Reportage aus Bagdad: Nach 30 Jahren sagen sie, was sie denken

10. April 2003, 19:12
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Nach dem Kollaps des Regimes in Bagdad erlebte die irakische Hauptstadt alles, von Freudentränen bis zu Plünderungen - Von Åsne Seierstad

Die Stimmung kocht auf dem Paradies Platz in Bagdad. Amerikanische Marinesoldaten der Kompanie Charlie haben ihre Panzer im Kreis um den Platz herum aufgestellt, der von einer Reihe weißer Säulen und einer schwarzen Statue in der Mitte dominiert wird. Die Leute versuchen die Statue zu erklimmen. Der verhasste Führer Saddam Hussein ist jedoch nicht so leicht einzunehmen. Es ist schwierig, einen mehrere Meter hohen Granitsockel hochzuklettern. "Nieder mit Saddam! Vielen Dank Bush!", wird gerufen. Das Ziel ist, die Statue niederzureißen. Es ist die letzte die in Bagdad errichtet wurde - am 28. April 2002 zu seinem 65. Geburtstag.

"Wir Iraker hätten Saddam Hussein loswerden sollen"

Die Statue hält Stand, bis die Charlie-Kompanie eingreift. Ein Stahlseil wird am Kopf des Diktators befestigt, das zu einem der amerikanischen Panzer führt. Dieser rollt langsam zurück. Ein Knacken ist zu hören. Die Amerikaner halten an, ein paar Soldaten klettern an der Statue hoch und befestigen eine amerikanische Flagge am Kopf des Diktators. Die Leute direkt bei der Statue jubeln, aber es hat den Anschein, als würden die, die dem Geschehen auf Abstand folgen, zusammenzucken.

"Dazu haben sie kein Recht", sagt ein Mann auf dem "Paradiesplatz" im Zentrum Bagdads. Er meint das Niederreißen der Statue Saddam Husseins durch US-Soldaten. "Wir sind im Irak und nicht in Amerika." "Wir Iraker hätten Saddam Hussein loswerden sollen, aber wir haben die Amerikaner das erledigen lassen", sagt ein anderer seufzend. "Wir sind feige, wir hätten es ihm ins Gesicht sagen und nicht erst nach seinem Fall seine Statuen einreißen sollen."

"Endlich können wir sagen, was wir wollen"

Zum ersten Mal ist auf den Straßen Bagdads eine Diskussion über Politik zu hören. Endlich können die Leute ihre Meinung sagen. Das Regime Saddam Husseins hatte die Bevölkerung mit Brutalität und Drohungen gelähmt. Wer sich ihm widersetzte, wurde ausgeschaltet oder musste flüchten. Die Angst war so total, dass es fast unmöglich war, auch nur eine Person zu finden, die dir zuzuflüstern wagte, was die meisten dachten: Wir wollen Freiheit.

Jetzt bejubeln viele die frisch gewonnene Freiheit. "Endlich können wir sagen, was wir wollen. Dieser Mann hat Blut an den Händen, er war ein Tyrann, er hat uns die Luft zum Atmen genommen", sagt einer. "Das ist eine Beleidigung", sagt ein anderer. "Die amerikanische Flagge darf nicht über Bagdad wehen."

"Es hat mein Leben zerstört. Jetzt ist es weg!"

Als hätten die Amerikaner den Mann am Rand des Platzes gehört, wird plötzlich eine irakische Flagge hervorgezogen und am Kopf der Statue befestigt. Die Menge jubelt. Es ist wie ein allgemeiner Seufzer der Erleichterung: Das war besser.

Der Panzer zieht an, die Statue knirscht ein paar Male, ehe sie umstürzt und waagerecht auf dem Sockel liegt. Die Menge bricht in wilden Jubel und Gesang aus. "Schiiten", sagt ein Mann mit Tränen in den Augen. "Das sind alles Schiiten. Hören Sie nur, wie sie Imam Hussein anrufen",meint er, ehe er weitergeht. Hussein ist einer der wichtigsten Heiligen für die Schiiten, die von dem Regime Saddam Husseins stark unterdrückt wurden.

Ein Mann folgt dem Geschehen auf dem Platz mit ernster Miene. Er hält einen kleinen Jungen fest, der auf einer Betonmauer steht. Der Mann hat mehrere Narben im Gesicht. Seine Gesicht ist reglos, als sei er in Trance. "Ich bin so glücklich", sagt er, als er aus seinen Gedanken gerissen wird. "Ich hätte nie geglaubt, dass das Regime so schnell zusammenbricht. Es hat mein Leben zerstört. Jetzt ist es weg."

