Lehman Brothers ging mit einer Bilanzsumme von fast 700 Milliarden Dollar pleite
Wien - Hohes Risiko, massive Fehleinschätzungen und eine Portion Überheblichkeit:Dieser Cocktail hat die US-Investmentbank Lehman Brothers am 15. September 2008 in die Insolvenz nach dem Chapter 11 abstürzen lassen. US-Anwalt Anton Valukas wirft in einem 2292 Seiten starken Bericht den Managern der Bank vor, allen voran dem Vorstandsvorsitzenden Dick Fuld, dass trotz des Aufkeimens der ersten Krisensymptome in den US-Kreditmärkten noch mehr Risiko bei der Bank genommen wurde. Diese Entscheidungen seien zwar legal gewesen, stellten sich aber als massive Fehleinschätzung heraus.
2006, als der US-Immobilienmarkt bereits zum Sturzflug ansetzte, startete Fuld eine "aggressive" Wachstumsstrategie, so Valukas. Der Ober-Lehman wurde seinem Spitznamen "Gorilla" gerecht, kaufte am Höhepunkt des Konjunkturzyklus hochriskante Kreditportfolios und reduzierte das Eigenkapital der Bank. Zudem ist das Institut in weitere Geschäftsbereiche vorgestoßen. Als Folge dessen fuhr die Bank mit einer Bilanzsumme von knapp 700 Milliarden US-Dollar (509 Mrd. Euro), bei nur 25 Mrd. Dollar Eigenkapital in die Krise.
Die Anwälte hätten "ausreichend Beweise" gefunden, dass Vorstandsmitglieder Richard Fuld und Christopher O'Meara grob fahrlässig handelten, indem sie Investoren mit Finanzberichten in die Irre geführt haben. Vorwürfe gegen andere Vorstandsmitglieder sowie Steuerprüfer werden ebenso geprüft.
Zudem skizziert der Bericht detailliert, gespickt mit 8196 Fußnoten, die kritische Phase im August und September 2008, den letzten Wochen der Bank. Auch in dieser Phase wurden schwere Patzer begangen. So hat Lehman Brothers fünf Tage vor der Pleite zu einem wichtigen Treffen mit zwei der wichtigsten Geldgeber, den Geldinstituten Citigroup und JPMorgan Chase, nur Banker aus der zweiten Reihe geschickt. Das Vertrauen der anderen Institute in den Sanierungsplan war danach erschüttert, der Plan wurde "nicht ernst genommen".
Dieses fehlende Vertrauen der zwei Geldinstitute war es denn schließlich, das Lehman zum Kentern brachte. Beide Institute verlangten in den ersten Septemberwochen zweistellige Milliardenbeträge als Sicherheiten für Geschäfte mit Lehman. Die Bank war damit insolvent. (Lukas Sustala, DER STANDARD, Printausgabe, 13./14.3.2010)