Die Pleite der US-Investmentbank wurde detailliert aufgearbeitet wie nie. Der Bericht beleuchtet ein ausgeklügeltes System von Bilanzkosmetik
Wien - Der rund 2200 Seiten lange Prüfbericht, den der US-Anwalt Anton Valukas über die Pleite von Lehman Brothers geschrieben hat, wirft auch auf Österreich Schatten. Valukas wurde im Zuge des Lehman-Insolvenzverfahrens damit beauftragt, die Vorgänge, die zur Pleite Lehmans geführt haben zu beleuchten.
Während Valukas einen großen Teil seiner Untersuchung den hochriskanten, aber rechtlich vermutlich irrelevanten Lehman-Geschäften in den Jahren 2006 bis Anfang 2008 widmete, stellt der Bericht auch dar, wie trickreich Lehman seine Bilanzen schönte. Dabei spielte auch die Bawag eine Rolle. Wie sich nun herausstellt, war Lehman zumindest auf dem Papier an der Bawag beteiligt.
Lehman hat sich im Mai 2007 mit 170 Millionen Dollar in der Bawag eingekauft. Der einstige Eigentümer ÖGB hatte die Bank im Mai 2007 verkauft. Als Käufer der Bawag Holding trat die niederländische Promontoria Sacher Holding N.V. auf, kontrolliert vom US-Investor Cerberus. Wie viel Lehman an der Bawag erworben hat, ist nicht bekannt, spekuliert wird über 20 Prozent.
Strategien
Als die Turbulenzen am US-Immobilienmarkt stärker wurden, setzte Lehman verschiedene Strategien ein, um die Bilanzen zu schönen. Dabei taucht erneut die Bawag auf. Im August 2008 setzte eine Diskussion bei Lehman ein, ob die Bawag-Beteiligung nicht wertberichtigt werden müsste. Anfang September, zwei Wochen vor der Lehman-Insolvenz, entschied sich die Bank gegen eine Abschreibung. Eine parallel laufende Schuldverschreibung von Lehman an Bawag wurde allerdings wertberichtigt. Diese unterschiedliche Vorgangsweise sei "höchst irregulär", so der Bericht. Freilich nur eine vergleichsweise kleine Kosmetik.
Als besonders effizient hat sich ein Vehikel namens "Repo 105" erwiesen. Bei einem Repo-Finanzierungsgeschäft verkauft ein Unternehmen Aktiva mit der Verpflichtung, sie in wenigen Tagen zurückzukaufen. Das soll kurzfristige Liquidität schaffen, in den Büchern werden die Aktiva weitergeführt. Lehman dagegen hat jeweils kurz vor Bilanzierungsstichtagen Aktiva verkauft. Obwohl Lehman sich auch zum Rückkauf verpflichtete, wurden die Positionen - oft Hochrisikobeteiligungen - aus der Bilanz kurzfristig gestrichen. Allein 2008 wurden so 50 Milliarden Dollar zum Verschwinden gebracht.
Weil Lehman keine US-Kanzlei fand, die den Geschäften Legalität bescheinigte, wandte sich die Bank nach London und wickelte die "Repo 105"-Deals über eine englische Filiale unter Schirmherrschaft von Linklaters-Rechtsanwälte ab.
Wien setzte auf Madoff
Auch auf die Stadt Wien haben sich die Lehman-Pleite und der Zusammenbruch des Schneeballsystems des US-Großbetrügers Bernard Madoff ausgewirkt. Das Wiener Kontrollamt hat 2008 die Veranlagungen der Wiener Stadtwerke unter die Lupe genommen. Ihr Ergebnis: 11,8 Mio. Euro Verlust wegen Lehman und Madoff.
Die Stadtwerke Holding AG hat ihr Geld - rund 1,2 Mrd. Euro - in sechs Investmentfonds gesteckt, aus denen die Pensionsverpflichtungen ihrer Konzerngesellschaften getragen werden. Zum Konzern der Stadtwerke gehören etwa Wien Energie, die Wiener Linien und die Bestattung Wien.
Im Zuge der Krise waren von den sechs Fonds fünf unter Wasser geraten, das Geld, das letztlich bei Madoff landete, hatten die Wiener in Primeo Fonds und Alpha Prime gesteckt. Primeo wurde von der Bank Austria vertrieben, Alpha Prime von ehemaligen Bank-Austria-Managern. "Der Gesamtverlust in allen Fonds von 11,2 Mio. Euro repräsentiert rund ein Prozent des Gesamtvolumens der Wiener-Stadtwerke-Fonds", schrieb das Kontrollamt in seinem Bericht. (gra, sulu, szi, DER STANDARD, Printausgabe, 13./14.3.2010)