Die Narben im Herzen

Der Mann streicht dem Vierjährigen über den Kopf. Er sieht aus wie sein Großvater, aber das Kind ist sein Sohn, denn er selbst ist erst 45 Jahre alt. "Das waren die Kriege, die mir so zugesetzt haben", sagt er, als habe er meine Gedanken gelesen. "Die haben mich vollkommen fertig gemacht. Alle diese Kriege, die unser Präsident begonnen hat. Als ich 17 war, wurde ich in den Krieg gegen den Iran geschickt. Der war die Hölle. Einige Jahre nachdem ich wieder nach Hause gekommen war, begann der Golfkrieg. Ich kam beinahe um, als eine Rakete neben mir einschlug. Damals bekam ich auch diese Narben", sagt er und deutet auf Lippe, Wange und Stirn. Er zieht das Hemd hoch und führt weitere Narben vor.

"Aber die tiefsten Narben sind hier", sagt er und deutet auf sein Herz. "Meine beiden jüngsten Brüder starben in den Kriegen. Einer wurde von den Kugeln eines amerikanischen Panzerwagens nieder gemäht, der andere fiel in einer der großen Schlachten in der Wüste. Ich kam mit dem Leben davon und ging zu Fuß von Kuwait nach Bagdad. Als ich schließlich dort ankam, besaß ich überhaupt nichts mehr, aber ich lebte noch. Aber das Leben hatten sie mir gestohlen. Ich war zwanzig Jahre lang im irakischen Heer. Alles, was ich für diese Jahre bekommen habe, sind Schmerzen", sagt er und fährt seinem Vierjährigen wieder über den Kopf.

Ein historischer Tag

Das Umreißen der Saddam-Hussein-Statue auf dem Paradies Platz war mit das Letzte, was die Bewohner von Bagdad miterlebten, bevor sich die Nacht über die Stadt senkte. In den Abendstunden waren immer wieder Schüsse zu hören, aber in den meisten Stadtteilen war es nach einem ereignisreichen Tag friedlich. "Einem historischen Tag", wie ein Mann andächtig meinte.

Gestern waren die Bewohner Bagdads nach der bisher ruhigsten Nacht dieses Krieges erwacht. Nur wenige Bombendetonationen aus der Ferne waren zu hören. Die Leute erlebten einen neuen Anblick: Die Straßen waren leer. Alle Wachen waren fort, das gesamte irakische Heer war verschwunden, sämtliche Miliz und alle Mitglieder der Baath-Partei, die sonst immer auf den Straßen patrouillierten.

Schamloses Plündern

"Das Heer ist nach Tikrit geflüchtet", hieß es gerüchteweise. "Alle sind desertiert", meinten andere. "Sind sind zusammengebombt worden, es ist kaum noch jemand übrig." Die meisten der fünf oder sechs Millionen Bewohner Bagdads verließen an diesem Tag nicht ihre Häuser, andere machten sich den Mangel an Sicherheitskräften zunutze. Bereits in den Morgenstunden begannen die Plünderungen. Aus Geschäften, Restaurants, Wohnhäusern, Kiosken und Ministerien verschwand alles, was nur den geringsten Wert hatte. Stühle, Lampen, Computer, Teller, alles wurde Beute der hungrigen Hände, die in Anwesenheit von Fotografen fast schamlos zum Victory-Zeichen gehoben wurden.

Eine Frau, die zuschaut, versucht eine Erklärung: "Wir haben dreißig Jahre lang unter der schlimmsten Diktatur, die Sie sich vorstellen können, gelebt. Die Leute haben das Gefühl, alles sei ihnen genommen worden. Jetzt wollen sie sich etwas zurückholen, auch wenn sie damit ihre Landsleute bestehlen. Sie haben das Gefühl, dass ihnen alles gehört, jetzt wo die Polizei und das Regime weg sind."

Ein Junge kommt mit dem großen Preis. Trägt fünf Kalaschnikows. Er hat das Waffenlager der Baath-Partei gefunden. Mit Müh und Not kann er die Waffen mit seinen dünnen Armen tragen. Er eilt davon. Er ist auf dem Weg nach Hause, wo er seine Beute stolz vorführen will. Die Kalaschnikows, die den Irak verteidigen und die Amerikaner töten sollten, enden wahrscheinlich auf dem Schwarzmarkt.

Wo der Irak endet, daran wagte gestern noch niemand zu denken. (DER STANDARD, Printausgabe, 11. 04. 2003)

Nach dem Kollaps des Regimes in Bagdad erlebte die irakische Hauptstadt alles, von Freudentränen bis zu Plünderungen. Die Saddam-treuen Truppen waren plötzlich wie vom Erdboden verschluckt. Zum ersten Mal seit dreißig Jahren konnten die Menschen sagen, was sie wirklich dachten.
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    "Nieder mit Saddam!Vielen Dank Bush!" (Zum Vergrößern anklicken)

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