Schiiten-Konflikte im Schatten des Kriegs

11. April 2003, 17:26
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Der ermordete Abdul Madjid al-Khoei wurde als "Freund des Westens" diskreditiert - Andere Konflikte werden vom Schatten des großen Kriegs verdeckt

Wien - Als Fanal deuten Beobachter die Ermordung von Abdul Madjid al-Khoei, einem vor ein paar Tagen aus Großbritannien in den Irak zurückgekehrten Schiitenführer, in der Ali-Moschee in Nadjaf am Donnerstag. Das Gemetzel, bei dem bis zu sieben Menschen von einer aufgebrachten Menge ermordet - teilweise mit Messern und Äxten zerhackt - wurden, ist noch nicht geklärt. Es weist aber darauf hin, dass im Irak längst andere, kleinere Konflikte ausgetragen werden, die vom Schatten des großen Kriegs verdeckt werden.

Es gibt mehrere Versionen zur Tat: Die Menschenmenge hätte eigentlich den Kelidar, den Verwalter der Moschee, umbringen wollen, der - wie alle Kelidare der schiitischen Stätten im Irak - als Mann des Regimes von Saddam Hussein galt. Khoei soll dem Kelidar zu Hilfe geeilt sein, die Menge habe sich dann auch gegen ihn gewandt, ohne zu wissen, gegen wen sich ihre Wut richtete. In der zweiten Version wird Khoei, dessen Rückkehr in den Irak von den Alliierten gefördert wurde, von Agenten Saddams umgebracht, in der dritten von schiitischen Extremisten.

Denn Abdul Madjid al-Khoei, Sohn des von Saddam gedemütigten und 1992 in irakischem Hausarrest verstorbenen Großayatollahs Abdul Kassem Mussawi al-Khoei, war der Vertreter einer liberalen schiitischen Richtung. In konservativen iranischen Blättern wurde er anlässlich seiner Rückkehr in den Irak als "Freund des Westens" kritisiert. In London hatte er die millionenschwere al-Khoei- Stiftung verwaltet, die sich in den 90-er Jahren politisch sehr aktiv betätigte: Auf ihre Initiative, ihren Druck auf westliche Regierungen ist es hauptsächlich zurückzuführen, dass ab 1992 die ehemaligen alliierten Golfkriegsmächte zumindest vorgaben, sich für das Schicksal der Schiiten im Südirak zu interessieren: Damals wurde im Irak die Flugverbotszone unterhalb des 32. Breitengrades eingerichtet.

Im Irak gibt es mehrere schiitische Familien, aus denen bedeutende Geistliche stammen, sie alle teilten das Schicksal der Verfolgung unter Saddam Hussein. Die einzige Organisation, die sich als politische Partei versteht, ist die Dawa (Ruf, Propaganda), andere Gruppen definieren sich eher religiös - was sie nicht davon abhält, sich politisch zu betätigen - wie die Amal oder die Sciri.

Letztere ist die einzige von den USA anerkannte schiitische Oppositionsgruppe, obwohl sie die einzige irakisch- schiitische Organisation ist, die ganz klar nach Teheran orientiert ist. Sie wird von Mohammed Bakir al-Hakim geführt. Sciri kommt von "Supreme Council for Islamic Revolution in Iraq" (Höchster Rat für die Islamische Revolution im Irak); weil die Amerikaner die "islamischen Revolution" aber wohl nicht sehr goutieren, steht das "r" in Sciri heute meist nicht für "Revolution", sondern für "Resistance" (Widerstand). Zuletzt hatte sich das naturgemäß immer schwierige Verhältnis zwischen Sciri und USA getrübt, als die USA es bewaffneten Sciri-Kämpfern untersagten, vom Iran aus in den Kampf gegen Saddam Hussein einzugreifen.

Welche Rolle schiitische Führer spielen, zeigt das Faktum, dass das riesige Armenviertel "Saddam-City" in Bagdad gleich nach der Befreiung in "Al-Sadr-City" umbenannt wurde, eine weitere wichtige Geistlichenfamilie. Muhammad Sadik al-Sadr wurde 1999 von Regime Saddams ermordet, dem seine religiösen Aktivitäten suspekt geworden waren - aber interessanterweise wurden damals bei einer Trauerfeier für Sadr im iranischen Qom auch Stimmen gegen Hakim laut, dieser habe nicht genug Betroffenheit gezeigt. Der Vorfall zeigt, wie sensibel das Gleichgewicht der schiitischen Familien untereinander ist, die auch immer in Konkurrenz stehen. Es ist deshalb nicht völlig ausgeschlossen, dass der Hintergrund für die Ermordung Khoeis da zu suchen ist. (DER STANDARD, Printausgabe, 12./13.4.2003)

Von Gudrun Harrer
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    Khoei: Der moderate Schiiten-Führer hatte seine Anhänger immer wieder zur Zusammenarbeit mit den Vereinigten Staaten aufgefordert.

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