Die Priesterkrise hat auch politische Folgen

14. März 2010, 19:16

Der Schaden ist groß, weshalb Orden und Amtskirchen rasch eine Lösung entwerfen müssen, wie sie das ehemalige Vertrauen wiederherstellen

Der Flächenbrand wegen der lange vertuschten sexuellen Missbräuche rückt nicht nur das Priestertum der katholischen Kirche in eine Art Schattendasein. Sie wird auch noch jenen politischen Einfluss verlieren, den sie da oder dort (vor allem in einzelnen Landeshauptstädten) noch hatte.

Dabei sollte differenziert werden. Die Skandale rütteln nicht an der inneren Kraft des Christentums. Aber sie gefährden die Autorität der Kirchenführungen, weil sie viel zu lange vertuscht und verzögert haben, Vorwürfe von sich aus aufzuklären. Die österreichischen Bischöfe haben zwar im Unterschied zu den deutschen nicht versucht, eine Art innerkirchliche Gerichtsbarkeit zu errichten, aber die Versäumnisse liegen auf der Hand - und wiegen schwer.

In eine Existenzkrise könnten die Klöster geraten - vor allem, weil die Vorwürfe ihre Kompetenz infrage stellen, Kinder und Jugendliche korrekt zu behandeln.

Dabei geht es sehr wohl auch um die Ganztagsschule. Als katholische Institution wurde sie von der ÖVP immer ausgeklammert, wenn es um die teilweise fast militante Ablehnung dieses Schultyps ging. Dabei schwang, wie bei der früheren Bildungsministerin Elisabeth Gehrer, immer mit: Patres kann man die Kinder ja anvertrauen, sozialistischen Wiener Lehrern nicht.

Jetzt bricht dieses Vertrauen zusammen, selbst wenn man bei weitem nicht alle katholischen Internate in einen Topf (der Unmoral) werfen darf.

Der Schaden ist groß, das katholische Erziehungsmodell diskreditiert, weshalb Orden und Amtskirchen rasch eine Lösung entwerfen müssen, wie sie das ehemalige Vertrauen wiederherstellen.

Dass jetzt sogar der Salzburger Erzbischof Kothgasser den Zölibat überdenken möchte (was die katholischen Bischöfe schon seit Jahrzehnten hätten tun können) zeigt in dramatischer Weise, wie tief die Verunsicherung geht.

In weiter, weiter Ferne, aber unzweifelhaft, wäre bei einem Fall des Zölibats die hierarchische Verfasstheit der Kirche bis hinauf zum Papsttum betroffen. Was aber sicher ist: Bereits nach wenigen Jahrzehnten würde sich die katholische Kirche über eine Rückbesinnung auf die vom Zweiten Vatikanischen Konzil geforderte Einfachheit auf Stil, Struktur und Inhalte der evangelischen Kirchen zubewegen - zumindest auf eine Art Anglikanismus des Kontinents.

Abschwächen würde sich durch einen solchen Prozess das vielfach immer noch herrschaftliche Gehabe kirchlicher Würdenträger - vor allem in Deutschland. Dort hat wohl auch der schnelle Rücktritt der protestantischen Bischöfin Käßmann nach einem Alkoholvergehen die katholische Seite unter Druck gesetzt. Durch- und Aussitzen funktioniert nicht mehr.

CSU und CDU werden nicht auf das "hohe C" in ihren Namen verzichten. Aber jene Christdemokraten, die Bundeskanzlerin Angela Merkel vorwerfen, gegenüber dem "deutschen Papst" zu viel Distanz spüren zu lassen, müssen sicher leisertreten. In der Union wird zumindest vorübergehend die protestantische gegenüber der katholischen (bayrischen und rheinischen) Tradition an Boden gewinnen. (Gerfried Sperl/DER STANDARD - Printausgabe, 15.3.2010)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 92
1 2 3
seppl absmui
00
21.3.2010, 22:59
"Sie wird auch noch jenen politischen Einfluss verlieren, den sie da oder dort (vor allem in einzelnen Landeshauptstädten) noch hatte."

schlimm genug, daß dem jetzt noch so ist - time for a change!

Tobias Kritifax
00
18.3.2010, 18:02
richtig

Sperl tifft es. Exzellent seine Analyse. Unterstreiche die Aussage: "Die Skandale rütteln nicht an der inneren Kraft des Christentums." Der Rücktritt von Käßmann hat gezeigt, dass Christ sein mehr heisst. Mehr jedenfalls als die Amtskirche. Sie (Käßmann) ist es, die nun den richtigen - glaubwürdigen - Weg weisst.

phoenix x
10
15.3.2010, 22:40
Die Skandale rütteln nicht an der inneren Kraft des Christentums.

Das ist wohl ein ausgemachter Unsinn! Wer hat denn diesen ganzen Hokuspokus initiiert? Die so genannte "innere Kraft" kommt ja nur durch renitente Ignoranz an Wahrheit und Realität des christlichen Glaubens zustande.

