Greif braucht Auslauf

12. März 2010, 16:32
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Wir pflegten uns, wir trieben Sport und genossen die Landschaft, in der sich das Gesindel nicht verstecken konnte

David Schalko über Irmgard, die in diesem Sommer ihr Achtzehntes gebar.

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Es war der Sommer als Irmgard ihr Achtzehntes gebar. Und das innerhalb von sieben Jahren. Denn sie entband die Kinder unter der Zeit. Da halfen alle zusammen und die größten, Brunhilde und Heidrun, standen mit ihren Brüsten bereit, falls die von Irmgard einmal den mächtigen Durst des kleinen Richard nicht stillen konnten. Das kam selten vor und so blieben die Brüste der beiden Geschwister prall, ja, drohten zu platzen ob der unentwegten Produktion. Manchmal neckten sie uns. Da spritzten sie die Milch wie aus dem Nichts in unser Gesicht. Ich liebte den süßlichen Geschmack und rief dann "Bitte! Bitte! Nicht aufhören!" Und sie hörten nicht auf, sondern spritzten mich so lange voll, bis ich mit dem Aufschlecken nicht mehr nachkam.

Ja, es waren glückliche Tage, und die Familie von Irmgard genügte sich selbst. Wir pflegten uns, wir trieben Sport und genossen die aufgeräumte Landschaft, in der sich das Gesindel nicht verstecken konnte. Jeden Morgen kam Frau Kassandra und lehrte uns, was wir zu wissen brauchten. Sie konnte in der großen Lehre blind spazieren gehen. Und wir flanierten ihr staunend hinterher. Sonst waren wir ganz uns selbst überlassen - beschützt vom Wolfshund Greif, mit dem wir durch die Wälder streiften. Wenn wir abends erschöpft heimkehrten, dann hatte Vater Gunter meistens das Abendmahl bereitet und erzählte uns von seinen Abenteuern im Kampf gegen die Purz. Was, du kennst die Purz nicht? Es sind grausige Wesen. So grausig, dass ich sie hier gar nicht beschreiben mag. Ich hätte mir nicht gedacht, dass ich diesen Sommer einen echten Purz zu Gesicht bekommen sollte. Und wenn ich an ihn denke, wird mir noch heute ganz grau und feucht zumute.

Ich lief mit Heinrich den reißenden Bach entlang. Mit ihm, dem Zwölften, hatte ich mich auf Anhieb verstanden. Wenn er mit nacktem Oberkörper Holz hackte, näherten sich die Tiere, um sich an seinem fleißigen Schweiß zu laben. Dieser duftete nach süßem Harz und Honig. An guten Tagen vereinte sich Heinrichs Schweiß mit der frischen Milch von Brunhilde und Heidrun. Ich schwöre dir, nichts schmeckte so köstlich. So violett. Ja, so weich wie der Trank, der entstand, wenn die Säfte der Familie zusammenkamen. Ich schwöre dir, sein Genuss schenkte mir die Energie eines Wolfes, der reißend durch die Wälder lief.

Gemeinsam rannten wir gegen den Strom und ließen das eiskalte Wasser um unsere Fesseln tanzen. Greif war längst im Halbdunkel des Waldes verschwunden, als Heinrich plötzlich innehielt. Er sah mich unverwandt an. Dann lächelte er. In seinen Backenzähnen spiegelte sich der strahlend blaue Himmel wider. Er streifte die Hose ab. Nackt stand Heinrich vor mir und reichte mir seine kräftige Hand. Er zog mich zu sich. Dann schöpfte er das eisige Wasser aus dem Bach und rieb damit seinen Schweif ein. Er lachte, als durchzucke ihn eine wilde, unbändige Energie. Er schöpfte und lachte. Der Schweif begann sich zu wehren. Er zuckte zurück und stellte sich drohend auf. Heinrich schrie vor Schmerz. Der Schweif schien plötzlich ein aggressives Eigenleben zu führen. Immer schneller goss Heinrich das Wasser auf ihn, als wolle er den Ausreißer ertränken. "Los, Thomas!" , schrie er, "Hilf mir! Bring es zu Boden, das Biest!" Ich hatte Angst und trat einen Schritt zurück. Wild schlug die Bestie um sich, als hätte es Heinrich durch das eiskalte Wasser erst zum Leben erweckt. Fast eine Stunde dauerte der Kampf, bis er es niedergerungen hatte.

