wenn man sieht, wie der mit ihnen umgeht." Das sei unter seinem Niveau, betont er und "sehr traurig zu beobachten". Für die ganze Branche, denn die liege ihm sehr am Herzen.

Viele schwarze Schafe

Aigner hat sich zum Ziel gesetzt, die Standards in den Sicherheitsberufen zu verbessern. Es gebe zu viele schwarze Schafe, die alle in Misskredit bringen, ärgert er sich: "Der Ruf ist nicht besonders gut." Nicht zu unrecht, wie er einräumt. Aus diesem Grund wurde vor ein paar Jahren ein eigener Ausbildungsverein gegründet. Er nennt sich "European Police Training Union" und bietet Kurse im Bereich Personenschutz, Einsatztaktik, Selbstverteidigung oder eine Schießausbildung. Nebenbei werden noch Psychologie- oder Rhetorik-Seminare veranstaltet. Diese zertifizierte Ausbildung sei in ganz Europa gefragt, erzählt Aigner, der selbst als Trainer arbeitet.

Gesetzliche Mindeststandards

In dem Metier gebe es zwar Kurse en masse, die lassen aber qualitativ zu wünschen übrig, kritisiert er. Dementsprechend schlecht ausgebildet sei auch das Personal. Aigner wünscht sich gesetzliche Richtlinien, die ein Mindestmaß an absolvierten Ausbildungen vorschreiben: "Jeder, der ein Auto fährt, muss zumindest einen Führerschein haben". Als Security können alle arbeiten. "Man glaubt nicht, was es da für Leute gibt", sagt er und berichtet von Bewerbern, die ein völlig falsches Bild von dem Beruf hätten: "Viele sind aggressiv oder totale Waffennarren."

Selektion

Es wäre ein großes Risiko, die auf die Leute loszulassen. Ein Aufgabe der Ausbildung bestehe darin, solche Anwärter auszusieben: "Wer in Stresssituationen belastbar ist und wer auszuckt, sieht man schnell." Weiters werden im Vorfeld psychologische Eignungstests gemacht, um die Spreu vom Weizen zu trennen. Aigner plädiert für mehr Transparenz: "Man soll wissen, was jeder kann." Das hätte positive Effekte für alle. Klienten wären dann auch bereit, mehr für die Dienste zu zahlen, ist er überzeugt.

Ein anderer Kritikpunkt in Aigners Augen ist der Waffenführerschein: "Der alleine kann meiner Meinung nach nie und nimmer eine Berechtigung sein, dass jemand mit einer Waffe hantieren darf." Das sei "lachhaft". Die Prüfung müsste "viel umfangreicher" sein, das Können öfters überprüft werden, fordert er; "nicht nur alle fünf Jahre". Aigner selbst geht zwei bis dreimal pro Monat zum Schießtraining. Eine Waffe hat er im Rahmen seiner privaten Tätigkeit noch nie zücken müssen. "Zum Glück", sagt er: "Vielleicht ist es aber morgen schon so weit. Man weiß es nie."

Intervention

Abseits von Schusswaffen wurde er schon öfters mit gewalttätigen Auseinandersetzungen konfrontiert. "Es kommt immer wieder vor, dass wir eingreifen müssen". Da gehe es in erster Linie um die Abwehr von körperlichen Attacken. Hier agiere man nach klar definierten Kriterien. Das schwierige in dem Job sei, erzählt er, dass "wir zwar präventiv tätig sein sollen, aber immer nur reagieren können". Der Zeitpunkt zum Intervenieren sei klar: "Solche Szenarien werden intensiv trainiert, damit es zu keinen Exzessen kommt." Das wäre fatal, so der Personenschützer: "Für die Leute und die Firma."

"Wir betreuen in Österreich sehr viele Aktiengesellschaften", sagt Aigner über seine Kunden. Seine Firma ist zum Beispiel bei Jahreshauptversammlungen für die Sicherheit zuständig: "Vom Personenschutz über die hermetische Abriegelung der Örtlichkeit bis zu den motorisierten Eskorten." Das seien oft sehr turbulente Veranstaltungen. "Tätliche Auseinandersetzungen sind schon vorgekommen", berichtet er von Eskalationen.

