Zwischen Regeneration und Diskussion

12. März 2010, 16:11
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Nach der Demonstration am Donnerstag läuft für die Studierenden gemächlich der "alternative Bildungsgipfel" an

Nachdem am Donnerstag tausende Studierende ihrem Ärger über den Bologna-Prozess lautstark auf Wiens Straßen Luft gemacht haben (derStandard.at berichtete), wollen sie sich nun bei einem „alternativen Bildungsgipfel" kritisch mit der Vereinheitlichung des europäischen Hochschulraums im Zuge des Bologna-Prozesse auseinandersetzen. In verschiedenen Workshops rund um die Themen Bologna und Bildung diskutieren die Studierenden über das europäischen Bildungswesen und ihre Proteste. Auch über die Zukunft der Studentenbewegung will man reden.

„Seit gestern, seit dieser großartigen Demonstration, kann man definitiv von einer gesamteuropäischen Bewegung sprechen", sagt Daniel, der unter anderem für die internationale Vernetzung zuständig ist, gegenüber derStandard.at. Studenten aus ganz Europa sind nach Wien gekommen, um den 47 Wissenschaftsministern der Länder, die am „Bologna-Prozess" teilnehmen, zu zeigen, dass sie mit den Entwicklung  nicht einverstanden sind. Auch ein Australier, soll eigens nach Wien gekommen sein, geht das Gerücht.

„Wir sind in Wien, weil hier die Leute sind, die es verbockt haben", sagte ein Student aus Würzburg. Insgesamt sind rund 200 deutsche Studierende mit Bussen nach Wien gereist.

„Reclaim your future"

Unter diesem Motto findet der „Gegengipfel", der von Freitag bis Sonntag im Alten AKH in Wien statt. „Wir wollen internationale Erfahrungen zusammenbringen, gemeinsame Perspektiven und Strategien entwickeln und Kritik formulieren", beschreibt ein Student das Ziel des Gipfels. Es soll geplant werden, wie es weitergeht, denn es wird weitergehen, davon sind die Studierenden hier überzeugt - auch, wenn sich Müdigkeit breit macht. Beim „Kick-Off Workshop" zum Gipfel am frühen Freitagnachmittag ist der Hörsaal nur zu einem Drittel besetzt. Der Zorn, der bei der Bildungsdemo am Donnerstag zu spüren war, scheint gewichen. „Natürlich gibt es gewisse Ermüdungserscheinungen, aber jetzt gilt es, Kontinuität zu erzeugen und weiter Druck aufzubauen. Wie wir dieser Herausforderung begegnen, werden wir an diesem Wochenende besprechen", erklärt ein Politikwissenschafts-Student.

An verschiedenen Orten in Wien, neben dem Uni Campus auch an der Universität für Bodenkultur und der Akademie der bildenden Künste, gibt es neben Workshops wie „Bildung und soziale Ungleichheit" und „Hochschulen und die Reproduktion von Ideologie und Herrschaft" auch ein Café, in dem der persönliche Kontakt im Mittelpunkt steht. „Soviel wir dem Internet zu verdanken haben - ganz ohne persönliches Treffen geht es halt nicht", so Daniel.

Schlaf- und Mitfahrbörse

Ungefähr 1500 ausländische Studenten sind nach Wien gekommen, schätzt das Koordinationsteam am Infopoint. Um sie unterzubringen wurde eine Schlafplatzbörse eingerichtet. Auch in der Aula der Akademie der bildenden Künste und im Hörsaal am UniCampus schliefen die Demonstrierenden auf Isomatten zwischen den Sitzreihen. Für (vegane) Verpflegung sorgt wie schon während der Audimax-Besetzung im Herbst die „Volxküche", die in einem Zelt im Innenhof untergebracht ist. Und damit alle wieder nach Hause kommen gibt es eine Mitfahrbörse. „Ich bin beeindruckt wie gut das alles organisiert ist", sagte die Medizinstudentin Nora gegenüber derStandard.at. „Alles ist mehrsprachig, es gibt Stadtpläne und Dolmetscherteams."

Bologna als „Chance für junge Menschen"

Seit Donnerstag findet in Wien und Budapest ein Treffen zum Thema „10 Jahre Bologna" statt. Die Bildungs- und Wissenschaftsminister beraten über die Zukunft des gemeinsamen Hochschulraumes. Wissenschaftsministerin Beatrix Karl betonte die guten Seiten des Bologna-Prozesses. Der gemeinsame Hochschulraum sei "ein Eckpfeiler der Zukunft Europas und damit auch unserer Länder". Die Chancen für junge Menschen stünden im Mittelpunkt der Bologna-Idee, betonte Karl.

