Josef Christian Aigner

Der "andere" Zorn eines Altkremsmünsterers

12. März 2010, 18:36

Die Sexualpathologie der katholischen Kirche ist eine Sache - warum aber redet kaum jemand von den Opfern klerikaler Gewalt - und der Schuld derjenigen, die diese "Pädagogik" jahrzehntelang gebilligt haben?

Von 1963 bis 1971 habe ich acht Jahre meiner Kindheit und Jugend im Internat des oberösterreichischen Stifts Kremsmünster verlebt. Ich kenne die nun zutage tretenden Vorwürfe nicht aus eigener Leidenserfahrung, aber aus Geraune und aus Andeutungen von Kollegen aus dieser Zeit sehr wohl. Wäre ich selbst Opfer gewesen, hätte ich mich wahrscheinlich wesentlich früher gewehrt.

Was mich aber schon beim "Fall Groër" bis zu den heutigen Berichten genervt hat, ist, dass die Medien immer nur auf den Sex starren wie das Kaninchen auf die Schlange. In Wirklichkeit gab es, wie jetzt am Fall Kremsmünsters bekannt wird, auch jede Menge nichtsexueller Gewalt und Demütigungen gegenüber Kindern, die mindestens so bedenklich sind. Aber diese Dinge interessierten bisher kaum jemanden. Sexuelle Annäherungen als das "schlimmste Verbrechen" gegen Kinder zu bezeichnen, ist denn auch nichts als eine moralistische Behauptung.

Man stellt sich den sexuellen Missbrauch an Schülern immer in der aggressivsten Form vor - geschändet, vergewaltigt, entwürdigt. In der Situation selbst damals waren zumindest einige der "begehrten Knaben", ob als Chorsopranisten oder zierliche Turnknaben, gleichzeitig auch ganz "besondere Zöglinge", bevorzugte, ja manchmal privilegierte (worauf an dieser Stelle vor Jahren auch schon der Schriftsteller Adolf Haslinger hingewiesen hat). Zum anderen sind diese Opfer aber auch Zeugen eines völligen Versagens der sexuellen Entwicklung im Rahmen der priesterlichen Ausbildung und Sozialisation: Das alles ist in den letzten Tagen oft artikuliert worden.

Was kaum vorkam, sind Dinge wie sadistische Strafpraktiken, Trommelfellverletzungen durch Ohrfeigen, büschelweise ausgerissene Haare, schwärzeste Pädagogik also, Einer-für-alle-Strafen und alles, "was Gott verboten hat" - zumindest seit der Aufklärung. All das habe ich in Kremsmünster auch erlebt. Und diese Praktiken entstammen derselben Quelle wie die sexuellen Übergriffe: einem veralteten, menschenfeindlichen System von Autorität und Unterwerfung, von Vertuschen und Verleugnen, wie es in Teilen kirchlicher Organisationen zumindest bis damals an der Tagesordnung war. Die fast ausschließliche moralistische Besinnung auf den verdammten (!) Sex ist indirekt auch ein Vergessen jener Opfer, denen nicht sexuell nahegetreten wurde und die dennoch schlimme Dinge hinnehmen mussten.

Ich selbst blieb von Übergriffen beider Art weitgehend verschont; dies deshalb, weil ich sehr schnell durchschaute, wann es "gefährlich" wurde (ein Ergebnis guter Aufklärung und selbstbewusster Erziehung von zu Hause her!), und weil meine Eltern mich bei entsprechenden Erzählungen vehement unterstützt und sich sofort beschwert haben. Von dort weg wurde ich in Frieden gelassen. Aber dieses Glück, diese Gefestigtheit von zu Hause her, hatten nicht alle - und ich möchte nicht wissen, wie es in der Persönlichkeit mancher ehemaliger Internatsschüler - ohne jeden sexuellen Übergriff! - in der Folge aussah.

Ich bin aber andererseits auch weit entfernt davon, die Klöster, die Patres, den Abt, der ein lieber Klassenkollege von mir war, zu verurteilen. Ich bin auch nicht voll Hass gegen die damaligen Widersacher, weil meine berufliche Entwicklung mir das Glück beschert hat, diese Dinge im Rahmen einer langen psychotherapeutischen Ausbildung zu bearbeiten und zu reflektieren. Die Täter, die im Rahmen eines Systems, das einen pathogenen Umgang mit Sexualität und Autorität pflegt - und hier ist die gesamte katholische institutionelle Kirche gemeint -, sind letztlich auch selbst Opfer dieses Systems.