Dann sagte er: "Thomas, der Kampf mit sich selbst ist der Einzige, den wir nicht gewinnen werden." Von da an wusste ich, Heinrich war ein Teil von mir. Ein echter Freund, der mich zu disziplinieren wusste, wo ich strampelte. Der mich niederrang, wo ich aufbegehrte. Der mich auf den Boden holte, wenn ich wild um mich schlug. Ich erfuhr, dass er täglich an den reißenden Bach ging, um seinen Schweif zu stählen. Schließlich musste jemand die Stelle von Gunter einnehmen, wenn dieser nicht mehr war. "Was fehlt Gunter?" , fragte ich. Heinrich lächelte mild und entschlossen zugleich. "Mutter ist eine Frau, in der noch Potenzial ruht, Thomas." Er half mir mit einem Griff aus dem reißenden Bach. "Dieses Potenzial darf nicht verschwendet werden." Plötzlich wurden wir von aufgeregtem Bellen unterbrochen. Es war Greif! Er lief auf uns zu, und jetzt konnten wir es sehen. Er hatte einen Purz gefasst, der aufgeregt zwischen seinen Zähnen zappelte.

Ich habe mir den Purz immer kleiner vorgestellt. Doch eigentlich ist er von Menschen kaum unterscheidbar. Nur das geschulte Auge erkannte den Halbmenschen. Er war dunkler, schmutziger, verschlagener, umtriebiger als die anderen. Im Purz verkörperte sich die Zersetzung der Materie. Er war das Anti. Er zerstörte, was wir mühsam mit unseren Händen geformt hatten. Ich merkte auf Anhieb: Es war der Blick, nicht die Nase, an dem wir den Purz erkennen konnten.

Vermutete er unser Vergehen?

Greif legte den Purz vor uns hin und erwartete sich hechelnd eine Belohnung. Heinrich warf ihm einen fleischigen Leckerbissen hin. Der Purz gierte danach, was Heinrich sofort unterband. Es war nicht sein erster Purz, das merkte ich sofort. Der Fürchterling zog sich artig zurück. Heinrich band ihn sich um den Nacken. Ich musste lachen, denn der Anblick erinnerte mich an den Fuchs, den Irmgard um ihren Hals trug. Er sah so lebendig aus. Er lugte hinter ihrem Nacken hervor, und man wurde das Gefühl nicht los, dass er über alles Bescheid wusste. Ja, dass er unser aller Gedanken lesen konnte und sie seiner Herrin ins Ohr flüsterte.

Obwohl Heinrich wusste, dass Irmgard keinen Purz im Haus duldete, brachte er den Fürchterling in den Keller. "Wir werden eine Menge Spaß haben", juchzte er, als er den erschöpften Purz in die Kiste legte. "Aber Irmgard ..." , wandte ich ein. Doch Heinrich disziplinierte mich fauchend. Ich gehorchte. Ein mulmiges Gefühl überkam mich. Irmgard bestrafte einen Regelverstoß auf das schärfste. Wer sich nicht fügte, der wurde amputiert. Heinrichs Übermut war nicht beizukommen. Er schloss die Kiste ab. Dann sputeten wir uns, denn Gunter hatte schon zum Abendmahl geläutet.

