In einigen Bundesländern gibt es bereits erste Anzeichen für eine neue Welle an Kirchenaustritten
Georg Plank sitzt im Brennpunkt. Hier in der Chefetage der Kommunikationsstelle der Diözese Graz-Seckau laufen seit Tagen die Meldungen zusammen, hier wird das Ausmaß des systemimmanenten Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche einigermaßen ermessbar. Mit ersten Konsequenzen: Eine bereits einsetzende Austrittswelle dürfte das Ausmaß der Kirchenflucht vom März letzten Jahres nach der Affäre um den designierten Linzer Weihbischof Gerhard Maria Wagner bei weitem übertreffen, befürchtet man auch hier in der steirischen Diözese.
Kommunikationschef Plank im Gespräch mit dem Standard: "Wir spüren derzeit einen deutlichen Anstieg." Ähnliches wurde in den letzten Tagen auch in anderen Bundesländern registriert. Laut Salzburger Nachrichten gebe es etwa "massenhafte Austritte" in Teilen Tirols und in Bregenz.
Im Frühjahr 2009 kehrten allein in der Steiermark mehr als tausend Katholiken innerhalb eines Monats ihrer Kirche den Rücken.
Sieben Missbrauchsfälle sind hier in der Grazer Diözese seit 1996 klar dokumentiert, aber bei allem demonstrativen Bekenntnis zu einer neuen Offenheit tut sich auch diese Kirchenstelle nach wie vor leichter, darüber zu schweigen denn zu reden. Sie gibt keine detaillierte Auskunft über die Missbrauchsfälle, nichts über die Opfer, nichts über die Täter. Waren es prominente kirchliche Internate oder Landpfarrer? Die Wahrheit kommt auf anderen Wegen ans Tageslicht und in Medien.
Täglich melden sich neue Opfer sexueller Übergriffe zu Wort: Zuletzt in Salzburg, in der Steiermark, in Vorarlberg, Tirol und auch in Südtirol, die dort das Heim von Kloster Neustift bei Brixen betreffen. Nach Angaben eines Betroffenen sollen Kinder in den 1950er- und 1960er-Jahren missbraucht worden sein. Die Presse wiederum dokumentierte den Fall eines heute 64 Jahre alten Missbrauchsopfers aus dem katholischen Internat im Zisterzienserstift Wilhering (OÖ). Der Mann hatte Peinigungen und sexuelle Gewalt erdulden müssen: "Es war die Hölle auf Erden."
Kardinal Christoph Schönborn hält angesichts der Fälle sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche Selbstmitleid für "unangebracht". Auch wenn es schmerzlich sei, müssten die Mitglieder der Kirche in diesen Tagen "Anfeindungen aushalten", sagte Schönborn am Freitag in Wien. Das Thema Missbrauch sei "auch ein gesellschaftliches Problem, nicht nur ein kirchliches".
"Wir müssen das dunkle Kapitel aufarbeiten, Opfer haben ein Recht auf Entschuldigung und kompromisslose Aufklärung", sagt Anselm van der Linde, seit einem Jahr Abt im Vorarlberger Zisterzienserkloster Wettingen-Mehrerau. Der junge Geistliche muss die Fehler seiner Vorgänger ausbaden. 13 Missbrauchsfälle durch Geistliche soll es zwischen den 1960er-Jahren und 2001 am renommierten Bregenzer Bubeninternat gegeben haben. Einen wegen pädophiler Übergriffe ins Kloster Mehrerau strafversetzten Pater setzte man in den 1960ern dort bei Erstklässlern ein. "Ein Riesenfehler", sagte van der Linde am Freitag bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Generalvikar Benno Elbs. Ein weiterer Pater, der in den 1980er-Jahren Buben missbrauchte, wurde nach Tirol versetzt, aber nie angezeigt.
Erste Konsequenzen
Um künftige Übergriffe zu vermeiden, wird in Mehrerau ein Verhaltenskodex ausgearbeitet, der für Patres, Lehrer, Mitarbeiter und Schüler bindend sein wird. Psychologische Eignungstests vor dem Klostereintritt werden verpflichtend. Die Kirche müsse sich dem Thema Sexualität stellen.Der bisherige Umgang mit der Thematik könnte dazu geführt haben, dass sich Menschen mit pädophilen Neigungen "in der Kirche verstecken, weil sie wissen, dass man hier nicht über Sex redet".
Die Missbrauchsdebatte in der Kirche hat nun auch die Politik erreicht. Nach der SPÖ kann sich auch ÖVP-Chef Josef Pröll schärfere Regelungen wie eine Anzeigepflicht fürs Seelsorger und Kirchenmitarbeiter vorstellen. FPÖ und BZÖ wollen noch rigoroser vorgehen. FP-Chef Heinz-Christian Strache sprach von "medizinischer Kastration", das BZÖ forderte eine Streichung der Verjährungsfristen. (Jutta Berger/Walter Müller/DER STANDARD, Printausgabe, 13./14. März 2010)