Fahrt im tosenden Karussell

14. März 2010, 18:31
8 Postings

Viktor Bodó feiert den "Liliom" seines Landsmannes Ferenc Molnár in Graz und beweist, dass der "Nichtsnutz" auch nach 100 Jahren noch berührt

Witz, Tempo, Tiefgang und Apokalypse.

Graz – Das kurze Leben des beliebtesten Hutschenschleuderers der Theatergeschichte wird kurz nach der Premiere im Wiener Volkstheater seit Freitag auch im Grazer Schauspielhaus erzählt.

Der ungarische Regisseur Viktor Bodó präsentiert einen großen, vielseitigen, trotzigen Liliom, der sich nicht anbiedert, nicht sympathisch sein will – und es freilich ist. Jan Thümer setzt ihn mit großer Sensibilität um und verzichtet auf den halbseidenen Schablonen-Praterstrizzi. Und Bodó lässt in einer berauschend flotten Inszenierung trotzdem jedem Zeit, nach Herzenslust zu spielen.

Dabei werden vielsagende und wunderschöne Bilder (Bühne: Pascal Raich) in ihrer Abfolge zur anregenden Achterbahnfahrt. Das erste Erscheinen Lilioms ist hoch oben im zweiten Rang des Biedermeier-Logentheaters, das mit seinen zum Blinken gebrachten Saallichtern (Licht: Tamás Bányai) selbst zum Karussell mutiert. Von dort spricht er zu seiner jungen, innerlich starken Frau, dem Dienstmädchen Julie Zeller, die eine nicht weniger überzeugende Kata Petö spielt. Zwar arbeitet Bodó mit der Übersetzung von Alfred Polgar, Ungarisch wird aber trotzdem immer wieder gesprochen.

Verarmt und verheiratet

Petö ist Mitglied von Bodós Budapester Szputnyik Shipping Company und wechselt immer wieder kurz in ihre Muttersprache, wenn sie das Unaussprechliche zu sagen wagt, also etwa dem toten Gatten, der sich nach einem missglückten Raubüberfall ersticht, die Liebe gesteht. Beim Kennenlernen auf einer Parkbank vor dem Vorhang kokettiert man noch. Dann hebt sich der Vorhang vor einem großen grauen Loft, in dem Liliom und Julie verzweifelt, verarmt und verheiratet hausen.

Nach Lilioms Tod bricht hier (mit Großeinsatz der Haustechnik) der Himmel auf – und die Hölle los: In einem Getöse wie in Hollywood-Kriegsszenen wird alles in Schutt und Asche gelegt. Dann wird dem Publikum der infernalische Staub, der Liliom erwartet, wie eine Druckwelle ins Gesicht geblasen.

Doch vor der Hölle kommt Liliom in die weiße Himmels-Bürokratie mit Aktentürmen und skurril hüpfenden Gehilfen (Martina Stilp und Claudius Körber). Hier wir klar: Gerechtigkeit gibt es nirgendwo. Freund Fiscur, den Sebastian Reiß wunderbar schleimig und abgründig auf Abwege führt, entkam nicht nur der gemeinsamen Verhaftung im Diesseits. Er schleicht sich auch "erleuchtet" ins Himmelreich ein.

So traurig Lilioms kurzes posthumes Zusammentreffen mit der 16-jährigen Tochter Luise ist, die Andrea Wenzl im starken Kurzauftritt gibt, so still und traurig endet der Abend mit den beiden allein zurückgelassenen Frauen.

Dass der Abend auch voller Komik ist, dafür sorgen Julies naive Freundin Marie (Sophie Hottinger), deren nervöser Bräutigam Wolf (Thomas Frank) und Steffi Krautz als schamlose Karussellbesitzerin Frau Muskat. (Colette M. Schmidt, DER STANDARD/Printausgabe, 15.03.2010)

  • Vor Freude über die Schwangerschaft seiner Julie lässt es Liliom (Jan 
Thümer) Kirschen regnen. Aber nur wenn es keiner sieht. Seine Tochter 
wird er auch niemals sehen.
    foto: peter manninger

    Vor Freude über die Schwangerschaft seiner Julie lässt es Liliom (Jan Thümer) Kirschen regnen. Aber nur wenn es keiner sieht. Seine Tochter wird er auch niemals sehen.

Share if you care.