"Übergriffe nicht verjähren lassen"

12. März 2010, 20:15
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Johannes Wancata kümmert sich um Missbrauchsopfer in der Erzdiözese Wien - Er schildert, warum Missbrauch nicht primär ein Problem der Kirche ist

Standard: Sie haben als Psychiater und als Leiter der Ombudsstelle der Erzdiözese Wien mit den Opfern von Kindesmissbrauch zu tun: Wie geht es jemandem, der nach 20, vielleicht sogar nach 40 Jahren sein Schweigen bricht?

Wancata: Die meisten schämen sich immer noch, dass ihnen so etwas passiert ist. Sie fragen sich, ob sie etwas falsch gemacht haben, was natürlich durch nichts gerechtfertigt ist. Manche haben Zorn und Wut, wollen, dass der Täter so etwas nie wieder tun kann - und manche wollen dem Täter direkt ins Gesicht sagen, was er ihnen angetan hat.

Standard: Sie konfrontieren die Opfer mit den Tätern?

Wancata: Ja, aber nur, wenn die Opfer das wünschen - und das tun sie sogar in der Mehrheit der Fälle - und wenn es noch möglich ist, kümmern wir uns darum.

Standard: Führen Missbrauchsopfer dennoch ein normales Leben?

Wancata: Das ist sehr, sehr gemischt. Es hängt auch davon ab, was und wann es passiert ist. Sexueller Missbrauch hat ein breites Spektrum. Das geht von Berührungen im Genitalbereich, wo Täter die Gelegenheit suchen, etwa, wenn ein Kind krank ist und gepflegt werden muss - bis hin zu gegenseitiger Befriedigung und Geschlechtsverkehr. Es gibt Kinder, denen das mit 13 passiert ist, die sich über die Täter eher lustig gemacht und gesagt haben, der hat einen Vogel. Und es gibt die deutlich Jüngeren, die völlig hilflos und ausgeliefert sind.

Standard: Woran leiden diese Kinder dann später?

Wancata: Das beginnt mit psychosomatischen Beschwerden, Bauchschmerzen, die wollen nicht turnen gehen und oft nicht mehr mit anderen Kindern spielen. Später kommen Probleme mit der eigenen Sexualität dazu und Probleme mit dem Partner. Oft können Opfer kein Vertrauen zu anderen Menschen aufbauen.

Standard: Wie oft kommt es vor, dass aus Opfern selbst Täter werden - so etwa wie im Fall des ost-steirischen Pfarrers, der nun zurückgetreten ist?

Wancata: Das gibt es immer wieder, dass sich Schwache dann noch Schwächere suchen, weil sie mit der eigenen Sexualität nicht fertigwerden. Aber ich würde sagen, das passiert in weniger als der Hälfte der Fälle.

Standard: Halten Sie längere Verjährungsfristen für sinnvoll?

Wancata: Aus Sicht des Psychiaters auf jeden Fall. Die meisten Opfer brauchen länger als die gesetzliche Frist, um ihren Missbrauch zu artikulieren. Man könnte auch überlegen, sexuelle Übergriffe überhaupt nicht verjähren zu lassen. Das ist meine Meinung - ob es strafrechtlich sinnvoll ist, weiß ich nicht.

Standard: Sie haben kürzlich gemeint, Verfehlungen dieser Art gebe es überall, das sei kein kirchenspezifisches Problem. Müssen Sie das angesichts der Menge der Fälle nicht revidieren?

Wancata: Wir wissen, dass alle Gesellschaftsschichten betroffen waren. Studien, die seriös erheben, ob Missbrauch im kirchlichen Bereich öfter vorkommen, gibt es bis dato nicht. Dieses Feld hat die Wissenschaft bis dato auch vernachlässigt, es gibt jedes Jahr 300- bis 500-mal mehr Studien zum Thema Depression oder Schizophrenie als zu Pädophilie.

Standard: Begünstigen abgeschlossene Systeme, wie es sie in der Kirche gibt, Missbrauch?

Wancata: Da stimme ich prinzipiell zu - aber das gilt auch für die Mühl-Kommune. Alle abgeschlossenen Systeme, egal ob in oder außerhalb der Kirche, sind für Täter von Vorteil. Sie haben dann die Hoffnung, dass ihre Taten nicht auffliegen.

Standard: Glauben Sie, die Aufhebung des Zölibats wäre die Lösung?

Wancata: Das wäre zu einfach. Burschen, die mit ihrer Sexualität nicht zurechtkommen, glauben vielleicht, dass der Zölibat eine Lösung ihrer Probleme bedeutet - das fällt ihnen dann auf den Kopf. Das heißt umgekehrt nicht, dass jeder, der den Zölibat lebt, ein Problem mit seiner Sexualität hat.

Standard: Was sagen Sie zu Aussagen wie der des deutschen Bischofs Mixa, dass die "sexualisierte Gesellschaft" schuld sei; oder Kardinal Schönborn, der meint, man müsse auch über die "sexuelle 68er-Revolution" reden?

Wancata: Ich kenne die Aussagen von Bischof Mixa nur aus den Medien, und was ich da gelesen habe, scheint mir grob vereinfachend. Die Wege der Sexuellen Revolution 1968 waren sehr heterogen, das ist ja das Wesen von Revolutionen - und manchmal hat man sich auch verlaufen, etwa, wie schon erwähnt, bei der Mühl-Kommune.

Standard: Meinen Sie, die Kirche sollte Wiedergutmachung anbieten? Geld?

Wancata: Das ist eine zweischneidige Sache. Manche Opfer haben eine lange, kostspielige Therapie vor sich. Hier wäre es mehr als sinnvoll, wenn die Täter - oder falls die nicht verfügbar sind - die Kirche die Kosten übernimmt. Aber grundsätzlich Geld anzubieten hätte den Hautgout, dass sich die Kirche freikaufen möchte - und ich glaube auch, dass das bei manchen Opfern ganz schlecht ankommen würde. (Petra Stuiber/DER STANDARD, Printausgabe, 13./14. März 2010)

Zur Person

Johannes Wancata, 51 Jahre, ist Psychiater und Professor an der Med-Uni Wien und seit Anfang 2009 Leiter der Ombudsstelle der Erzdiözese Wien für Opfer sexuellen Missbrauchs.

  • 1996 wurde die Ombudsstelle der Erzdiözese Wien für "Opfer sexuellen Missbrauchs in der Kirche" eingerichtet - Johannes Wancata ist seit Anfang 2009 deren Leiter
    foto: privat

    1996 wurde die Ombudsstelle der Erzdiözese Wien für "Opfer sexuellen Missbrauchs in der Kirche" eingerichtet - Johannes Wancata ist seit Anfang 2009 deren Leiter

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