"Wurden hausintern von der Wirklichkeit überholt"

12. März 2010, 18:11
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Den Zusammenbruch Deutschlands nach der Krise malt Nico Hofmann Montag im Zweiteiler "Die Grenze" aus - "Absolut realistisch", glaubt der Produzent im STANDARD-Interview

STANDARD: Eine Wirtschaftskrise führt dazu, dass die Zivilgesellschaft zusammenbricht. Kann das so passieren?

Hofmann: Ich glaube, dass es passieren kann, deshalb habe ich es ja auch entwickelt. An der Diskussion um Guido Westerwelle sieht man, wie dünn das Eis ist, auf dem die soziale Balance in Deutschland steht. Ich halte es für sinnvoll, diese Debatte anzuregen.

STANDARD: Sie provozieren, indem Sie die Kanzlerin als ohnmächtig und unentschlossen darstellen?

Hofmann: Die Parallelität zwischen Katja Riemann und Angela Merkel nimmt im Moment sogar zu: Beiden geht es ums Abwarten. Mir geht es um den Machtverlust der bürgerlichen Parteien. Was passiert dann? Ich halte es auch in einer gefestigten Demokratie für möglich, dass sich ein charismatischer Typ aufschwingen kann und seine Macht missbraucht.

STANDARD: Vor drei Jahren und ohne Krise: Wie kamen Sie auf die Idee zum Film?

Hofmann: Es herrschte damals große Unzufriedenheit, teilweise wurde die Mauer zurück gewunschen. Ich überlegte, wie man das in eine Zuspitzung bringen kann.

STANDARD: Wie erging es Ihnen, als die Kurse einbrachen?

Hofmann: Es war ein unglaublicher Moment. Wir wurden hausintern von der Wirklichkeit überholt. Viele hielten uns für verrückt.

STANDARD: Die Utopie ist Vehikel für einen Verschwörungsthriller. Was war Ihnen wichtiger?

Hofmann: Beides. Wenn man Fernsehen für einen Privatsender macht, muss man ein Genre ganz klar bedienen. Man hätte es komödiantisch machen können oder als Krimi. Eine andere Genreform gibt's im Fernsehen in Wahrheit nicht. Ich traue dem Bundesnachrichtendienst und dem Verfassugnsschutz einiges zu. Ich hab ein Szenario gesucht, um das zu zeigen. Wenn im Osten ein charismatischer Führer an die Macht käme, würde der Verfassungsschutz aktiv werden, da bin ich sicher.

STANDARD: Ergebnis einer Recherche?

Hofmann: Absolut, wir haben mit sehr vielen Leuten geredet und hatten Informationen vom Verfassungsschutz. Wir fragten Leute von den Wirtschaftsverbänden, wie eine neue DDR aussehen kann. Die hatten klare Vorstellungen: Als Billiglohnland ist so etwas machbar, als kleines „Polen II". Das ist schon makaber.

STANDARD: Ursprünglich war "Die Grenze" für RTL geplant. Der Sender zog zurück. Auswirkungen der realen Krise?

Hofmann: Das wurde nicht richtig vermittelt. Wir haben das Buch selbst entwickelt, ich war für vier Wochen im Gespräch mit RTL. Es gab keine verbindliche Absprache. Dann war von Sat1 die Begeisterung dermaßen groß. Für mich war es der schnellere Weg.

STANDARD: Wie hat die Krise das Produzieren verändert?

Hofmann: Für uns gar nicht. Wir haben Zuwächse. Wir machen unseren Umsatz mit großen Projekten. Sender brauchen drei- bis viermal Eventfilme, das wird nicht nachlassen.

STANDARD:  Wie entwickelt sich der internationale Markt?

Hofmann: Ist sehr eingebrochen. Die Länder kaufen, aber sie kriegen weniger Geld aus dem Weltvertrieb. Wir zielen stärker auf Koproduktionen, um mehr Geld zur Verfügung zu haben.

STANDARD:  Manche fürchten darin den Einheitsbrei?

Hofmann: Wir machen nur Stoffe, die eine inhaltliche Bindung an die Länder haben. Laconia hat einen Zusammenhang zwischen Großbritannien und Deutschland. Ich will auch keine Eurosauce.

STANDARD: Ihr Film über Scientology beunruhigte Sektenmitglieder?

Hofmann: Angeblich kreiert Scientology einen eigenen Film. Es gab Beobachtungen am Set, Anrufe beim Regisseur und einen aufgebrochenen Kofferraum.

STANDARD: Gibt es einen österreichischen Stoff, der Sie interessiert?

Hofmann: Kaprun, da bin ich mit dem ORF dran. Ich habe immer noch nicht aufgegeben, Natascha Kampusch zu überreden, über sie den großen Film zu machen. (Doris Priesching, DER STANDARD; Printausgabe, 13./14.3.2010)

Zur Person
Nico Hofmann produziertemit Teamworx die wichtigsten Fernsehfilme, von "Der Tunnel" bis „Mogadischu" und, am 31. März im ORF, "Bis nichts mehr bleibt" über Scientology-Aussteiger.

TV-Hinweis
"Die Grenze", Montag, 15. März und Dienstag, 16. März jeweils 20.15 Uhr auf Sat.1

  • Marie Bäumer und Benno Fürmann fliehen vor den Verschwörungen eines rechtsextremistischen Parteiführers.
    foto: sat.1

    Marie Bäumer und Benno Fürmann fliehen vor den Verschwörungen eines rechtsextremistischen Parteiführers.

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