Christoph Badelt

Regeln, nicht Beschränkungen!

12. März 2010 19:03

WU-Rektor Badelt antwortet seinen Kritikern

Betrifft: Reaktionen von Harald Mahrer (11. 3.) und Andrea Kuntzl 12. 3.) auf Christoph Badelt ("Die Politik wird zum Drama", 10. 3.)

Sowohl Herr Mahrer als auch Frau Kuntzl fordern eine Diskussion des gesellschaftspolitischen Hintergrunds meiner Kritik. Das ist mir sehr recht: Ich habe in den letzten fünf Jahren als Präsident der Universitätenkonferenz in mindestens hundert öffentlichen Aussagen (in allen österreichischen Medien und bei Veranstaltungen) immer wieder betont: Die Unis in Österreich brauchen wesentlich mehr Geld und eine massive Erweiterung der Kapazitäten. Die Unterrepräsentanz sogenannter "bildungsferner Schichten" an den Unis ist skandalös und wirtschaftlich nachteilig, weshalb dieses Land vor allem eine Öffnung der Schule der Zehn- bis 14-Jährigen und ein wirklich großzügiges Stipendiensystem braucht.

Nur: Das Geld ist bis heute nicht gekommen und es wird auch in den nächsten Jahren nicht kommen, siehe die Budgetbeschlüsse beider Koalitionspartner am Beginn dieser Woche. Bildungsexpansion geschieht nicht dadurch, dass man über sie redet, sondern dass man Taten setzt und die Kapazitäten erweitert. In Wahrheit sind die Betreuungsrelationen an der WU seit 2002 (also sowohl unter Schwarz-Blau als auch unter Rot-Schwarz) immer schlechter geworden. Und so haben wir heute schon rund fünfmal so viele Anfänger wie Studienplätze.

Ich will gar keine Zugangsbeschränkungen - die sind durch die begrenzten Kapazitäten leider schon längst da. Ich fordere ein transparentes und faires System (Zugangsregeln), damit die leider knappen Plätze jenen Studieninteressierten zur Verfügung gestellt werden, die auch eine Chance haben, das Studium erfolgreich abzuschließen. Die Einführung der von uns vorgeschlagenen Zugangsregeln würde insgesamt mehr Studierenden die Chance zum erfolgreichen Abschluss geben, als das heute der Fall ist, weil wir nicht große Kapazitäten für Studierende binden müssten, die zwar Lehrveranstaltungen besuchen, aber gar nicht zu Prüfungen antreten.

Unser Vorschlag würde es auch erlauben, spezielle Programme für benachteiligte Bevölkerungsschichten anzubieten. Dies könnte genauso wie die Einhaltung einer gendergerechten Aufnahmepolitik in den Leistungsvereinbarungen verbindlich vereinbart werden. Und wenn es wirklich einmal mehr Geld gibt, könnte Jahr für Jahr eine Erhöhung der Aufnahmezahlen fixiert werden. So aber wird von mehr Geld nur geredet, ohne dass die Kapazitäten erweitert werden, weshalb jedes Jahr ein immer größerer Anteil an Studierenden aus der Uni hinausgeprüft wird. Dies stempelt diese jungen Menschen zu Versagern und stiehlt ihnen wertvolle Lebenszeit.

Und übrigens: Niemand verlangt von der Regierung, eine rechtswidrige Verordnung zu beschließen. Der WU-Antrag weist einen rechtskonformen Weg. Die Regierung muss nur endlich das Problem lösen wollen. (Christoph Badelt, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.3.2010)

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witherabbitt
 
13.03.2010 19:13


Herrn Badelt zur Feindfigur im Rahmen der Bologna-Diskussion zu machen, scheint mir verfehlt. Um das Angebot aufzustocken, muß doch wieder der Staat investieren. So viel zur Reichweite derjenigen Metaphorik, die das europäische Bildungssystem allein aus Marktprinzipien reformieren will.

120 Jahre Karl Schranz
14.03.2010 11:16
der staat muss bildung bereitstellen, weil sie von privaten anbietern nicht in ausreichendem maß zur verfügung gestellt werden würde. das ist bei allen öffentlichen gütern

(wobei bildung eigentlich kein "klassisches" öffentl. gut ist) so. das ist teil ein jeder marktwirtschaft, hat nichts mit kommunismus zu tun und wird auch von den bologna-architekten nicht angezweifelt. der europäische hochschulraum als markt bedeutet einfach nur, dass die unis nicht mehr nur mit den unis des eigenen landes in konkurrenz um gute studenten und lehrkräfte stehen. dass ein maturant sich irgendwann einmal nicht mehr nur zwischen wien und graz oder evtl noch münchen entscheidet, sondern unis in ganz europa in seine entscheidungen einbezieht, ist durchweg positiv. und das erreicht man letztlich durch instrumente wie die des bolonga-prozess: einheitliche abschlüsse, vergleichbare studienleistung etc.

