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Das Skigebiet Reinswald, an sich ein Familien-Ausflugsziel, in dem eher Hirsche als Concept-Cars röhren, legt nun eine dritte Art des Tankens drauf. Gratisstrom fürs Elektroauto.
Im Concept Car via Runkelstein nach Reinswald, das kommt nicht allzu häufig vor. Um genau zu sein: bislang eigentlich noch nie. Und wir nehmen ferner an: Mehr als der dritte Gang ist dabei nicht drin. Denn ein kurvenreiches Spektakel ist die Anfahrt ins Südtiroler Sarntal ja noch heute, achtzig Jahre nachdem italienische Straßenbauer das archaische Bergbauernland ein großes Stück näher an Bozen herangerückt haben. Einundzwanzig grob in den Fels gehauene Tunnels tauchen da in rascher Folge auf.
Wer auch nur ein wenig Zeit hat, tut gut daran, die schmalen Parkplätze zu nutzen, die sich entlang der von Licht und Tunnelblick perforierten Strecke auftun: Da wären die erdigen Farbtöne und die kokette Nasenspitzen-Blässe der Fresken von Schloss Runkelstein, die alte Geschichten von Drachentötern, weißen Bärentatzen und Burgfräulein erzählen - ein profaner gotischer Comicstrip, der umfassendste seiner Zeit. Wenige Kurven später tun sich noch mehr starke Bilder auf: Schwindelerregende Blicke zeigen auf dem Boden der Sarntaler Schlucht die von den Wassermassen heruntergeschobenen Felsblöcke, unter deren Ächzen die letzten Reste des alten, unbenutzten Saumweges erodieren.
Einweihung einer Elektro-Zapfsäule
Doch der Fahrer des schnittigen Hybridautos "Fisker Karma", der diesen Winter im Sarntal auftauchte, hatte für fein gepinselte Hermelinbesätze und den zwischen Tunnel 12 und 13 abzweigenden Weg zum Aussichtsplatz Johanniskofel vermutlich keine Zeit. Schließlich galt es pünktlich zu einer Art Premiere zu erscheinen: der Einweihung einer Elektro-Zapfsäule, gleich neben dem Rodelverleih.
Dazu muss man wissen: Das traditionell isolierte Sarntal gilt als eine Art Hintertupfing Südtirols. Auch wenn sich ein Grüppchen rüstiger Bäuerinnen gerade einen bis nach Bozen klingenden Namen als Rustikal-Caterer macht und ein innovativer Gastronom mit Latschenwipfel-Pesto und Ravioli experimentiert - Sarntal steht für Folklore. Liebevolle Zirben-Drechslerei befördert diesen Ruf. Die Gräber der Durnholzer Kirche sind samt und sonders mit Edelweiß bepflanzt. Ebenfalls seit Generationen schwer angesagt: Sarner Federkielstickerei, eine alpine Tatoo-Tradition, bei der Pfauenschwanzfedern die Tusche ersetzen und breite Ledergürtel den echten Bauch. Kurz: Herren mit Botanik an der Hutkrempe und Lederhosen über Stutzen hätte man in diesem entlegenen Tal vermutet.
Sonne und Energie tanken beim Winterurlaub sowieso. Ein Skigebiet, das seinen Gästen als erstes weltweit E-Zapfsäulen anbietet, allerdings kaum.
Und doch: Das Skigebiet Reinswald, an sich ein kleines Familien-Ausflugsziel, in dem eher Hirsche als Concept-Cars röhren, legt nun eine dritte Art des Tankens drauf: Gratisstrom fürs Elektro- oder Hybridauto. Der Prototyp der US-Marke Fisker machte den Anfang, gefolgt vom neuen Modell „Zero" der italienischen Autobauerfirma Tazzari, Probefahrten inklusive. Während Skifahrer weiter oben über Pisten wedeln, die in Profil und Länge übrigens der berühmten Grödener Saslong ähneln und wo Lindsey Vonn besonders gerne trainiert, saugt das Auto unten grünen Strom ein - so ist es gedacht. Immerhin dauert der Ladevorgang ja mehrere Stunden.
Also Daumen mal Pi
Dasselbe rote Porphyrgestein, auf dem auch die "Bilderburg" Runkelstein thront, taucht nach einer halben Stunde Fahrt durch eine zunehmend tiefer verschneite Winterlandschaft wieder auf, und zwar als trittfester Bodenbelag, der zwischen den Kassen und Gondeln der Pichlbergbahn die Härte der Skischuhe auszuhalten hat - wofür das rote Leuchten fast ein wenig zu schade wirkt. Aber das ist wohl die Perspektive des Auswärtigen. Für die Sarntaler ist der schöne Stein mineralischer Normalzustand, allenfalls vertrauter als das nur wenige Schritte weit entfernte, knallig rot-blaue Kästchen im Schnee.
Richtig: Wir haben soeben den Öko-Spund entdeckt, die Steckdose der Elektrozapfsäule, vor der die Granden der Gegend bereits ein wenig ungeduldig warten - die Chefitäten der regionalen Energiegenossenschaft Reinswald/Durnholz und jene der Reinswalder Lift GmbH. Nicht zu vergessen den herbeizitierten Elektriker, der geduldig die Stahlblechtüren zu Verteilerkästen aufsperrt, für Laien unverständliche Mandalas aus digitalem Flirren, über die es sich mehr oder weniger lange meditieren lässt. "Also Daumen mal Pi", sagt der Elektriker, "sind in ganz Südtirol momentan so vier bis fünf Elektroautos unterwegs." Die Mundwinkel der Granden zucken dabei ganz leicht, wie die digitalen Zähler im elektrischen Mandala.
Öko-Autonomie
Und trotzdem: Um reine PR handelt es sich keineswegs, eher um Öko-Orientierung. Das Sarntal hat, wie auch andere Teile Südtirols, in Sachen Grün durchaus was zu bieten, stellt sich so in eine Reihe mit klimazertifizierten Hotels, die Südtirol heute einen eigenen Energie- und Umwelttourismus bescheren (siehe Kasten). Die lokale Energiegenossenschaft produziert mithilfe von Wasser- und Sonnenkraft ausreichend Strom, um den gesamten Bedarf des Skigebietes abzudecken, die E-Zapfsäulen werden über Fotovoltaik betrieben. Die Struktur kleiner, regionaler Energieversorger kommt - anders als im Stromversorger-Dinopark Österreich - dieser Öko-Autonomie entgegen.
Ganz abgesehen vom zweiten grünen Kraftstoff der Region: Sarner Latsche, in deren Schnipsel sich die Einheimischen seit Jahrhunderten eingraben und die nun vom Latschen-Peeling bis zum Duschgel nichts auslässt - am allerwenigsten modernes Marketing. Kein Wunder, dass die Sarntaler Latschen-Kosmetiklinie "Trehs" nun sogar in Matteo Thuns exklusivem "Mountain Vigilius Resort" Furore macht - samt einem Logo, das Sarntals Hirschen Latschenzweige statt Geweihe aufsetzt. (Robert/Haidinger/DER STANDARD/Printausgabe, 13./14.03.2010)
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