Boulevard der Begehrlichkeiten

12. März 2010, 16:47
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Bis 21. März hält die Tefaf, der Welt einflussreichste Kunst- und Antiquitätenmesse, mit 263 Teilnehmern in Maastricht Hof

In seinem Landhaus an der Loire hielt Talleyrand seine morgendlichen Audienzen gerne im Schlafzimmer ab. Ob der Prunk seiner vergoldeten Empire-Bettstatt einschüchternde Wirkung hatte, ist nicht überliefert. So verführerisch der aquamarinblaue Seidentaft gegenwärtig auch schimmert, fingierte Tests auf Bequemlichkeit werden den Messebesuchern rigoros verwehrt. Das ist ausschließlich jenen vorbehalten, die Pelham (Paris) für die Liebesinsel des französischen Staatsmannes 380.000 Euro hinblättern.

Für die einen ist es ein Bett, für die anderen ein historisches Dokument, das Qualität, Rarität und namhafte Provenienz vereint. Das klingt wie ein Klischee, ist aber im Rahmen der Tefaf (The European Fine Art Fair) exerzierter Anspruch. Dieses Image genießt der Welt einflussreichste Messe für Kunst und Antiquitäten, die sich um die Gunst des Publikums in ihrem 23. Veranstaltungsjahr nicht mehr bemühen muss. Elitär ist hier das Angebot, nicht aber die Gier der Vernissagegäste, die sich behände alles Ess- und Trinkbare von den Servierplatten greifen, als ob es kein Morgen gäbe.

Dass während eines solchen Brimboriums überhaupt Geschäfte realisierbar sind, grenzt an ein Wunder. Die Mehrheit der 263 Aussteller wird hier entsprechend der hochdotierten Köder ein Viertel, wenn nicht 60 Prozent des Jahresumsatzes erwirtschaften. Für Paul Gaugins Deux Femmes (1902) lässt man bei Dickinson (London) ein Vermögen von 18 Millionen Euro. Etwa die Hälfte ist für Damien Hirsts in Formalde-hyd schwebendes Schweinchen beim Christie's-Primary-Ableger Haunch of Venison (London) fällig. Mit Marktfrische wird hingegen Salis & Vertes (Zürich/Salzburg) punkten, deren Picasso (L'enfant au béret écossais, 1952/53) noch nie Auktionsluft schnupperte und mit einem Preis von 6,5 Millionen Euro zu den wertvollsten Handelsgütern in der Geschichte der Galerie gehört. Aber, gibt sich Thomas Salis bescheiden, ähnliche Verführungen lauern hier doch überall. Die Tefaf und ihre Boulevards der Begehrlichkeiten eben.

Auch in der Sektion Alter Meister, wo etwa De Jonckheere (Paris, Brüssel) eine der beiden noch vollständigen Jahreszeitenfolgen von Abel Grimmer (3,8 Mio.) bereithält. Gegenüber residiert wie stets Roman Herzig (Galerie St. Lucas, Wien) mit seinen bildnerischen Schätzen: darunter die ehemals in der Sammlung Liechtenstein beheimatete Glockenweihe von Richard Treml (380.000) oder das aus dem Besitz Erzherzog Karl Ferdinands stammende Gemälde eines über seiner Literatur einschlummernden jungen Mannes von Willem Drost (1,4 Mio.).

Unweit davon trifft man bei Rudigier (München) auf zwei liturgische, in der Hofmanufaktur Maria Theresias ausgeführte Gewänder (180.000). Den charmanteren Österreich-Bezug hat Peter Mühlbauer (Pocking) unlängst in einer Pariser Privatsammlung aufgetan: Das um 1805 vom Wiener Benedikt Holl ausgetüftelte Damen-Zylinderbureau (285.000) besticht mit allerlei mechanischen Finessen, eleganter Formgebung und einem unberührten Zustand. Insofern könnte das Möbel - mitsamt der vier Balthasar-Wigand-Veduten in den Türflügeln - durchaus in das Beuteschema des Fürsten von Liechtenstein fallen.

Unter den österreichischen Teilnehmern herrschte zum Auftakt größtenteils Zufriedenheit. Johannes Faber (Wien) verbuchte mit seinen Vintage-Trouvaillen in der heuer erstmals angebotenen Sektion Tefaf-Paper mehrere Verkäufe, darunter Erwin Blumfelds Doppelakt von 1938 (38.000). Gleichauf steht Bel Etage (Wien) bei Design, wo man sich von einem Thonet-Spiegelkonsolenpaar trennte und museales Interesse für die Urversion des Bugholz-Stuhles von 1840 verzeichnete. Zu einer Rarität kam Wolfgang Bauer wie die Jungfrau zum Kind, konkret zur Signatur mitten auf dem Elefantenrüsseltisch (36.000). Nein, nicht von Adolf Loos oder Otto Schmidt, sondern von Frans Leidelmeijer. Als der Designvorsitzende das Juryprotokoll unterzeichnete, gravierte er seinen Namenszug gleich in die Tischplatte ein. (Olga Kronsteiner, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 13./14.03.2010)

  • Abel Grimmer, 1599: Jahreszeitenfolgen des Antwerpener Künstlers für 3,8 Mio. Euro bei der Tefaf.
    foto: de jonchkeere

    Abel Grimmer, 1599: Jahreszeitenfolgen des Antwerpener Künstlers für 3,8 Mio. Euro bei der Tefaf.

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