Prominenter Kellerfund

12. März 2010, 16:47
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Das Schnäppchen eines Händlers entpuppte sich als eine für das Wiener Rathaus ausgeführte Kaminverkleidung

Das alte Rathaus in der Wipplingerstraße war weder repräsentativ, noch bot es der ab Mitte des 19. Jahrhunderts stetig wachsenden Schar an Beamten ausreichend Platz. Der neue Prestigebau sollte weit über die Grenzen der Stadt hinaus Anerkennung finden. Als Standort wählte die Baukommission anfänglich einen eingeebneten Stadtgraben am Parkring zwischen Johannesgasse und Weihburggasse. Erst im Anschluss an die Ausschreibung und die Wahl Friedrich Schmidts zum verantwortlichen Architekten wanderte das Großprojekt zum Paradeplatz auf dem Josefstädter Glacis ab. Vom Spatenstich (Mai 1872) bis zur offiziellen Eröffnung (September 1883) verschlang das Projekt stattliche Baukosten von etwa 14 Millionen Gulden (Gegenwert Verbraucherpreisindex 2009: 151 Millionen Euro).

Im Laufe der Jahre waren die Pläne, etwa auch zur Innenausstattung, mehrfach adaptiert worden. Vieles gelangte wegen Sparmaßnahmen gar nicht erst zur Ausführung. Im Zuge der Pariser Weltausstellung 1878 hatte man beispielsweise Friedrich Schmidts Entwurf zu einer Kaminverkleidung präsentiert, den auch das Wien Museum bislang als nie ausgeführt wähnte. Ein solcher Vermerk findet sich in einem Katalog, der 2003 eine Ausstellung zu den Rathaus-Skulpturen und ihren Modellen begleitete. Die ursprünglich für den Empfangssaal vorgesehene "Heizöffnung mit Verkleidung" sei wohl nie realisiert worden. Sie habe, erklärt die damalige Kuratorin Traute Fabich-Görg, einfach keinen Hinweis auf die Ausführung finden können.

Dieser lagerte, wie STANDARD-Recherchen jetzt ergaben, über Jahrzehnte fernab der Öffentlichkeit und unerkannt in einem Keller im 19. Bezirk. Bis 2008, als der damals ahnungslose Besitzer die noch zum Teil in mit Stroh ausgelegten Holzkisten und alten Kartoffelsäcken verpackten Einzelteile dem Pariser Antiquitätenhändler Samuel Roger verkaufte. Dieser ließ die rund 400 Kilogramm schwere Fracht nach Paris transportieren und beauftragte eine Kunsthistorikerin mit Recherchen. Mit bedingtem Erfolg. Die Vermutung, wonach entsprechend der Wappen ein Mitglied des Hauses Habsburg der Auftraggeber gewesen sei, konnte nie bestätigt werden.

Am 31. März gelangt die auf Basis der STANDARD-Recherchen nun zweifelsfrei dem Architekten des Wiener Rathauses zuordenbare Kaminverkleidung bei Sotheby's in Paris mit einer stolzen Taxe von 300.000 bis 500.000 Euro zur Auktion. Der ehemalige Wiener Besitzer hatte vermutlich keine 10.000 Euro aus diesem Verkauf lukriert.

Eine illegale Ausfuhr? Generell stehen Kamineinfassungen nicht zwangsläufig unter Denkmalschutz und sind zudem nicht eindeutig solchen Warengruppe zuordenbar, die generell einer Genehmigung bedürfen. Für ein sogenanntes Rückholverfahren müsste jedoch der (derzeit nicht nachweisbare) Tatbestand der illegalen Ausfuhr vorliegen, erklärt Ulrike Emberger, stellvertretende Leiterin der Ausfuhrabteilung im Bundesdenkmalamt. Aufgrund der nunmehrigen Sachkenntnis würde man allerdings keine Ausfuhrgenehmigung erteilen. (kron, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 13./14.03.2010)

  • Kamineinfassung für das Wiener Rathaus: entworfen von Friedrich Schmidt, ausgeführt von Wienerberger.
    foto: sotheby's

    Kamineinfassung für das Wiener Rathaus: entworfen von Friedrich Schmidt, ausgeführt von Wienerberger.

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