witherabbitt
 
14.03.2010 20:29


Dagegen wäre auch nichts zu sagen. Mir wird nur schlecht, wenn Bildungsökonomen die Definitionsmächtigkeit des Bildungsbegriffes beanspruchen, und womöglich noch die empirischen Kognitionswissenschaften als wissenschaftlichen Leitfaden der Bildungsdebatte ausgeben.

popokatepetl
13.03.2010 17:16
Wo sind die Gewerkschaften wenn ma sie braucht?

nicht da!

der österreichischen gewerkschaft würde es wohl nichtmal einfallen zu streiken, oder daszu aufzurufen wenn der sozialstaat abgeschaft würde...wieso denn auch?

all die gewerkschaftskader haben sich schon sehr daran gewöhnt mehr zeit mit den bossen zu verbringen als mit der basis. da kommt dann natürlich auch die idee sehr abwegig vor, solidarität mit den studenten zu üben...

ich schei**e auf euch, ihr sesslewärmer!

RichardRoe
13.03.2010 13:44

Als ich in den frühen 60er Jahren an der TU studierte, da mußte man sich vor 6 Uhr früh in der Gußhausstrasse für Mathe I anstellen, um im großen Hörsaal noch einen Sitzplatz zu bekommen. Was, bittschön, hat sich in den letzten 50 Jahren geändert?

Da kam das Internet, da kam Multimedia, völlig ignoriert von Politik und Hochschulen, die wurschtelten weiter wie bisher. Frontalunterricht, hasten von Hörsaal A zum Hörsaal B, kein Platz da, keiner dort ...

Warum, zum Teufel, ist es nicht möglich, die Uni-Räumlichkeiten *nur mehr* für Übungen, Seminare, Kolloquien, Labore etc und Prüfungen zu reservieren und den Studierenden eine Handvoll DVDs in die Hand zu drücken (oder die web-Adresse) und zu sagen: das mußt Du können, das prüfen wir!?

X Y
13.03.2010 13:11
Der Herr Badelt

kämpft verzweifelt gegen die Windmühlen der ideologischen Blendung der österreichischen Politik. Aber es will ja nicht nur die Frau Kuntzl nicht verstehen, was er sagt, sondern meiner bescheidenen Einschätzung nach auch die Mehrzahl der Standard-Poster. Ich würde gerne wissen, ob das auch bei der Mehrheit aller Akademiker der Fall ist, oder ob es neben der ideologischen Verwirrtheit auch eine Korrelation zwischen fehlendem Studienabschluss oder kompletter Vermeidung einer Universität und der Position "je mehr man reinstopfen kann, desto besser" gibt.

Alkolix
13.03.2010 11:11
aber wenn schon

sollte man das gerechteste System hernehmen - den zufall

z.b. aufnahme Bingo spielen oder ähnliches

nicht einen Aufnahmetest der der breiten Masse ein "faires" Testverfahren vorgaukelt - und dabei verschweigt, dass nach intelligenz zu reihen genauso unfair ist wie nach haarlänge

Henry Flower
14.03.2010 08:15
dass nach intelligenz zu reihen genauso unfair ist wie nach haarlänge

naja, nicht an einer universität - dort gehts genau darum wer am intelligentesten sein kann.

Alkolix
14.03.2010 10:25
bitte

wer hat diesen unsinn in die welt gesetzt

in einer universität bilden sich studenten weiter - das ist kein wettbewerb

Martin Schwarzbauer
 
13.03.2010 15:47
Das ist hoffentlich nicht ihr Ernst

Erstens sind Aufnahmetests keine Intelligenztests, obwohl mehr Intelligenz bei der Bewältigung der Aufgaben sicher nicht schadet. Es handelt sich um Tests, die - soweit möglich - die für das Studium relevanten Talente des Teilnehmers fordern soll.
Das Ergebnis sagt also etwas über die Eignung des Kandidaten für die jeweilige Studienrichtung aus.

Nachzuweisen wäre, dass zwischen Abschneiden beim Eignungstest und Wahrscheinlichkeit des Studienabschlusses eine starke Korrelation besteht - dann ist die Auswahl anhand des Tests zielführend und auch gerecht.

Zufällige Auswahl ist ungerecht gegenüber jenen, die sich ernsthaft vorbereiten und studieren wollen. Das gleiche gilt für Haarlänge und alle anderen unsachlichen Kriterien.

