Gestisches Unbehagen an der Politik

14. März 2010, 18:34
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Julius Deutschbauer und Alexander Gottfarb im Brut-Theater

Wien - Die Formel "politische Bewegung" meint im Tanz etwas anderes als in der politischen Praxis. - nämlich ganz wörtlich Körpergesten mit meist eindeutiger Aussage. Der junge, aus Schweden stammende und in Österreich arbeitende Choreograf Alexander Gottfarb zeigte bei dem Festival Imagetanz im Brut-Theater, dass die künstlerische Auseinandersetzung mit solchen Gesten eine zeitdiagnostische Dimension hat.

Seine neue Arbeit Political Movements, Part 2 trägt dabei dem allgemein wachsenden Unbehagen an der aktuellen politischen Wirklichkeit Rechnung. Sehr schnell bildet die Gruppe aus drei Tänzerinnen und Gottfarb selbst einen Block, der aus anfänglicher gymnastischer Uniformität bald in militärischen Marschtritt verfällt. Kommandos werden gebellt, diverse Formationen ironisiert, aufgelöst und neu ausgerichtet.

Das in Kooperation mit der Dramaturgin Nathalie Koger penibel choreografierte Stück beruht auf Materialien aus dem allgemeinen Gedächtnis der Mediengesellschaft. Die Tänzer arbeiten nicht mit dem Mittel der Persiflage, sondern mit Gestenfolgen, die überraschende Zusammenhänge zwischen harmlos wirkenden Posen und eindeutig totalitären Körpersignalen herstellen. Ein unheimliches Statement, das die aktuellen realpolitischen Dynamiken und Verwerfungen in Europa treffsicher thematisiert.

Mit dem Unbehagen an gegenwärtigen kulturpolitischen Tendenzen arbeitete Julius Deutschbauer in seiner Performance Heuno im Konzerthauskeller. Der Titel, der aus den Namen der Schlagerikone Heino und des Tanzquartier-Intendanten Walter Heun zusammengebastelt ist, steht symbolisch für jene Retro-Tendenz in der Kunstadministration, die derzeit - von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen - immer mehr zum Gesprächsthema in Künstlerkreisen wird.

Heun, der seinen Ruf, eine pragmatische Besetzung zu sein, bisher noch nicht ablegen konnte, wurde beim Wort genommen. Deutschbauer zerschredderte drei Schlüsselbegriffe aus Heuns Antritts-Statement: "Bodenarbeit" , "Präsenz" und "Gastfreundschaft" . Als Videomaterial gab es Bilder von einer Deutschbauer-Aktion in der Hofburg zu sehen, wo der Künstler und Gäste unter anderem mit einem Skibob die ehrwürdigen Stiegen herunterratterten.

Der Soloperformer, musikalisch unterstützt von Alvin Z. Sudia alias Nummernkerl, wusch den Bühnenboden (Bodenarbeit), zitierte mit starker Präsenz aus der Bibel sowie aus Bruno Schulz' Die Zimtläden und spendierte dem Publikum gastfreundlich Pizzen. Deutschbauer wies damit auf die rhetorischen Gemeinplätze eines wachsenden Pragmatismus in der Kulturpolitik hin.

Es geht also auch um Warnsignale bei Imagetanz, das heute, Montag, mit Arbeiten zweier weiterer junger Choreografie-Talente, Martina Ruhsam und Magdalena Chowaniec, weitergeht. (Helmut Ploebst, DER STANDARD/Printausgabe, 15.03.2010)

  • Julius Deutschbauer arbeitet gegen die Phrasendrescherei der 
Kulturpolitik an.
    foto: imagetanz

    Julius Deutschbauer arbeitet gegen die Phrasendrescherei der Kulturpolitik an.

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