"Alternativer Bildungsgipfel"

Zwischen Regeneration und Diskussion

Stephanie Mittendorfer, 12. März 2010 16:11
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    3.200 Menschen demonstrierten gestern in Wien gegen den Bologna-Prozess, so die Polizei. Die Veranstalter sprechen von bis zu 12.000 Teilnehmern.

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    Rund 1.500 Studierende sind aus Frankreich, Deutschland, Spanien und Italien angereist.

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    Im "Café Transnational" sollen sich die Teilnehmer des "alternativen Bildungsgipfels" persönlich treffen und internationale Erfahrungen austauschen.

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    Verpflegt werden die Studierenden wie auch schon im Herbst von der "Volxküche" - dieses Mal in einem Zelt im Innenhof des Uni Campus.

Nach der Demonstration am Donnerstag läuft für die Studierenden gemächlich der "alternative Bildungsgipfel" an

Nachdem am Donnerstag tausende Studierende ihrem Ärger über den Bologna-Prozess lautstark auf Wiens Straßen Luft gemacht haben (derStandard.at berichtete), wollen sie sich nun bei einem „alternativen Bildungsgipfel" kritisch mit der Vereinheitlichung des europäischen Hochschulraums im Zuge des Bologna-Prozesse auseinandersetzen. In verschiedenen Workshops rund um die Themen Bologna und Bildung diskutieren die Studierenden über das europäischen Bildungswesen und ihre Proteste. Auch über die Zukunft der Studentenbewegung will man reden.

„Seit gestern, seit dieser großartigen Demonstration, kann man definitiv von einer gesamteuropäischen Bewegung sprechen", sagt Daniel, der unter anderem für die internationale Vernetzung zuständig ist, gegenüber derStandard.at. Studenten aus ganz Europa sind nach Wien gekommen, um den 47 Wissenschaftsministern der Länder, die am „Bologna-Prozess" teilnehmen, zu zeigen, dass sie mit den Entwicklung  nicht einverstanden sind. Auch ein Australier, soll eigens nach Wien gekommen sein, geht das Gerücht.

„Wir sind in Wien, weil hier die Leute sind, die es verbockt haben", sagte ein Student aus Würzburg. Insgesamt sind rund 200 deutsche Studierende mit Bussen nach Wien gereist.

„Reclaim your future"

Unter diesem Motto findet der „Gegengipfel", der von Freitag bis Sonntag im Alten AKH in Wien statt. „Wir wollen internationale Erfahrungen zusammenbringen, gemeinsame Perspektiven und Strategien entwickeln und Kritik formulieren", beschreibt ein Student das Ziel des Gipfels. Es soll geplant werden, wie es weitergeht, denn es wird weitergehen, davon sind die Studierenden hier überzeugt - auch, wenn sich Müdigkeit breit macht. Beim „Kick-Off Workshop" zum Gipfel am frühen Freitagnachmittag ist der Hörsaal nur zu einem Drittel besetzt. Der Zorn, der bei der Bildungsdemo am Donnerstag zu spüren war, scheint gewichen. „Natürlich gibt es gewisse Ermüdungserscheinungen, aber jetzt gilt es, Kontinuität zu erzeugen und weiter Druck aufzubauen. Wie wir dieser Herausforderung begegnen, werden wir an diesem Wochenende besprechen", erklärt ein Politikwissenschafts-Student.

An verschiedenen Orten in Wien, neben dem Uni Campus auch an der Universität für Bodenkultur und der Akademie der bildenden Künste, gibt es neben Workshops wie „Bildung und soziale Ungleichheit" und „Hochschulen und die Reproduktion von Ideologie und Herrschaft" auch ein Café, in dem der persönliche Kontakt im Mittelpunkt steht. „Soviel wir dem Internet zu verdanken haben - ganz ohne persönliches Treffen geht es halt nicht", so Daniel.