Alkolix
13.03.2010 16:15
ja sehen sie

die wahrscheinlichkeit trifft immer nur auf große gruppen zu, nie auf den einzelnen
diese test sind somit für den einzelnen ungerecht denn wieso sollte einer der einer gruppe mit mehr studienabbrechen zugerechnet wird benachteiligt werden?
das ist genauso toll wie die kundendienstqualität nach dem wohnort einzuteilen

und wer ein studium anfängt tut das anfangs in der regel mit der absicht es fertig zu machen

Martin Schwarzbauer
 
13.03.2010 16:58

1) Auf diese Aufnahmetests kann man sich vorbereiten. Das ist zwar ein Aufwand, steigert aber die Erfolgschancen enorm. Wer sich diesen Aufwand antut, dem liegt offenbar mehr an dem Studium als jemandem, der das nicht tut.

2) Aufnahmetests können wiederholt werden. Ein einmaliger Ausrutscher bedeutet nicht das Ende einer akademischen Karriere.

3) Es wird niemand benachteiligt, es wird objektiv die Eignung gemessen (ok, annäherungsweise) und den vielversprechendsten Kandidaten ein Studienplatz gegeben.

4) Nach Ihrer Logik müssten auch Arbeitgeber per Los unter allen Bewerbern mit den erforderlichen formellen Mindestqualifikationen entscheiden.

5) "In der Regel" würde ich nicht als gegeben annehmen. Planlose Studienanfänger gibt es viele.

Alkolix
13.03.2010 17:05
ja es geht nicht um aufnahmetest

die die eignung feststellen - dazu haben wir eigentlich die matura oder studienberechtigungsprüfung

damit können sie die menge nicht begrenzen

es geht um reihungstests

Martin Schwarzbauer
 
13.03.2010 17:21

"Eignung" ist ja kein binärer Wert, es gibt zwischen "nicht geeignet" und "perfekt geeignet" jede Menge Abstufungen.
Man kann dann zwei Vorgehensweisen wählen:
a) einen Schwellenwert definieren und alle zulassen, die ihn Erreichen
b) eine fixe Anzahl zulassen, d.h. die mit den höchsten Eignungsgraden

In manchen Situationen ist ersteres sinnvoll, in manchen letzteres. Wenn die Kapazitäten nicht variabel sind, ist b) besser.

Matura/Studienberechtigungsprüfung entspricht der formalen Mindestqualifikation aus meinem Punkt 4. Diese kann eigentlich gar nichts über die Eignung zu einem Studium einer bestimmten Fachrichtung aussagen.
Außerdem sind die notwendigen Kenntnisse zum Erlangen einer Studienberechtigung derzeit sehr unterschiedlich.

Alkolix
13.03.2010 17:34
k

dann in aller härte

sie müssten erstmal die studienbedingungen des einzelnen prüfen, muss er um sich zu fi nanzieren nebenbei arbeiten wird er schonmal stark runtergewertet immerhin kann er sich so nicht voll aufs studium konzentrieren

hat er eltern mit guter bildung oder verwante mit fachspezifischer bildungung wird er aufgewertet, er hat die möglichkeit sich neben dem studium zusätzliche hilfe zu holen

es ist logisch die beste möglichkeit ein reihungstest - aber egal wie, immer ungerecht und diskriminierend

deswegen kann es für einen modernen aufgeschlossenen menschen keine möglichkeit darstellen - da ist man eben hilflos, man könnte die studien ja so umstellen, dass sie möglichst wenig anwesenheit vorraussetzen mehr vorlesungen..

Martin Schwarzbauer
 
13.03.2010 17:45

Ein Aufnahme- bzw. Eignungstest bezieht die Lebensumstände des Kandidaten nicht direkt mit ein, sondern bestimmt, wie talentiert und wie gut vorbereitet ein Kandidat ist.

Ersteres ist eine Voraussetzung für erfolgreiches Studieren, letzteres ein Indiz für eine gewisse Ernsthaftigkeit, die ebenfalls Voraussetzung ist.
Ein Eignungstest kann klarerweise nicht 100%ig vorhersagen, ob ein Kandidat sein Studium abschließen wird - das ist unmöglich.

Man kann aber wesentlich bessere Ergebnisse erzielen als durch Zufall. Die besten 1300 Kandidaten zu nehmen ist weniger falsch als 1300 zufällig ausgewählte Kandidaten zu nehmen.

Der Idealfall wäre natürlich, dass Aufnahmebeschränkungen gar nicht nötig sind. Das ist aber derzeit nicht realistisch.

Alkolix
13.03.2010 17:51
ja

ändert an der ungerechtigkeit für den einzelnen auch nichts

das ist ein sehr kommunistischer ansatz den sie da hochjubeln

der einzelne zählt nicht sondern nur das "beste" für die gesellschaft...

Martin Schwarzbauer
 
13.03.2010 18:07
Kommunistisch? Interessant.

