Der Schaden ist groß, weshalb Orden und Amtskirchen rasch eine Lösung entwerfen müssen, wie sie das ehemalige Vertrauen wiederherstellen
Der Flächenbrand wegen der lange vertuschten sexuellen Missbräuche rückt nicht nur das Priestertum der katholischen Kirche in eine Art Schattendasein. Sie wird auch noch jenen politischen Einfluss verlieren, den sie da oder dort (vor allem in einzelnen Landeshauptstädten) noch hatte.
Dabei sollte differenziert werden. Die Skandale rütteln nicht an der inneren Kraft des Christentums. Aber sie gefährden die Autorität der Kirchenführungen, weil sie viel zu lange vertuscht und verzögert haben, Vorwürfe von sich aus aufzuklären. Die österreichischen Bischöfe haben zwar im Unterschied zu den deutschen nicht versucht, eine Art innerkirchliche Gerichtsbarkeit zu errichten, aber die Versäumnisse liegen auf der Hand - und wiegen schwer.
In eine Existenzkrise könnten die Klöster geraten - vor allem, weil die Vorwürfe ihre Kompetenz infrage stellen, Kinder und Jugendliche korrekt zu behandeln.
Dabei geht es sehr wohl auch um die Ganztagsschule. Als katholische Institution wurde sie von der ÖVP immer ausgeklammert, wenn es um die teilweise fast militante Ablehnung dieses Schultyps ging. Dabei schwang, wie bei der früheren Bildungsministerin Elisabeth Gehrer, immer mit: Patres kann man die Kinder ja anvertrauen, sozialistischen Wiener Lehrern nicht.
Jetzt bricht dieses Vertrauen zusammen, selbst wenn man bei weitem nicht alle katholischen Internate in einen Topf (der Unmoral) werfen darf.
Der Schaden ist groß, das katholische Erziehungsmodell diskreditiert, weshalb Orden und Amtskirchen rasch eine Lösung entwerfen müssen, wie sie das ehemalige Vertrauen wiederherstellen.
Dass jetzt sogar der Salzburger Erzbischof Kothgasser den Zölibat überdenken möchte (was die katholischen Bischöfe schon seit Jahrzehnten hätten tun können) zeigt in dramatischer Weise, wie tief die Verunsicherung geht.
In weiter, weiter Ferne, aber unzweifelhaft, wäre bei einem Fall des Zölibats die hierarchische Verfasstheit der Kirche bis hinauf zum Papsttum betroffen. Was aber sicher ist: Bereits nach wenigen Jahrzehnten würde sich die katholische Kirche über eine Rückbesinnung auf die vom Zweiten Vatikanischen Konzil geforderte Einfachheit auf Stil, Struktur und Inhalte der evangelischen Kirchen zubewegen - zumindest auf eine Art Anglikanismus des Kontinents.
Abschwächen würde sich durch einen solchen Prozess das vielfach immer noch herrschaftliche Gehabe kirchlicher Würdenträger - vor allem in Deutschland. Dort hat wohl auch der schnelle Rücktritt der protestantischen Bischöfin Käßmann nach einem Alkoholvergehen die katholische Seite unter Druck gesetzt. Durch- und Aussitzen funktioniert nicht mehr.
CSU und CDU werden nicht auf das "hohe C" in ihren Namen verzichten. Aber jene Christdemokraten, die Bundeskanzlerin Angela Merkel vorwerfen, gegenüber dem "deutschen Papst" zu viel Distanz spüren zu lassen, müssen sicher leisertreten. In der Union wird zumindest vorübergehend die protestantische gegenüber der katholischen (bayrischen und rheinischen) Tradition an Boden gewinnen. (Gerfried Sperl/DER STANDARD - Printausgabe, 15.3.2010)