"Manchmal möchte ich fast schreien"

12. März 2010, 18:12
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    foto: cederic roulliat

Der Bariton Stéphane Degout singt den Oreste in Glucks Oper "Iphigénie en Tauride"

Wien - Dem Wiener Publikum ist er bereits mehrfach aus dem Theater an der Wien geläufig: 2006 stand Stéphane Degout in Mozarts Così auf der Bühne, zuletzt in Debussys Pelleas et Melisande. Ein großes Publikum kennt indessen nur seine Stimme. Denn er hat in Robert Dornhelms Bohème-Film den Schaunard gesungen, während Adrian Eröd vor der Kamera stand - aus Termingründen. Im Gespräch sagt der 1975 geborene Bariton allerdings, dass es ihm gar nicht so leid getan habe, nicht bei den Dreharbeiten dabei gewesen zu sein: "Ehrlich - es war es mir auch nicht so wichtig. Ich habe nie Film gemacht, und wenn ich es täte, wäre es mir lieber, in einem Film ohne Musik mitzuspielen."

Sonst überlegt sich der Sänger sehr genau, welche Engagements er annimmt: "Ich frage immer zuerst, wer Regie führt. Man weiß zwar nie, wie die Inszenierung aussehen wird, aber man hat eine Ahnung, in welche Richtung es geht. Bei Torsten Fischer, der Iphigénie en Tauride inszeniert, wusste ich, dass er viel Sprechtheater macht. Er behandelt uns eher wie Schauspieler, aber achtet darauf, dass man dabei singen kann."

Ein natürlicher Zugang ist für Degout zentral: "Ich denke, je weniger man darstellerisch macht, umso besser. Wenn ich selber im Publikum sitze und sehe, dass jemand spielt, stört mich das schon." Natürlichkeit war auch Gluck wichtig, der den Gesang einfacher und glaubwürdiger machen wollte. Degout: "Gluck ist es darum gegangen, dem Text eine größere Rolle zu geben als der Virtuosität. Das war ja die Auseinandersetzung zwischen ihm und den italienischen Komponisten. Viele Menschen, die diese Musik gehört haben, haben mir gesagt, dass es fast schockierend ist, wie präsent der Text ist, und dass es leichter ist, die Geschichte zu verfolgen als etwa bei Rossini, wo es so viele Vokalisen gibt. Bei Gluck sind die Linien oft so geschrieben, als ob man den Text einfach sprechen würde. Manchmal möchte ich fast schreien."

Der Bariton scheint überhaupt ausgiebig über die Art der Darstellung auf der Bühne nachzudenken: "Ich habe zwar keine Liste der Dinge, die ich nicht machen würde, aber wenn eine Idee unklar oder falsch ist, merkt man das sofort." Und er legt Wert darauf, dass es im Musiktheater eine Bandbreite von Zugängen geben darf: "Natürlich ist es immer wichtig, die Geschichte zu erzählen. Wenn sie reich genug ist, kann man andere Interpretationen finden. Aber ich habe mit sehr unterschiedlichen Regisseuren gearbeitet. Für mich ist es schon wichtig zu zeigen, dass auch eine 3000 Jahre alte Geschichte noch aktuell ist. Aber:

Vor einem Jahr haben wir Hippolyte et Aricie von Rameau in Toulouse gemacht; und der Regisseur wollte das Stück so zeigen wie am Beginn des 18. Jahrhunderts mit den entsprechenden Kostümen, Kulissen und barocken Bewegungen. Das war auch sehr eindrucksvoll." (Daniel Ender, DER STANDARD/Printausgabe, 13./14.03.2010)

Theater an der Wien, 14. 10. 19.00

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