Irmgards Anwesenheit überraschte auch Heinrich. Wir bekamen sie diesen Sommer nur an Feiertagen zu Gesicht, da sie mit dem M.C. über die Lande zog. Eine starke Mutter wurde überall gebraucht, wo das klare Nordlicht nicht mehr hinlangte. Und solcher Winkel gab es zunehmend mehr. Ernst saß sie da und wartete, bis die ganze Sippe schweigend bei Tische saß. Nur Gunter verschwand in der Küche. Stattdessen nahm Heinrich neben ihr Platz. Argwöhnisch fixierte der Fuchs den Zwölftgeborenen. Vermutete er unser Vergehen? Irmgard sah in die Runde. Auf ihrem Schoß lag der schlafende Richard. Als hätte sie ihn dort hingelegt, um Gunter von ihr fernzuhalten. Wir alle spürten, dass Gunter den Blicken des Fuchses aus dem Weg ging. Wir alle rochen seinen stechenden Atem. Irmgard glaubte nicht an einen abwesenden Gott. Der Fuchs war ihr ein unfehlbarer Berater. "Welches ihrer Kinder würde sie für den Ernstfall wählen?" , fragte ich mich, während der Fuchs Heinrich anstarrte. Doch dieser war fähig, im richtigen Moment nichts zu denken. Schon gar nicht an den Purz. So schloss der Fuchs kurze Zeit später die Augen und nickte friedlich ein.

Am nächsten Morgen trug der schneeweiße Kondensstreifen des M.C. Irmgard wieder davon. Heinrich und ich holten den Purz jetzt täglich aus der Kiste. Er vertrieb uns die Zeit, die wir ohnehin abschieben wollten. Es war ein guter Purz. Und je schlechter es dem Purz ging, desto besser ging es uns. Ja, Heinrich schien aus der Schwäche des Purzes seine wachsende Stärke zu ziehen. Die rosige Haut straffte seine Seele. Er ging jetzt mehrmals täglich zum reißenden Bach.

Nach mehreren Wochen war der Purz kaum noch aus der Kiste zu kriegen. Es galt zu befürchten, dass der Fürchterling vor unseren Augen krepierte. Noch weniger als einen lebenden Purz würde Irmgard einen toten Purz im Hause dulden. Das begriff auch Heinrich. Und so beschlossen wir, den Fürchterling im Wald zu entsorgen. Wir schlichen in den Keller, wo die Kiste stand. Die Tür stand offen. Der Raum war dunkel. Wir schlichen hinein. Das Schloss hing lose an der Kiste. Wir trauten uns nur zögerlich näher. Langsam hob Heinrich den Deckel. Die Kiste war leer. Wie hatte es der Purz geschafft, sich selbst zu befreien? Was, wenn er im Haus herumirrte? Direkt in die Arme von Irmgard. Wir liefen hinauf. Wir durchsuchten das Haus. Doch vom Purz fehlte jede Spur.

Als wir zum Abendmahl gerufen wurden, zitterten meine Knie. Irmgard saß schweigend zu Tisch, während alle achtzehn Kinder eintrudelten. Brunhilde und Heidrun versuchten, uns mit ein paar Spritzern Milch zu necken, doch Irmgard unterband das vorlaute Treiben. Mit steinerner Miene wartete sie, bis es still war. Der Fuchs fauchte hinter ihrem Nacken hervor wie eine Muräne, die sich bedroht fühlte. Heiser verkündete sie die Verbannung Gunters. Dann nahm sie Heinrichs Hand und hielt sie während des gesamten Essens fest. (David Schalko, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 13./14.03.2010)

Der vorliegende Text ist ein Bonustrack zu Schalkos 2009 im Czernin-Verlag erschienenen Roman Weiße Nacht.

Zur Person:
David Schalko, geboren 1973, ist Regisseur und Autor. Er produziert(e) viele Sendungen für den ORF, unter anderen "Die Sendung ohne Namen" und "Willkommen Österreich".

  • "Sie entband die Kinder unter der Zeit. Da halfen alle zusammen, und
die größten, Brunhilde und Heidrun, standen mit ihren Brüsten bereit,
falls die von Irmgard einmal den mächtigen Durst des kleinen Richard
nicht stillen konnten."
    foto: privatarchiv

    "Sie entband die Kinder unter der Zeit. Da halfen alle zusammen, und die größten, Brunhilde und Heidrun, standen mit ihren Brüsten bereit, falls die von Irmgard einmal den mächtigen Durst des kleinen Richard nicht stillen konnten."

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