Die eigentlichen "Urheber" der Misere aber sind jene kirchlichen Würdenträger bis zu jenen nach Rom, die bis heute dieses allen wissenschaftlichen Erkenntnissen zuwiderlaufende Theater um die menschliche Sexualität, aber auch um Macht, Autorität und Unterwerfung aufrechterhalten und weiter verteidigen. An erster Stelle meine ich hier Bischöfe wie Laun, Küng, Krenn oder Fischer, von denen ich im Rahmen der Diskussionen um die Sexualerziehung schon vor Jahrzehnten teilweise haarsträubende Dinge und menschenfeindliche Ansichten gehört habe. Aber auch ein Kardinal Schönborn ist mit gemeint, wenn er etwa die "68-er Karte" aus dem Hut zieht, als ob eine Bewegung zur Abschaffung der schlimmsten angsteinflößenden Repressalien gegen sexuelles Erleben und gegen autoritäre Anmaßungen Schuld an den Auswüchsen genau dieses repressiven Systems sein soll!?

Wenn diese Würdenträger heute mit zerknirschter Miene ihr Bedauern in die Fernsehkameras stammeln, mag das anstandshalber schon seine Berechtigung haben. Viel besser und "gottgefälliger" würden sie handeln, wenn sie sich endlich für die Entkrustung der katholischen Sexualmoral, für einen anderen Umgang mit Sexualität von Menschen im Priesteramt und für die Gleichberechtigung von Frauen in der Kirche - deren Entwertung und Ausgrenzung Teil dieser Sexualpathologie sind - engagieren würden. Dann könnten sie vielleicht auch noch einen Rest an Glaubwürdigkeit retten. (Josef Christian Aigner/DER STANDARD, Printausgabe, 13./14. März 2010)

Zur Person

Josef C. Aigner ist Erziehungswissenschafter und Psychoanalytiker, lehrt an der Uni Innsbruck.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 80
1 2 3
Genia Enzelburg
00
18.3.2010, 13:01
BBC-Doku: Sexcrimes and the Vatican

http://video.google.com/videoplay... e+vatican#

Am besten weiterposten.
In dieser Doku wird der Beweis geführt dass der Vatikan über alle Vorgänge unterrichtet war und bewußt die Vertuschung organisiert hat...ö

bildschirmkrankheit
00
17.3.2010, 20:29
eine theokratie

scheidet demnach definitiv als staatsform aus

Atlas Shrugged
 
13
14.3.2010, 20:37

wir müssen ja froh sein, daß es keine Polizeipfarrer gibt - sonst würden die Opfer, nach der Vergewaltigung, in den Rücken geschossen.

Waldgaenger
00
14.3.2010, 18:23
überall

Ich war in einer Klasse da waren staatliche Internatschüler, da wurde detailliert erzählt wie der staatliche Bedienstete sich den Schülern näherte, und sich dort ans Bett setzte und dem Schüler F.P. die Pyjama- Hose hinunterzog und dieser sie sich aber wieder hinaufzog. Bei anderen Schülern hatte er leichteres Spiel der Herr Obererzieher L

Ich gebs zu
00
14.3.2010, 18:12
Warum gibt eigentlich keiner zu, dass Gewalt in der

Erziehung vor 30, 40 Jahren absolut üblich war?

Meine ohrfeigende Volksschullehrerin war übrigens deklarierte Sozialistin. Der Kaplan hat nur leichte Kopfnüsse verteilt.

Es ist sicher wichtig, als das aufzuarbeiten, doch sollte man sehr vorsichtig sein, das alles einer sich anbietenden Gruppe von Menschen umzuhängen.

Priester sind im österreichischen Erziehungswesen praktisch nicht mehr präsent. Die haarsträubenden Fälle von Misshandlung, Vernachlässigung usw., mit denen man heute als Lehrer konfrontiert ist, werden durch andere Tätergruppen verursacht.

Ich fürchte, wir führen schon wieder eine Ersatzkampagne.

Wolfkind
00
21.3.2010, 18:13
Kann man nicht zugeben,...