Wäre nicht das Zufallsprinzip eher kommunistisch? Nach dem Ansatz: es sind alle gleich, also ist uns egal, wer studieren darf. Der 5-Jahres-Plan sieht aber nur x Plätze vor, also nehmen wir nicht alle. Ergo: zufällige Auswahl.

Die Reihung nach objektiven Kriterien ermöglicht es dem Individuum, sich gegenüber anderen durch Eigenleistung (Vorbereitung) einen Vorteil zu verschaffen, d.h. Wettbewerb.
Auch habe ich impliziert, dass Talent ungleich verteilt ist und dass bei knappen Ressourcen nicht jeder alles studieren können sollte, weil es mangels Talent nichts bringt.
Beides nicht gerade Eckpfeiler des Kommunismus.

Der Ansatz dient aber sowohl der Volkswirtschaft als auch dem Einzelnen, der so seine Potenziale besser entwickeln kann.

Alkolix
13.03.2010 18:17
meinen sie das zynisch?

beim zufallsprinzip haben logischerweise alle die selbe chance

beim kommunismus geht es nicht um die gleichheit sondern um die allgemeinheit - der einzelne ist nichts wert nur die gesammte gesellschaft - da gab es genauso diese tests nach welchen festgelegt wurde was wer macht...

die naheliegentste lösung wäre doch einfach das studium so umzubauen, dass man mit weniger ressourcen mehr studenten verkraften kann - verlegung von vorlesungen auf heimstudium um mehr übungen zu ermöglichen z.b. gibt da einige möglichkeiten gerade auch durch unsere fortschritte in der IT

und die vorbereitung auf den reihungstest ist wieder stark sozial diskriminierend...


Martin Schwarzbauer
 
13.03.2010 19:24

Und mit Eignungstests haben die besseren Kandidaten bessere Chancen. Erscheint mir sinnvoller und gerechter.

Studieren bedeutet nicht, Fakten zu absorbieren. Ein wichtiger Teil ist, sich mit Theorien auseinanderzusetzen, um ein tieferes Verständnis der Materie aufzubauen. Da ist es schon hilfreich, sich in einer Atmosphäre des gemeinsamen Lernens zu bewegen.
Abgesehen davon ist das eine ganz andere Debatte. Dass Effizienzsteigerungen an den Universitäten möglich sind, bestreite ich überhaupt nicht. Wahrscheinlich könnten mit den vorhandenen Mitteln bessere Studienbedingungen geboten werden.
Trotzdem ist irgendwann ein Maximum erreicht, die Frage ist wie man damit umgeht.

Alkolix
13.03.2010 19:49
nagut

ich bedanke mich für den netten meinungsaustausch - zu einem gemeinsamen schluss werden wir wohl nicht kommen

bitte vermischen sie aber nicht eignungs- und reihungstest

ganz pragmatisch gesehen "sinnvoller" kann es natürlich sein (muss gestehen, dass ich hierzu keine zahlen kenne bzgl. steigerung der absolventenzahl durch eine beschränkung)

das macht es aber nicht gerecht
sie können nunmal nicht in die zukunft schauen und sagen der schafft es der nicht und selbst dann hätten sie ein problem, wenn die anzahl der die es schaffen würden die plätze übersteigt - wie würden sie dann eine gerechte platzverteilung vorschlagen?

Martin Schwarzbauer
 
13.03.2010 19:24
ad Kommunismus

"Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen" vs. "Frage nicht, was dein Land für dich tun kann, sondern was du für dein Land tun kannst."
An diesen Zitaten (Karl Marx bzw. John F. Kennedy) kann man schon erkennen, dass "Allgemeinheit" vs. "Individuum" ein Spannungsfeld ist, in dem sich eine Positionierung nicht eindeutig einer Ideologie zuordnen lässt.

Die Idee von der Gleichheit der Menschen bei Geburt ("Tabula rasa") ist wohl auch schwer zuordenbar, aber eher im "linken Lager" beliebt.

Wettbewerb ist aber definitiv keine Idee des Kommunismus. Die Eignungstests bestimmen ja auch nicht den zugeteilten Beruf, wie evtl. im "Realen Sozialismus", sondern schließen im Ablehnungsfall nur eine Möglichkeit aus - temporär!

giftwitwe
13.03.2010 09:49
gendergerechten Aufnahmepolitik

rosarote und hellblaue anmeldezettel ?

Desert Eagle .50
13.03.2010 11:21

rosarot für damen und hellblau für herren?

das nennt mensch dann sexismus!

giftwitwe
13.03.2010 11:50

na natürlich umgekehrt, weil auf rosaroten anmeldezetteln sieht man die rosarote tinte so schlecht ;)

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