00
15.3.2010, 18:40
"das ehemalige Vertrauen wiederherstellen" - das wird nicht gehen und selbst der Versuch wird sich verhängnisvoll auswirken - wenn, dann kann es nur ein "neues Vertrauen" geben - auch wenn wir Lichtjahre davon entfernt sind.

I)
Wie sehr die katholische Kirche ein "Grab Gottes" ist, wird zur Zeit besonders deutlich - m.E. weniger an den Mißbrauchstaten, sondern vielmehr an der geradezu demonstrativen Unfähigkeit der meisten "Hirten" sich dazu anständig zu verhalten.

Eine Institution, welche so ziemlich alle Errungenschaften der gesellschaftlichen, kulturellen und geistigen Entwicklung seit dem Mittelalter an sich vorbeiziehen hat lassen - und an diesem Weg immer noch so festhält, als ob die Bibel und auch die spirituellen Traditionen als "geistiges Gut" paranoisch geschützt werden müssten gegen alle anderen geistigen Güter, anstatt die dialogische Auseinandersetzung aufzunehmen - Eine solche Institution hat sich dem Tod geweiht.

00
15.3.2010, 18:40

II) Anders wäre es, wenn die Amtskirche einsähe, dass sie aus dem Vertrauen ihrer Mitglieder in das, was sie verbindet (die biblische Offenbarung und die lebendige Tradition und Fortentwicklung ihrer Deutungen als emotionales und geistiges Band), lebt und ihren Bestand hat (und nicht in Dogmen, Ämtern und Sakramenten, an deren Verständnis niemand rütteln darf). Wie anders würde die Kirche dann aussehen können?
Seien wir realistisch: Der Zug ist abgefahren.

René Herndl
12
15.3.2010, 17:56
Vertrauen?

Im Gegensatz zur Meinung des Autors, die Kirche müsse Vertrauen wiederherstellen, meine ich, dass es eine gute Gelegenheit wäre, die nach wie vor gegebene Macht der r.k. Kirche in Österreich endlich zu brechen und das Unheil, das (nahezu alle) monotheistischen Religionen in der Psyche der Menschen anrichtet, durch eine gesetzliche Neuregelung einzudämmen. Es wäre höchste Zeit das Konkordat zu kündigen und die Religion(en) auf das zu reduzieren, was sie sind, nämlich Vereine (manchmal leicht) verwirrter Menschen, die sich dem Einfluß nicht entziehen konnten. Deshalb auch: Keinen Religionsunterricht mehr und Mitgliedschaft erst ab Volljährigkeit gestatten!

Tobias Kritifax
01
18.3.2010, 18:05
klar

klar...alles weg..damit die Leute der Religion des Geldes, der Religion des Rassenwahn, der Religion der kommunistischen Utopie (der könnt ich noch am ehesten was abgewinnen), der Religion von Neid, der Religion des Darwinismus....

Einfach Gonzales
13
15.3.2010, 17:37

Das ist nur zum Teil ein innerkirchliches Phänonem sondern eher Symptom einer nach dem Krieg (nicht nur) katholisch geprägten Gesellschaftsrealität in Österreich.

Diese war in ihren Idealen (Unterwürfigkeit, Demokratiefeindlichkeit, Kleingeistigkeit, Kulturfeindlichkeit und Xenophobie) in manchen Bereichen doch sehr ähnlich zum Nationalsozialismus.

Und an alle Protestanten, die jetzt mangels Besitz von Internaten (in Österreich) vielleicht versucht sind, sich als bessere Menschen zu gerieren: Dieses Gesellschaftsideal wurde von Protestanten genauso mitgetragen, bzw. forciert, man schaue beispielsweise nur zu den Brüdern nach Kärnten.

manto bamminger
00
15.3.2010, 15:18
Niedergang der großen Weltreligionen

Christentum und Islam war ja leicht, Buddhismus ist sowieso schon mehr eine Lebensphilosophie als eine Religion.
Aber wie werden sie es beim Hinduismus machen?

01
15.3.2010, 18:46
"... s c h o n mehr eine Lebensphilosophie als eine Religion..." - ist es nicht klar, dass Religion, Glaube, Vertrauen, Spiritualität überhaupt nur so möglich ist?

Sind wir nicht im Abendland grauenhaft verbildet bis in eine ungeheure geistig-seelische Tiefe hinein, durch diese Institution Kirche, die von Anfang an eine Mesalliance zwischen einer neuen, bedrohten religiösen Lehre und dem römischen Staat war?

Wenn Spiritualität und religiöse Tradition und Zugehörigkeit wirklich was wert sein sollen - dann muss sie sich auseinandersetzen mit allem dem, was geistiges und intellektuelles Leben auf der Höhe der Zeit ist.

Was soll denn Anderes Sinn machen?

Dieser Widerspruch wird jetzt für die katholische (Amts-)Kirche allzu deutlich, so sie dabei ist, volle gegen die Betonmauer zu rennen.