.... weil es nicht stimmt! Die Verbreitetheit einer Schweinerei macht noch lange nicht ihre "absolute Üblichkeit" (Übelkeit!) aus.

nina yankow
00
15.3.2010, 11:45

der kleine unterschied ist, dass staatliche autoritäten zugeben, "nur menschen" zu sein und sich an dem zu orientieren, was man ihnen beigebracht hat bzw. was demokratisch zum gesetz erhoben ist. aus diesem grund hat auch kaum eine schule ein problem damit, einen lehrer, der gegen die gesetze verstößt, anzuzeigen. die kirche hingegeben erhebt den anspruch, höchste moralische instanz zu sein, und behauptet, ihre moral sei mehr oder weniger unabhängig von "weltlichen" entscheidungen, sondern beruhe auf göttlichem willen. das ist halt nicht ganz so gut vereinbar damit, dass das verhalten der priester genauso weltlich beeinflusst ist, wie das anderer menschen, und wenn dann auch noch wer straffällig wird, wird das gern vertuscht.

fibiundchillie
00
15.3.2010, 15:21

vertuscht wird sowas in jedem internat und in jedem sportverein. solang es halt geht. da saß, zugegeben, die kirche an einem seeehr langen hebel, wies ausschaut, ist dessen ende erreicht.
m.E. weniger wegen der "Macht der Kirche", eher wg der Angst u Scham der Opfer u deren Familien.
wie man sein kind heutzutag überhaupt in ein internat geben kann, ist mir ja schleierhaft.

inness robins
00
15.3.2010, 07:35
Verschiebung

Sie haben leider recht; die Vergangenheit versperrt den Blick auf die Probleme der Gegenwart!

Karl, Herr
00
14.3.2010, 15:30
Ein höchst überfälliger Beitrag

ich frage mich auch schon die ganze Zeit, ob ich denn jetzt dankbar sein muss dafür, dass unser Pfarrer uns nicht gef...t, sonder "nur" geohrfeigt, mit dem Lineal auf die Finger geschlagen und an den Haaren gerissen hat. Das Ganze nicht im Stiftsgymnasium sondern in einer Volksschule im Innviertel 1966 - 1970.

apostata
00
14.3.2010, 13:51
Kremsmünster

"Der Name der (Pyjama) Hose"

dafanefa
14
14.3.2010, 07:45
Ihr habt eines vergessen:

Das sind Eliteschulen!
Sie dienen der Heranbildung von gesellschaftlichen Eliten, die später in der Wirtschaft oder (ÖVP)-Politik tragende Rollen spielen sollen.
Mitleid oder Nächstenliebe soll in solchen Schulen ja nicht vermittelt werden, eher Sozialdarwinismus.

herod
04
14.3.2010, 11:31

hmm ja genau - na klar! hauptsache es passt in ihr bild, denn alles andere wäre ja undenkbar..

flotter denker
03
14.3.2010, 05:44
Ein sehr guter Artikel

Er zeigt auf, dass es im kirchlichen System um Macht und Unterwerfung geht. Gewalt - psychische und physische - sind integrierter Bestandteil dieses Systems.
Diese Dinge beginnen jetzt aufzubrechen, weil Gewalt heute gesellschaftlich viel weniger akzeptiert ist, als früher.

Wolfkind
08
14.3.2010, 00:38
Die 68-er Ausrede

Wer gerade gehört hat, wie der von Aigner genannte Salzburger "Bischof" Laun auf 3-Sat bei Maischberger die 68-er-Bewegung für den Klosterschwachsinn verantworlich gemacht hat, dem kommt nicht nur das Kotzen, sondern der kommt zu dem Schluss, dass Heuchel-Pfaffen wie Laun wirklich nichts zu blöd ist: was hat die 68-er Zeit damit zu tun, wenn heute 80-Jährige Pfaffen 1960 Kinder missbraucht haben????
Und was damit, dass sie Kids jahrzehntelang in die Goschn gehaut haben????

gunth3r
00
18.3.2010, 11:23

Laun ist... "der widerlichste" ist jetzt sicher nicht mehr zutreffend...

...ein rechtsrechts-affines A****loch.

Salz Burger
00
14.3.2010, 14:01

Wer sein ganzes Leben danach ausrichtet, alte Wüstenmärchen als die Wahrheit zu verkaufen, der ist sowieso nicht ganz beisammen.
Was will man da anderes erwarten.

FSK
150
14.3.2010, 00:10
er ist Psychoanalytiker!

da schimpft der Anhänger einer antwissenschaftlichen Psychosekte gegen die Anhänger einer anderen antwissenschaftlichen Sekte.

zB gibt es gegen den Psychoanalytiker Bettelheim zumindest gleich schwere Vorwürfe.

W- Lan
00
14.3.2010, 19:55
wieso

halten Sie Psychoanalytiker für eine Sekte?