Schlaf- und Mitfahrbörse

Ungefähr 1500 ausländische Studenten sind nach Wien gekommen, schätzt das Koordinationsteam am Infopoint. Um sie unterzubringen wurde eine Schlafplatzbörse eingerichtet. Auch in der Aula der Akademie der bildenden Künste und im Hörsaal am UniCampus schliefen die Demonstrierenden auf Isomatten zwischen den Sitzreihen. Für (vegane) Verpflegung sorgt wie schon während der Audimax-Besetzung im Herbst die „Volxküche", die in einem Zelt im Innenhof untergebracht ist. Und damit alle wieder nach Hause kommen gibt es eine Mitfahrbörse. „Ich bin beeindruckt wie gut das alles organisiert ist", sagte die Medizinstudentin Nora gegenüber derStandard.at. „Alles ist mehrsprachig, es gibt Stadtpläne und Dolmetscherteams."

Bologna als „Chance für junge Menschen"

Seit Donnerstag findet in Wien und Budapest ein Treffen zum Thema „10 Jahre Bologna" statt. Die Bildungs- und Wissenschaftsminister beraten über die Zukunft des gemeinsamen Hochschulraumes. Wissenschaftsministerin Beatrix Karl betonte die guten Seiten des Bologna-Prozesses. Der gemeinsame Hochschulraum sei "ein Eckpfeiler der Zukunft Europas und damit auch unserer Länder". Die Chancen für junge Menschen stünden im Mittelpunkt der Bologna-Idee, betonte Karl.

„Zugangsbeschränkungen" für Minister

Begleitet wird das Treffen in Wien von heftigen Studentenprotesten. Laut Polizei demonstrierten am Donnerstag 3.200 Studierende. Die Veranstalter sprechen von bis zu 12.000 Demonstranten. Am Abend kam es zu Straßensperren, um den Weg der Minister in die Hofburg zu blockieren. Man wolle, dass die Minister einmal spüren wie sich "Zugangsbeschränkungen" auf die persönliche Freiheit auswirken, so eine Sprecherin der AG-Presse gegenüber derStandard.at. Die Polizei trug die Protestierenden weg oder drängte sie mit einem Großaufgebot ab. Laut Polizeiangaben kam es bei der Demo zu fünf Festnahmen.

Karl musste warten

Gastgeberin Karl musste eine Stunde zuwarten, ehe sie am Donnerstagabend die "einzigartige Partnerschaft" im "Bologna-Prozess" würdigen konnte. Einer, auf den gewartet werden musste, war der Vorsitzende der Universitäten-Konferenz Hans Sünkel, der von einer Blockade zwischenzeitlich gestoppt worden war. Er sieht in der Analyse von Stärken und Schwächen des Bologna Prozesses einen „Arbeitsauftrag für alle Beteiligten". Das Wissenschaftsministerium müsse für die entsprechenden Rahmenbedingungen sorgen und die Finanzierung sicherstellen, aber auch die Universitäten seien gefordert. Von den Studierenden erwartet Sünkel, dass sie ihre Verantwortung als Gestalter des Prozesses wahrnehmen und sich einbringen.

„Vieles nicht gelungen"

Für den ehemaligen SPÖ-Wissenschaftsminister Caspar Einem, der 1999 für Österreich die Bologna-Deklaration unterzeichnete, ist hinsichtlich der damals vereinbarten Ziele "ein bisschen was vorangegangen, es ist aber auch vieles nicht gelungen". Die Schaffung einer vergleichbaren Struktur an europäischen Universitäten beurteilt er auch heute noch positiv. Die "ausschließliche Ausrichtung auf die Arbeitsmarktfähigkeit" sieht er heute jedoch kritisch, weil damit die Bildung zu kurz komme, sagte Einem am Rande der Bologna-Konferenz. Als "nicht gelungen" bezeichnete er das Ziel, die Durchlässigkeit zwischen den Universitäten deutlich zu erhöhen. Für die Studentenproteste hat Einem Verständnis. Sie würden sich "zum Teil gegen einen Popanz richten, der zwar nicht Bologna ist, aber es gibt Probleme, die durchaus ernst zu nehmen sind." (Stephanie Mittendorfer/derStandard.at, 12.3.2010)

 

Kommentar posten
24 Postings
Claus_W
13.03.2010 12:34
bösartigster Schlechtmensch
13.03.2010 05:48

Meine Güte, geht es noch lächerlicher? Die Demo war eine totaler Flop. Alles andere ist Augenauswischerei. Diese linkslinken Pseudo-Forderungen interessieren aber auch wirklich niemanden. Ceiber-Weiber-unterwanderte Gruppierungen mit äußerst seltsamen Ansichten sind ein reines Minderheitenprogramm. Also bitte, lasst es gut sein.

