Owen im Wunderland

    15. März 2010, 11:47
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    Owen Pallett schickt auf seinem dritten Album den Farmer Lewis auf eine Reise zu sich selbst und die Hörer in eine farbenfrohe Klangwelt in 3D

    Owen Pallett ist nicht mehr Final Fantasy. Für sein drittes Album "Heartland" verwendet der 30-jährige Kanadier seinen eigenen Namen. Der offizielle Grund dafür ist, dass die Platte erstmals in Japan veröffentlicht wird und die Gefahr einer Verwechslung mit dem populären Computerspiel zu groß sei. Vielleicht wollte sich Pallett auch einfach von seinem Jugendprojekt emanzipieren. Denn mit "Heartland" gelingt ihm ein monumentales Pop-Märchen, da liegt es nahe, dass der Künstler nun den eigenen Namen darüber setzt. Das Fantastische spiegelt sich aber weiterhin in der Musik wider: Setzen Blockbuster wie Avatar oder Alice im Wunderland auf 3D-Effekte, ist dieses Elemente auch in Palletts Musik präsent - auf dem neuen Album gelingt das besser denn je. Wenn man Kopfhörer aufsetzt, sollten Klänge ertönen, die man direkt im Ohr hört, und andere, die weit weg sind, erklärte der Musiker.

    Er schildert auf "Heartland" die Geschichte des brutalen Farmers Lewis, der im Reich "Spectrum" lebt: "I took No-Face by the beak, and broke his jaw, he'll never speak again" singt er in Lewis takes action über leicht verstimmt klingende Blechbläser. "I've been in love with Owen ever since I heard the strains of Psalm 21", singt die Kunstfigur in "Tryst With Mephistophele". Daher bleibt ihm nichts anderes übrig: Er verlässt Frau, Kind und Hof, um sich auf die Suche nach seinem Schöpfer "Owen" zu machen. "As the cutlass came down on a Saturday night/Left an unplanted field, left my daughter and wife/ Called away into service for a clerical life", heißt es im Opener "Midnight directives". Der Titel "Heartland" bezieht sich übrigens auf ein von Politikern in den USA und Kanada verwendeten Begriff für die Arbeiterklasse.

    Baukastenprinzip

    Auf dem neuen Album schichtet Pallett die Klangstrukturen noch raffinierter übereinander. Wie bisher klopft, zupft und streicht er die Töne aus seinem Hauptinstrument, der Geige und kombiniert sie mit Keyboard, Schlaginstrumenten und großflächigem Orchesterklang, den er mit den Prager Symphonikern erarbeitete. Bei seinen ersten zwei Soloalben "Final Fantasy Has A Good Home" (2005) und "He Poos Clouds" (2006) setzte er zwar schon Streicher und klassische Arrangements ein, ging jedoch noch minimalistischer vor. In den vergangenen Jahren arbeitete er als Streicherarrangeur für Bands wie die Pet Shop Boys, Arcade Fire und die Hidden Cameras. Vielleicht hat ihn die Zusammenarbeit dazu inspiriert, den großen Pathos auch auf die eigene Musik umzulegen. Im Gegensatz zu vielen aktuellen Popprojekten kippt der Einsatz des Orchesters bei Pallett jedoch nie ins Kitschige.

    Das liegt auch an seiner unaufgeregten Art des Singens: Mit klassisch geschulter Stimme betont er in langgedehnten Silben die Wörter, sodass sich eine weitere Klangebene ergibt. Besonders plastisch wird die Musik im Song "The Great Elsewhere", den er schon vergangenes Jahr bei der FM4 Radiosession im RadioKulturHaus vorstellte. "The sound will be everywhere in this room", stellte er sein Lied vor. Zunächst entwickelt sich eine nervöse Keyboardlinie, über die sich Streicher, Stimme und schließlich Bläser und Schlagzeug legen.

    Die Arbeit mit Klangschichten und Looppedal, das er am liebsten barfuß bedient, erlaubt kaum Fehler. Dass diese komplizierten Arrangements jedoch live funktionieren, bewies Pallett schon öfters in Wien. Bei der Radiosession unterstützte ihn das Radiosymphonie Orchester und trotz kurzer Probezeit passte das Timing perfekt. Doch auch als Ein-Mann-Band mit Geige, Loop-Station und seiner Stimme schafft es Pallett das Publikum in seinen Bann zu ziehen.

    Die Technik des zeitverzögerten Abspielens von instrumentalen Klängen und Gesangslinien erinnert an die Cellistin Zoe Keating oder Singer/Songwriter Andrew Bird. Doch beiden ist Pallett in Präzision, aber auch scheinbarer klanglicher Leichtigkeit überlegen. Das Schaffen einer eigenen Klang- und Fantasiewelt für seine Alben ruft auch immer wieder Assoziationen zu Freak-Folkerin Joanna Newsom hervor. Deren Song "Peach, Plum, Pear" covert er regelmäßig bei seinen Konzerten. Im Gegensatz zu der 28-jährigen Harfenistin orientierte sich Pallett jedoch nicht nur an klassischer, sondern vor allem am Duktus elektronischer Musik.

    Hoch die Tassen

    Als sich Lewis nach 46 Minuten und für Palletts Musik überraschend vielen Dur-Klängen dem Ende seiner Reise nähert, scheint er versöhnlich gestimmt zu sein. Seinen Schöpfer hat er nicht getroffen, jedoch ist er zu einer anderen Einsicht in "What Do You Think Will Happen Now?" gelangt: "I reaffirm my endless devotion/To the belief that/We're all of value, we're all of virtue/And so inclined we fill up our cups and toast to each other". (jus, derStandard.at, 15. März 2010)

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