"Man braucht Führung der Eltern"

12. März 2010, 19:26
2 Postings

Bei Neuroth Hörgeräte ist die nächste Generation am Ruder. Mit den Eltern. Warum und wie das klappt, ohne dass Liebe, Macht und Geld die Familie auseinanderbringen, erklären die beiden Jungen

In der Vorwoche hat Neuroth das 100. Fachgeschäft in Österreich eröffnet. 155 und mit 640 Mitarbeitern sind es zusammen mit jenen in Slowenien, Liechtenstein und der Schweiz. Das 1907 gegründete Unternehmen fährt zur Zeit einen recht aggressiven Expansionskurs mit Hörhilfen, Hörschutz und Produkten rund um die Schalltechnik. Bei zuletzt rund 80 Mio. Euro Umsatz scheint auch das Marketingbudget ein recht ordentliches zu sein - aber: Wie das bei Familienunternehmen so oft üblich ist, gehören auch bei Neuroth Kennzahlen zu einem gut gehüteten Geheimnis.

Man wolle ja dem Mitbewerb nicht mehr Infos als notwendig überlassen, erklärt Lukas Schinko (23), jüngster Sohn und nun Vertriebsleiter in der Firma. Er wusste "mit 16" , dass er im Familienunternehmen arbeiten will, machte Praktika bei Produzenten, war schon von Kind an in der Firma. Anders der älteste Bruder - er wurde Jurist. Schwester Julia Draxler-Schinko (29) ist Neuroth-Finanzvorstand.

So wie alle Führungskräfte haben auch sie (zusätzlich) die Gesellenprüfung als Hörakustiker absolviert. Das Arbeitsgebiet liegt den beiden am Herzen: Es sei etwas sehr Sinnvolles, Menschen zu helfen, durch Hören wieder mehr sozialen Anschluss im Leben zu finden. Lukas sammelt in einer Mappe Dankesbriefe von Kunden.

Junger Junior-Chef

Wie Mitarbeiter einem so jungen Junior-Chef begegnen? Er sei ja von Kind an dabei gewesen, nicht "oben" eingestiegen, man kenne einander ja schon seit vielen Jahren. Kein Thema.

Neuroth organisiere den Übergabeprozess auch sehr sorgsam und langsam, in drei Schritten, begonnen bei der Mitarbeit "unten" . Ob die beiden sich nun "in Funktion" schon abgrenzen? "Bei uns gibt es nicht Junior oder Senior, bei uns gibt es Neuroth." Und: "Man braucht ja auch die Führung der Eltern, ich möchte mich auch an dieser Stelle bei meinen Eltern bedanken" , sagt Lukas.

Es klingt glaubwürdig, unprätentiös, und es ist ungewöhnlich: Berater, Coaches und Mediatoren haben bei Neuroth, was Familienthemen und Übergabeprozesse betrifft, keinen Auftrag. Auch nicht, was Entnahme oder Entlohnungsfragen betreffe, sagen die beiden. Die Familie bespreche und löse solche Fragen. Allerdings: Klare Abgrenzung zum eigenen Privatleben sei, so verraten sie, ihr Erfolgsgeheimnis. Das verlange permanente Disziplin.

Die Vision Neuroths, Europas größter Hörakustik-Fachhändler zu werden steht in der Broschüre zur Firmenphilosophie. Mit den Werten und der Philosophie nehmen es die Jungen sehr genau, auch was die Aus- und Weiterbildungsmodule in der Neuroth-Akademie in Gleisdorf betrifft. Dazu gehört auch, dass gerade in diesem sehr Service-intensiven Geschäft mit tendenziell alten Kunden Generationenmanagement quasi implizit ist: Auch 49-Jährige beginnen bei Neuroth noch mit einer Lehre als Hörakustiker. (kbau, DER STANDARD, Printausgabe, 13./14.3.2010)

  • Julia Draxler-Schinko (29) und Lukas Schinko (23), die "Jungen"  in der Führung des Familienunternehmens Neuroth. Im Bild: der 100. Shop in Österreich in Wien-Döbling.
    foto: standard/andy urban

    Julia Draxler-Schinko (29) und Lukas Schinko (23), die "Jungen" in der Führung des Familienunternehmens Neuroth. Im Bild: der 100. Shop in Österreich in Wien-Döbling.

Share if you care.