A. N. O'Nymus
 
13.03.2010 19:50
flop??

knapp 10.000 leute haben bei nasskaltem wetter gegen den bologna-prozess demonstriert (die zahlen der polizei kannst du vergessen...)

die bologna-feiern konnten nur dank riesigem polizeiaufgebot überhaupt stattfinden - mit über einer stunde verspätung!

der hörsaal c1 am campus (zweitgrößter hs der uni wien - nach dem audimax) war gestern abend voll. der hörsaal 1 des nig, in dem jetzt das abschlusspodium stattfindet (c1 ist belegt; das audimax will der rektor wohl aus angst vor besetzungen nicht hergeben) ist wirklich randvoll, es sind weit mehr leute drin als es (sitz)plätze gibt.

ich weiß nicht, wo du da einen flop siehst.

unterschichtskind auf dem weg nach oben
13.03.2010 16:30

Man beachte auch die feine Ironie: das Plakat sagt - freie Bildung für freie Köpfe - und doch handelt es sich nur um bornierte Ideologisten mit einem reaktionären und engstirnigen Weltbild.

bixente uhudla
 
13.03.2010 16:11

die fpö ist an und für sich auch nur ein minderheitenprogramm und bestimmt aber die politik in österreich mit...

gehe nicht mit allem konform,was sich die studis da so vorastellen(zu vieles ist naiv und blauäugig und fern der realität),manches hat aber absolut hand und fuss...

und wirklich schaden tun die proteste eh niemand,also passt das schon

adler15
13.03.2010 16:05
wenige Demonstranten

Klar, dass wenige Demonstranten teilnahmen. Viele mussten arbeiten, andere resignieren. Dabei ist den Studenten nicht bewusst, dass sie es sind, die am Drücker sind: Ab 2030 ist jeder 3. Österreicher über 60. 3 Mio. Pensionisten wollen schließlich erhalten werden dagegen stehen 3 Mio Angestellte. Das ergibt eine untragbare Steuerlast. Warum sollen die Jungen, die jetzt im Regen stehen diese tragen? Sie brauchen nur den Generationenvertrag brechen und ins Ausland gehen, überhaubt die Besserverdienenden. In Österreich werden dann die Alten, die Schlechtqualifizierten und die Ausländer welche für sich leben zurückbleiben. Kurz gesagt: Heute lacht die Gesellschaft, morgen lachen die Hochqualifizierten. (=brain drain)

Papiertiger
15.03.2010 16:57
ich finde 10.000 demonstrierende eigentlich nicht wenig, sondern ganz gut!

marazuna
12.03.2010 23:48

bildung ist ja nur in dem maße erwünscht in dem sie die menschen abhängig macht (fähig sein die krone zu lesen und glauben was da drin steht). würde bildung frei machen wäre sie eine große bedrohung und daher abzulehnen, das haben die regierenden nun auch schon erkannt.

unterschichtskind auf dem weg nach oben
13.03.2010 12:16

Paranoia ist heilbar.

Dominika Jablonska
12.03.2010 19:52
Naja, Was ich von den Protestierern am meisten gehört habe war immer nur das Gebrüll nach fremdem (Steuerzahler-)Geld,

damit alle anderen den Studenten ihr Studium vollständig bis zum letzten Euro ausfinanzieren.

