Abschied vom Pauken

10. April 2003, 15:40
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Lernen im Jahr 2010 und danach - zwei Bildungsverbände starten zusammen mit Zukunftsforschern ein Diskurs- und Gestaltungsprojekt. Ihre Studie gibt Hinweise darauf, in welche Richtung die Entwicklung gehen könnte und muss

Die bisherigen Formen, Inhalte und Qualitätsstandards der Bildung stehen auf dem Prüfstand, vieles ist nicht mehr zeitgemäß oder hat sich als ineffektiv herausgestellt. Im Rahmen einer Studie des Deutschen Didacta Verbands e. V. und des Bundesverbands der DiplompädagogInnen - in ihnen sind Experten aus allen Bildungsbereichen vertreten - wurden die Verbandsmitglieder im Februar und März 2003 über ihre Einschätzungen, Erwartungen und Wünsche zur "Zukunft des Lernens" befragt. Zeithorizont der Befragung war das Jahr 2010 plus.

Gefragt wurde nicht nur nach der Meinung zu den allgemeinen Rahmenbedingungen des Lernens, sondern auch nach detaillierten Einschätzungen zu den Bereichen Kindergarten/Vorschule, Schule, Ausbildung und Weiterbildung. Wie könnten und sollten sich diese Bereiche entwickeln?

Zwar erheben die Befragungsergebnisse, die auf 121 ausgewerteten Fragebögen basieren, keinen Anspruch auf Vollständigkeit und Repräsentativität. Doch sie zeigen eine kritische und engagierte Sicht aus der Binnenperspektive des Bildungssektors und geben so manchen wertvollen Denkanstoß. Flexibel und individuell.

Wissensnetzwerke

Vor allem bei folgenden Punkten gab es viele Übereinstimmungen: Lernen wird zunehmend selbst organisiert, flexibel und individuell angepasst stattfinden, beispielsweise unterstützt durch Lerncoaches und im Rahmen von Wissensnetzwerken.

Das erfordert nicht nur ein höheres Maß an Eigeninitiative und finanziellem Einsatz des Einzelnen, sondern dürfte - die Kehrseite der Medaille - auch die soziale Schere zwischen "Gebildeten" und "Ungebildeten" weiter öffnen. Um dieser Entwicklung wirksam zu begegnen, bedarf es neuer Konzepte. Die staatlichen Bildungseinrichtungen sind für die kommenden Herausforderungen kaum gerüstet.

Deshalb gehört die Zukunft institutionenübergreifenden Wissensnetzen (Lernclustern), in denen private, öffentliche und halböffentliche Bildungseinrichtungen in einer vernetzten Infrastruktur miteinander kooperieren. Beispielsweise sollten sich Berufsschulen als Teil eines Netzwerkes unterschiedlicher regionaler Bildungseinrichtungen und Unternehmen begreifen und organisieren.

Riesiger Handlungsbedarf zeichnet sich beim Elementar-und Schulbereich ab: Kindergarten und Vorschule, so die Bildungsexperten, müssen deutlich aufgewertet werden - etwa durch Fremdsprachenunterricht und Naturwissenschaften in der Vorschulerziehung. Für den Bereich Schulen wird eine aktivere Förderung von Neugier und Kreativität als Quelle des Lernens angemahnt.

Beim Medieneinsatz offenbart die Studie zwei Kulturen. Doch die einst ideologisch verhärteten Positionen zwischen "Bücherliebhabern" und "Computerfreaks" sind produktiver Nachdenklichkeit gewichen. Es wird beklagt, dass vielerorts noch Bildungskonzepte fehlen, die virtuelle Lernformen gezielt und nutzbringend einsetzen und sinnvoll mit der Buchkultur und der persönlichen Lehrerpräsenz verbinden.

Lebenslanges Lernen

Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels (Alterung der Gesellschaft und damit auch der Belegschaften) und der wachsenden Flexibilitätsanforderungen in Bezug auf fachliche Qualifikationen wird und muss das lebenslange, tätigkeitsbegleitende Lernen in Zukunft eine Schlüsselrolle spielen. Dies gilt auch für die Lehrer und Weiterbilder selbst.

Die Kooperation der beiden Verbände des Bildungswesens (die dabei von den Essener Zukunftsforschern der Zpunkt GmbH Büro für Zukunftsgestaltung unterstützt werden) soll keine Eintagsfliege sein, sondern aktiv einen inhaltlichen Beitrag für die notwendige Umgestaltung des Bildungsbereichs leisten. (DER STANDARD, Printausgabe, 5./6.4.2003,zug)

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