Ein Bausparvertrag ist kein Schicksal

10. April 2003, 18:35
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Mit dem Kölner "Angelika Express" gastierte ein sympathischer und ausgezeichneter Vertreter des Punkrevival in Österreich

Das weltweite anhaltende Punkrevival macht auch vor Deutschland nicht Halt: Mit dem Kölner "Angelika Express" gastierte ein sympathischer und ausgezeichneter Vertreter dieses wieder belebten Genres erstmals in Österreich.


Wien - Dank dem Phänomen der verzögerten Adoleszenz, das heute nicht nur dafür verantwortlich ist, dass die Zimmer im Hotel Mama überdurchschnittlich lange gut belegt sind, gibt es auch Bands wie Angelika Express. Im positiven Fall, und davon soll hier die Rede sein, führt dieser in die Länge gezogene Lebensabschnitt dazu, dass man sich mit Ende zwanzig immer noch nicht so fühlt, als bräuchte man jetzt dringend einen Angestelltenjob, einen Bausparvertrag und einen plärrenden Stammhalter, der stündlich die Windeln füllt.

Stattdessen kann man ja auch eine Band gründen, dem Leben der Boheme zusprechen und mit deutschen Texten die Chronik dieses Daseins formulieren. So zum Beispiel: "Eigentlich, eigentlich bist du super für mich. Eigentlich, eigentlich, das weißt du nur noch nicht."

Angelika Express, ein flotter Dreier aus Köln, übersetzt seine Geschichten in eine musikalische Form, die nicht nur seit bald dreißig Jahren als allgemein verständlich gilt, sondern seit zwei, drei Jahren ein ausgewachsenes Revival erfährt: Punk.

Wut im Bauch!

Dass launige Dreiminüter in schlanker Instrumentierung und mit Wut im Bauch nicht nur in England oder den USA auf fruchtbaren Boden fallen, bewies am Mittwochabend ein aus allen Nähten platzendes Chelsea. Dort, im neu errichteten vierten Bogen, erklommen in schwarzen Anzügen Robert Drakogiannakis, Jens Bachmann und Alex Jezdinsky die Bühne, um ihr titelloses Debüt auf seine Wien-Kompatibilität zu überprüfen.

Während Schlagzeuger Jezdinsky sein wackeliges Hau-Drauf artgerecht nötigte und hin und wieder dem Refrain beiwohnte, hielten im Vordergrund Sänger und Gitarrist Drakogiannakis zusammen mit Bassman Bachmann die Tradition des hyperaktiven Bühnenpunks aufrecht. Dabei erwies sich Angelika als der Riffs der Rock-'n'-Roll-Grufties The Cramps ebenso kundig wie der kurzen, trockenen Licks der großen Fehlfarben.

Überhaupt, die Fehlfarben! Diese, und allen voran ihr Sänger Peter Hein, stehen natürlich schon Pate bei Angelika Express. Das wird auch nicht in Abrede gestellt. Im Gegenteil. Wenn Peter Hein schon einmal eine deutsche Band gut findet, ja sie sogar in das Vorprogramm der Fehlfarben einlädt und in einem Überschwang an Menschenfreundlichkeit sogar das Lied Verkaterter Dienstag mit ihnen singt, ist das nichts, was man verschweigt. Zumal das Debüt der Fehlfarben, Monarchie und Alltag aus 1980, immer noch als der Qualitätsmaßstab im deutschen Pop gilt.

Live stand die Jugend den Vorbildern in nichts nach. Rotzigem Begehren ("Alles was ich will, ist dein Gesäß!") folgte der erigierte Stinkefinger Richtung Freundin und Hauptstadt ("Geh doch nach Berlin") oder Klartext der Marke "Du willst Pornografie, hier ist Pornografie".

Das Publikum aus der Zielgruppe der Jungwähler und schon länger Jungwähler applaudierte und transpirierte heftig. Hat sich doch nun, wo Tocotronic endlich bemerkt haben, dass ihnen der nächste runde Geburtstag vorne einen Vierer bescheren wird, eine erfrischende Nachfolgeband gefunden.

Wird auch Zeit. Bei der Caritas wurde nämlich langsam das Gewand knapp. (DER STANDARD, Printausgabe, 11.4.2003)

Von Karl Fluch

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angelikaexpress.de
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    foto: angelikaexpress.de
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