Die Demonstranten die am lautesten schreien (vor allem Studenten der Geschichte, Politik, Architektur, Publizistik,..) genießen eine teure und lange Ausbildung, die sie in die Arbeitslosigkeit führt oder in Jobs für die sie die Ausbildung nicht brauchen. Dann regen sie sich auf, dass sie trotz "Mag.rer.pol." prekäre Jobs annehmen müssen. Diese Absolventen schreien ihr Leben lang nur nur nach dem Geld anderer.
Als zB Publizistikstudent würde ich mich schämen, dass ich trotz aller Warnungen damit angefangen habe, damit ich einen billigen Magister bezahlt kriege, aber ganz sicher nicht auch noch auf der Straße nach fremdem Geld brüllen.

unterschichtskind auf dem weg nach oben
13.03.2010 16:31

Immer die Troll-Warnungen, wenn jemand nahe der "Wahrheit" kommt. ts ts ts.

SiSe
15.03.2010 03:55

Wenn Architektur ach so ein schlechtes Fach mit null Jobaussichten ist, stimmen wohl irgendwie die ganzen Statistiken nicht, welche besagen, dass wir die 8 besten Berufsaussichten haben - besser als Chemie und Physik...

Neben der Forderung nach mehr Geld gibt es auch unzählige weitere (für mich fast noch wichtigere), welche man ohne auch nur einen Cent in die Hand zu nehmen umsetzen könnte (z.b. Redemokratisierung der Uni, Abschaffung des Unirates, Standards für Curricula zu entwickeln uvm.)

Claus_W
13.03.2010 12:33

dont feed the troll

Alkolix
13.03.2010 10:46
achtung troll

StandardMeinung
13.03.2010 09:41

wenn man von der hetze gegen die genannten studienrichtungen absieht, könnte schon etwas wahres dran sein.

eines der argumente der bewegung ist, dass man unis ruhig ausfinanzieren könne, weil sich die studierenden später im berufsleben durch überdurchschnittlich hohe steuerzahlungen eh "refinanzieren" würden.

die studierenden-/berufsgruppen, auf die das mit hoher wahrscheinlichkeit zutrifft (ärzte, juristen, techniker, wirtschafter, etc) sind aber nur in der minderheit in der bewegung vertreten.

was nicht heißen soll, dass es nur um den "geld-wert" oder generell nur um dieses argument gehen sollte ...

el bosco
12.03.2010 21:03

haha, genau dieses posting hab ich schon vor monaten gelesen, bei den ersten großen demonstrationen. nur unter einem anderen nick!
danke HC pröll :)

Rita Matsuko1
12.03.2010 20:08
da wurde aber sehr selektiv gehört ...

und z.b. die kritik an den, der neoliberalen politik zu verdankenden, zunehmend prekären arbeitsbedingungen für ALLE arbeitnehmerinnen offenbar überhört ... da wurde offenbar auch die kritik an der ökonomisierung aller lebensbereiche, neben bildung auch gesundheit, umverteilung etc. überhört ... ist da jemand an einem ohr taub und an zumindest einem auge blind????

unterschichtskind auf dem weg nach oben
13.03.2010 16:32

ha ha. man merkt Sie haben keine Ahnung. Schlagwörter und leere Phrasen.

--??--was
12.03.2010 18:22
12. März 1365

In Wien wird die Universität gegründet.

--??--was
12.03.2010 18:24
12. März 1848

Im Revolutions-Jahr beginnen in Wien viertägige Studentenkundgebungen mit nachfolgendem Aufstand und Barrikadenkämpfen. Kanzler Metternich flieht und dankt ab. Das Militär wird zur Verteidigung eingesetzt, es gibt Übergriffe auf Fabriken und Läden.

unterschichtskind auf dem weg nach oben
13.03.2010 12:15

hi hi. wie man es braucht nicht wahr?

--??--was
13.03.2010 14:08
auch das war am 12. März, jedoch 1938

http://www.erinnern.at/e_bibliot... -anschluss

unterschichtskind auf dem weg nach oben
13.03.2010 16:32

in diesem Zusammenhang also wiederholt sich die Geschichte also. wusste ich es doch.

McToothpick
12.03.2010 16:39
Programm zum Gegengipfel:

http://bolognaburns.org/

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