"Existenzen stehen auf dem Spiel"

Zum Beispiel bei der letzten Hauptversammlung der AUA im Dezember: "Da mussten wir sogar die Polizei rufen, weil von einem Aktionär eine gefährliche Drohung ausging." Die Sitzung wurde unterbrochen, der Gast abtransportiert. Aigner kann durchaus nachvollziehen, dass manche Aktionäre ihre Contenance verlieren: "Ganze Existenzen stehen hier oft auf dem Spiel." Und damit Zwischenfälle auf der Tagesordnung.

Türstehen nicht lukrativ

"Man weiß vorher nie, was einen erwartet." Von "extrem unauffällig bis extrem turbulent" reiche die Bandbreite bei Einsätzen. "Sobald etwas langweilig wird, wird es gefährlich", sagt er über die größte Gefahr im Personenschutz: "Man verliert die Aufmerksamkeit." Und die ist Voraussetzung, um brenzlige Situationen schon im Keim zu ersticken. Solche gibt es zur Genüge; etwa bei Lokalen mit Türstehern. Ein Kelch, der an Aigner vorübergeht: "Das machen wir nicht." Ein "Low-Level-Bereich", bei dem die Relation zwischen der preislichen Gestaltung und den vielen Tätlichkeiten nicht stimme.

Gewalt im privaten Umfeld

Neben Aktiengesellschaften gehören auch Privatpersonen zu seinen Kunden. Bei Gewalt in der Familie, Trennungen oder Scheidungen tritt der Personenschützer auf den Plan. "Gewalttätige Partner sind leider häufig ein Problem", erläutert er, "wir betreuen die Person dann entweder rund um die Uhr oder in Schwerpunktaktionen". Beispielsweise wenn sie Sachen in der Wohnung des Ex abholt. "Meistens sind die Leidtragenden Frauen." Im Security-Gewerbe selbst sind die Frauen eine Minderheit. Der Unternehmer bedauert das, denn: "Die Nachfrage nach weiblichen Sicherheitskräften ist absolut vorhanden." Zum Beispiel wenn Kinder beschützt werden müssen: "Frauen gehen eher als Betreuer durch und gelten weniger als demonstrativer Schutz."

"Ein für Frauen zukunftsträchtiger Beruf", prognostiziert Aigner; "wie der Personenschutz an sich". Das Berufsbild habe sich in den letzten Jahren stark verändert. "Ein Personenschützer ist nicht nur ein Personenschützer." Klienten wollen Leute, die sich um ihre Sicherheit kümmern. Und um jede Menge andere Sachen: "Man organisiert viele Dinge. Von der Fahrt ins Büro bis zu Reisen und Unternehmungen aller Art." Securitys mutieren zu persönlichen Betreuern. Als "Multitalent mit Schwerpunkt Sicherheit" bezeichnet das Aigner. "Wissen in verschiedensten Bereichen" sei dafür vonnöten.

Personal "bunt gemischt"

Der Geschäftsführer rekrutiert sein Personal aus den verschiedensten Bereichen. Von Quereinsteigern bis zu ehemaligen Polizisten ist alles dabei. "Bunt gemischt", so Aigner, der am allerliebsten Ex-Cobra-Mitarbeiter beschäftigt: "Da weiß ich, was die können." Vom Können her sind physische und psychische Voraussetzungen gefragt. Weitere wichtige Kriterien seien Motivation, Ehrlichkeit, Pünktlichkeit sowie Diskretion: "Man bekommt in dem Beruf Zugang zu Informationen, die nicht an die Öffentlichkeit dringen dürfen."

Aigner beschäftigt momentan bis zu sieben Mitarbeiter fix, viele weitere "je nach Bedarf". Die nächsten Jahre will er sich sukzessive aus dem operativen Geschäft zurückziehen. "Ich hoffe, dass ich nach und nach Personen aufbauen kann, die mich vertreten." Damit sich der 41-Jährige Schritt für Schritt anderen Dingen widmen kann. Nämlich der Herausforderung, die "gesamte Branche auf ein Niveau mit bestimmten Mindestanforderungen zu stellen". Die Situation derzeit, klagt er, ist "frustrierend und alarmierend zugleich". (Oliver Mark, derStandard.at, 17.3.2010)

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    Security im Einsatz für George Bush: "Man muss für sich Grenzen definieren."

  • Kurt Aigner hat nach fünf Jahren Cobra im Jahr 2002 den Weg in die Selbstständigkeit beschritten.
    foto: privat

    Kurt Aigner hat nach fünf Jahren Cobra im Jahr 2002 den Weg in die Selbstständigkeit beschritten.

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