Kul(s)tur

12. März 2010, 17:10
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Die Kunst, im Bus weiterzukommen - Von Andrea Schurian

Also: Kulturphänomen Sturschädeligkeit. Oder: Öffi-Ticket zu Kul(s)tur. Freitagvormittag im Citybus 2A, Nummer 8355. Plus/minus zehn Uhr.

Eine ältere Dame erhebt sich, geht zur Tür, will auf der Tuchlauben aussteigen. Jeder kann erkennen, was sie will, auch der Busfahrer. Doch der gibt Gas. Hätte sie halt rechtzeitig den Halteknopf betätigt, wird er einige Minuten später trotzig sagen. Da hat er Zeit zu reden, weil er nämlich in der Seitzergasse steht.

Nach vorn kann er nicht, weil ein Autofahrer einparken will, aber der Bus ist zu nah aufgefahren; und zurück will er nicht, obwohl schätzometrisch fünf Meter frei sind bis zur nächsten Stoßstange.

Nein, zurück fährt er nicht. Nein. Nie. Kommt nicht infrage. Der einparkwillige Autofahrer, ebenfalls sehr geübt in der Kulturtechnik Sturheit, verlässt das Auto. Hinter dem Bus erste Hupereien. Der Witz, wo bei der Schlange das A-pardon-loch sitzt, kurisiert. (Auflösung: vorn)

Der junge Kärntner im Bus rechts hinten fragt ratlos nach, ob stur vielleicht eine typisch wienerische Eigenschaft sei. Die Frauen entgegnen, nein, wohl eher eine typisch männliche. Die Männer wiederum sagen grantig: "typisch Busfahrer". Alle wollen raus. Der Fahrer stellt den Motor ab. Der Autofahrer schreit. Die Ex-Busbenutzer fluchen. Alles bestens. Schönen Tag auch. Mit der Jahreskarte geht sich's gut zu Fuß. (Andrea Schurian, DER STANDARD/Printausgabe, 13./14.03.2010)

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    foto: newald
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