Plabutsch
00
14.3.2010, 18:03
Anhänger einer antiwissenschaftlichen Psychosekte

???

Die Psychoanalyse ist eine seit mittlerweile 100 Jahren bestehende und mit dem Psychotherapiegesetz auch gesetzlich anerkannte Form der Psychotherapie mit strikten Ausbildungsregeln.

Mit Religionen, Sekten, Antiwissenschaftlichkeit etc. hat das rein gar nichts zu tun. Es gab an der Salzburg zB. einen eigenen Lehrstuhl für Psychoanalyse.

Völlig sinnentleerte Pöbeleien sind mit Wissenschaftlichkeit eigentlich auch nicht vereinbar.

Wolfkind
11
14.3.2010, 00:25
Psychoanalytiker.....

.... gibt es solche und solche: Sektenführer und Rebellen.
In der Kirchensekte gibt es leider keine Rebellen - oder zumindest fast keine (mehr)!

Antun Zonger
00
14.3.2010, 15:42
Umgekehrt, mein Lieber, umgekehrt!

Außerhalb der Kirche ist man straight und tough und sonstnochwas, da bleibt für die Rebellion eigentlich nurmehr die Kirche!

Und wer weder außerhalb der Kirche irgendwas ist, noch in der Kirche, der bleibt übrig. So oder so.
Und vor allem, wenn er rebelliert.

Böswilligerweise könnt man ja drauf hinweisen, daß die Gegener der Kirche sich an dem Widerspruch zwischen den Vorfällen und der gepredigten Sexulamoral ergötzen und dabei vergessen, daß, wenn es diesen Widerspruch nur in der Kirche gibt, das einiges über die Sexulamoral der Kirchengegener sagt.....
Ich bin übrigens ausgetreten und habe dann das Rad erfunden. Mehrmals.

Der Ruhestifter
 
02
13.3.2010, 23:28
Ein sehr kluger beitrag!

Tatsächlich ist die ganze geschichte mit den sexuellen übergriffen ein unappetitlicher teil des problems, aber der kern ist die brutalität und die auffassung, dass schwächere gedemütigt werden sollten, um sie durch brechung des eigenen willens zu objekten der dressur machen zu können.

Diesbezüglich sind andere religiöse gruppen, seien us-evangelikale, orthtodoxe juden, moslems... nichts besser. Das kommt enfach aus der konstruktion einer moral durch verweis auf autoritäre traditionen und den bezug auf das phantasma eines gottes (ersatzweise geht auch nation, rasse,..) anstelle des bezugs auf aufklärung und menschenrechte. Religion, traditionalismus, autoritätsgläubligkeit, sind die wurzeln des übels; nicht das zölibat.

Wolfkind
02
13.3.2010, 22:53
Forts. Ex-Schüler Kremsmünster-Blog:

"es gab überhaupt keinen irgendwie nachvollziehbaren grund für diesen ausbruch der gewalt. wir sind im musikzimmer gesessen, wie versteinert, konnten nicht sehen was sich draußen abspielt, nur hören. das war während des unterrichts, hat sich am gang im gymnasium zugetragen, die ganze schule war voll mit schülern und lehrern.
wolfgang n. war acht jahre lang unser klassenbester. er wurde direkt nach der matura zum bundesheer eingezogen und hat sich dort mit einem gewehr erschossen.
ich denke oft an dich, wolfgang.
Siehe unter:
http://kremsmuenster.wordpress.com/2010/03/1... llo-world/

Wolfkind
02
13.3.2010, 22:52
Im Kremsmünsterer-Blog schreibt ein Ex-Schüler:

März 13, 2010 um 9:31 pm
ein erlebnis mit pater a.

wisst ihr noch, wie in der ersten klasse wolfgang n. von ihm verdroschen wurde? es war in der musikstunde, im musikzimmer in der schule, wolfi muss irgend etwas gesagt haben, was pater a. nicht gepasst hat, ich weiss auch nicht mehr, was der auslöser war. jedenfalls ist pater a. aufgesprungen und hat ihn vor die tür auf den gang gezerrt und dort auf ihn eingeschlagen und auf ihn losgebrüllt. ich habe solche brutalität und solchen jähzorn weder vorher noch nachher erlebt. pater a. hat gar nicht aufgehört ihn zu schlagen, wie im rausch und unkontrolliert, bis wolfi nur noch gewimmert hat.
Forts. nächstes Posting.....

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 80
1 2 3

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.