„Zugangsbeschränkungen" für Minister

Begleitet wird das Treffen in Wien von heftigen Studentenprotesten. Laut Polizei demonstrierten am Donnerstag 3.200 Studierende. Die Veranstalter sprechen von bis zu 12.000 Demonstranten. Am Abend kam es zu Straßensperren, um den Weg der Minister in die Hofburg zu blockieren. Man wolle, dass die Minister einmal spüren wie sich "Zugangsbeschränkungen" auf die persönliche Freiheit auswirken, so eine Sprecherin der AG-Presse gegenüber derStandard.at. Die Polizei trug die Protestierenden weg oder drängte sie mit einem Großaufgebot ab. Laut Polizeiangaben kam es bei der Demo zu fünf Festnahmen.

Karl musste warten

Gastgeberin Karl musste eine Stunde zuwarten, ehe sie am Donnerstagabend die "einzigartige Partnerschaft" im "Bologna-Prozess" würdigen konnte. Einer, auf den gewartet werden musste, war der Vorsitzende der Universitäten-Konferenz Hans Sünkel, der von einer Blockade zwischenzeitlich gestoppt worden war. Er sieht in der Analyse von Stärken und Schwächen des Bologna Prozesses einen „Arbeitsauftrag für alle Beteiligten". Das Wissenschaftsministerium müsse für die entsprechenden Rahmenbedingungen sorgen und die Finanzierung sicherstellen, aber auch die Universitäten seien gefordert. Von den Studierenden erwartet Sünkel, dass sie ihre Verantwortung als Gestalter des Prozesses wahrnehmen und sich einbringen.

„Vieles nicht gelungen"

Für den ehemaligen SPÖ-Wissenschaftsminister Caspar Einem, der 1999 für Österreich die Bologna-Deklaration unterzeichnete, ist hinsichtlich der damals vereinbarten Ziele "ein bisschen was vorangegangen, es ist aber auch vieles nicht gelungen". Die Schaffung einer vergleichbaren Struktur an europäischen Universitäten beurteilt er auch heute noch positiv. Die "ausschließliche Ausrichtung auf die Arbeitsmarktfähigkeit" sieht er heute jedoch kritisch, weil damit die Bildung zu kurz komme, sagte Einem am Rande der Bologna-Konferenz. Als "nicht gelungen" bezeichnete er das Ziel, die Durchlässigkeit zwischen den Universitäten deutlich zu erhöhen. Für die Studentenproteste hat Einem Verständnis. Sie würden sich "zum Teil gegen einen Popanz richten, der zwar nicht Bologna ist, aber es gibt Probleme, die durchaus ernst zu nehmen sind." (Stephanie Mittendorfer/derStandard.at, 12.3.2010)

 

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    3.200 Menschen demonstrierten gestern in Wien gegen den Bologna-Prozess, so die Polizei. Die Veranstalter sprechen von bis zu 12.000 Teilnehmern.

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    Beim Kick-Off Workshop des "Gegengipfels" war die Erschöpfung von der Demonstration am Vortag noch spürbar. Am Wochenende wird über die Zukunft der Proteste diskutiert.

  • Rund 1.500 Studierende sind aus Frankreich, Deutschland, Spanien und Italien angereist.
    foto: derstandard.at / stephanie mittendorfer

    Rund 1.500 Studierende sind aus Frankreich, Deutschland, Spanien und Italien angereist.

  • Im "Café Transnational" sollen sich die Teilnehmer des "alternativen Bildungsgipfels" persönlich treffen und internationale Erfahrungen austauschen.
    foto: derstandard.at / stephanie mittendorfer

    Im "Café Transnational" sollen sich die Teilnehmer des "alternativen Bildungsgipfels" persönlich treffen und internationale Erfahrungen austauschen.

  • Verpflegt werden die Studierenden wie auch schon im Herbst von der "Volxküche" - dieses Mal in einem Zelt im Innenhof des Uni Campus.
    foto: derstandard.at / stephanie mittendorfer

    Verpflegt werden die Studierenden wie auch schon im Herbst von der "Volxküche" - dieses Mal in einem Zelt im Innenhof des Uni Campus.

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    Die 47 Wissenschaftsminister jener Länder, die am "Bologna-Prozess" teilnehmen, begehen am Donnerstag und Freitag in Wien und Budapest das zehnjährige Jubiläum. Auch darüber, wie man Bologna verbessern kann, soll diskutiert werden.

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