Wohl bekomm's!

wahre Lüge
 
60
15.3.2010, 13:40
mit den War ..in ihren Reihen

erspart sich die Kirche
wenigstens Heitzkosten

Hr. Wolf
00
15.3.2010, 16:30
ha ha ha

ist ja urlustig .....

DrachiHR
02
15.3.2010, 16:20
Hei-t-zen

sie Ihre Postings ruhig ein!

zhang sanfeng
24
15.3.2010, 13:36
wenn die justiz nicht

so sehr damit beschäftigt wäre, organisationen zu kriminalisieren,
dann wäre jetzt ein guter zeitpunkt, die kriminelle organisation kirche nach §278a anzuklagen.

Londo Mollari
 
02
15.3.2010, 13:15
"die hierarchische Verfasstheit der Kirche "

brrrrrrrr

Sag' zum Abschied leise "Euro"
 
00
15.3.2010, 12:57
Das Thema "Kirche"

hat sich schon bald von selbst erledigt.

Nik M
310
15.3.2010, 12:51
Man sollte die Kirchenskandale zum Anlass nehmen

der Kirche die staatlichen Gelder zur Ausbildung von Kindern und Jugendlichen zu entziehen. Es ist offensichtlich, welches Weltbild in Klosterschulen als Extra den offiziellen Lehrinhalten aufgepackt wird. Dass das auch noch mit staatlichen Geldern geschieht, muss jedem echten Demokraten ein Dorn im Auge sein.

Jetzt zeigt sich, dass man nicht nur die Lebensverlaengerung eines rueckschrittlichen Weltbilds staatlich foerdert, sondern, letztendlich, Kindesmissbrauch. Das kanns ja wohl nicht sein.

Katholische Klosterschulen und Internate sollen zu 100% privat finanziert werden muessen. Wenn jemand sein Kind ideologisch verstuemmeln und einem hohen Missbrauchsrisiko aussetzen will, soll er das wenigstens auf eigene Kosten tun.

Salz Burger
23
15.3.2010, 12:48
Die Diskussion über den Zölibat

ist nur ein Ablenkungsmanöver, das kircheninternen Kritikern gerade recht ist.
Hätte die Kirche etwas Anstand, würde sie sich aus der Kindererziehung zurück ziehen. Das wäre die richtige Antwort aus den Skandal. Aber selber erkennen, das man versagt hat, ist wohl schwierig. Noch mehr vermutlich bei Leuten, die ihr ganzes Leben einer Lüge (der Existenz Gottes) aufgesessen sind. Von denen kann man nichts anderes erwarten, als dass sie das bisherige Verhalten mit aller Kraft decken.

Herr und Frau Österreicher
 
15
15.3.2010, 12:36

Klar ist die Katholische Kirche ein höchst suspekter verein. Aber organisierte Religion ist immer organisierter Unsinn, so auch protestantische Kirchen. siehe: http://www.labournet.de/branchen/... konie.html

okami
213
15.3.2010, 12:32
Die wichtigste politische Konsequenz wäre die Auflösung des Konkordates!

Damit es auch in Österreich eine wirkliche Trennung von Staat und Kirche gibt. So wie wir das von der Türkei fordern!

détente
02
15.3.2010, 17:16
Wie kann sich eine moderne,

vermeintlich selbstbewußte Nation von einem Stück Papier gebunden fühlen, das ihr vor bald 80 Jahren von einem - buchstäblich wie bildlich - Bauernzwerg unter großer Geheimhaltung unterjubelt wurde?

anare
01
15.3.2010, 16:29
Trennung von Kirche und Staat!

www.laizisumus.at

Hr. Burger
26
15.3.2010, 11:47
Die röm.kath. Kirche ist tot


Nur merkt man das nicht gleich, man muss schon näher hinsehen.

Der riesige Koloss Kirche ist eben wie ein Zug ohne Strom, der noch immer dahinbraust, aber allmählich und unmerklich immer langsamer wird, bis er endlich still steht.

Das wird zwar noch ein paar Jahrzehnte dauern, aber der Stillstand ist nicht mehr aufzuhalten, weil die Massen heute gebildeter sind, die Kirchen kaum noch Macht hat und in der Informationsgesellschaft die Widerlichkeiten der Patres bis ins kleinste Nest bekannt werden.

Das war früher alles nicht der Fall und das läßt sich nicht mehr umkehren.

Und das blumige Blah, Blah, Blah wird auch als solches erkannt.

apg.5.29
24
15.3.2010, 13:37
Die röm.-kath. Kirche...

...liegt zwar auf der Intensivstation.

Aber: DIE LAMPE GOTTES IST NOCH NICHT ERLOSCHEN!

NotDarkYet
12
15.3.2010, 16:03
Lampe Gottes?

Die Kirche ist eher die Pestbeule Gottes!

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 92
1 2 3

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.