Subtile Tiefstapler

12. März 2010, 18:10
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Broken Bells' raffiniertes Album zwischen Moderne und Zeitlosigkeit

Wien - Wer sich jemals mit James Mercer von Angesicht zu Angesicht unterhalten hat, weiß, dass das ihm nachgesagt somnambule Wesen keine bösartige Unterstellung ist. Gerade erst wachgerüttelt, sich in unangenehmen Alltagssituationen wiederfinden: Das transportiert er als Sänger der US-amerikanischen Band The Shins mit schlafwandlerischer Sicherheit.

Mittlerweile genießt die Band ob ihrer exzentrischen wie fragilen Kompositionen weltweit Kultstatus, und Mercer geht als vielgefragter Sänger seit einiger Zeit auch gerne mal fremd. Bei einem dieser Ausflüge traf er Brian Burton, der mit dem letzte Woche gestorbenen Mark Linkous von Sparklehorse das Album Dark Night Of The Soul veröffentlichte.

Burton, der unter seinem Produzenten-Alias Danger Mouse mit Gnarls Barkley 2006 den Welthit Crazy verantwortet hatte, verlangte es nach einer Fortsetzung der Zusammenarbeit mit Mercer. Die Ergebnisse wurden unter dem Arbeitstitel Broken Bells (Sony) veröffentlicht. Burton gilt als Produzentenwunderkind, seit er das White Album der Beatles mit dem Black Album von Rapper Jay Z mixte und illegal als The Grey Album (2003) veröffentlichte. Broken Bells unterstreicht diese Einschätzung nicht nur, es zeigt, dass Burton selbst leidlich ausgeweideten Stilen mit seiner Originalität noch Neu- und Mehrwert abringt.

Am deutlichsten wird das in den letzten beiden Stücken des Albums, Mongrel Heart und The Mall & Misery, für die Mercer und Burton den New Wave der frühen 1980er-Jahre besuchen. Ökonomische Kompositionen bauen auf dunkle Grooves, während Mercer mit seiner hellen bis belegt klagenden Stimme gegen das Dunkel ansingt: Sexy Existenzialismus, mit dem die beiden den Zeitgeist von damals ins Jetzt transportieren, gewissermaßen ins Zeitlose. Beliehen werden dabei alte und neue Pessimisten wie The Cure, Joy Division oder The xx, denen Mercer punkto Weltablehnungshaltung in nichts nachsteht. Ausgleichend baut Burton pathetische Oasen ein, die dem Showdown jedes Italo-Western zur Ehre gereichten. Auch seiner bekannten Vorliebe für Soul, die Brian Burton schon mit Gnarls Barkley dokumentierte, geht er wieder nach.

Wird das Album mit Rücksicht auf Mercers eingangs erwähnten Ruf noch mit The High Road gemächlich eröffnet, befindet sich Burton schon im zweiten Song Vaporize auf Betriebstemperatur und drückt satt die Tasten der Hammond Orgel. Hier erhärtet sich erstmals der Dream-Team-Verdacht, der sich dann Stück um Stück zur Gewissheit auswächst. Die vordergründig konventionellen und einfach gebauten Stücke sind voller raffiniert gesetzter Details.

Selbst platte Zitate wie die Klaviermelodie von October, die an die Signation der US-Teenie-Serie The O.C. erinnert, gehen runter wie warmer Honig. Süßstoff, den ein Gemüt wie jenes von Mercer gut brauchen kann.

Nicht so bemüht ausgefuchst und üppig wie das neue Werk der Gorillaz erweist sich Broken Bells als ein subtil tiefstapelndes, aber großes Popalbum. (Karl Fluch, DER STANDARD/Printausgabe, 13./14.03.2010)

  • Broken Bells: Musik, die runtergeht wie warmer Honig.
    foto: sony

    Broken Bells: Musik, die runtergeht wie warmer Honig.

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