Trockentraining im Rotlichtbezirksmuseum

10. April 2003, 17:29
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Rotsamtenes, schwülstiges Nachtlokal statt cooler White Cube: Das grafische Werk von Toulouse-Lautrec im Leopold-Museum

Rotsamtenes, schwülstiges Nachtlokal statt cooler White Cube: Das Leopold-Museum zeigt "Toulouse-Lautrec. Das gesamte grafische Werk. Sammlung Gerstenberg" publikumswirksam in einem nachempfundenen Pariser Varieté der Belle Epoque.


Wien - Kaum eine Wohngemeinschaft in unseren Breiten kam früher ohne Lautrec-Poster aus. Eine tanzende Jane Avril oder ein stolzer Aristide Bruant in seinem Cabaret gehörten wie Soletti zu Liptauer, und sollten, vielleicht noch mit einem Che-Poster, einen Hauch von Bohème ins Heim bringen. Jahre später hängen schon wieder vor allem Che-Plakate in jungen Haushalten, und Toulouse-Lautrecs Gebrauchskunst in Form von Fin-de-Siècle-Posters scheinen nichts an Popularität verloren zu haben.

Grund für das Leopold-Museum, in Zeiten von kommerziell erfolgreichen Musicalverfilmungen von Cabaret und Moulin Rouge eine Lautrec-Ausstellung anzugehen, obwohl diese in leichter Variation bereits Mitte der 80er-Jahre durch Deutschland getingelt war, auch damals von Götz Adriani kuratiert. Sie hatte 1990 der Neuen Galerie Linz 75.000 Besucher beschert.

Es handelt sich um keine Gemälde, sondern um 351 zwischen 1891 und seinem Todesjahr 1901 entstandene Grafiken, und da vor allem Lithografien von Henri de Toulouse-Lautrec, aus der Sammlung des Berliner Mathematikers und Unternehmers Otto Gerstenberg (1848-1935).

Steindruck (Lithos) deshalb, weil damit der mit 21 Jahren von Südfrankreich nach Paris, genau gesagt ins Vergnügungs- und Künstlerviertel Montmartre, übersiedelte, von Picasso, Van Gogh und auch Oscar Wilde geschätzte Künstler die ideale Umsetzung für seine Gebrauchskunst sah: Auftragswerke für Theater, Cabaret, Zirkus, die massenhaft an Pariser Hauswänden warben.

Eine damals neue Ästhetik, schwungvoll direkt auf den Stein gezeichnet, charakterisierte sie. Angelehnt an den japanischen Holzschnitt Ukio-e, damals megacool, zeichnete Lautrec die Figuren mit dunkler Umrandung, jede Einzelfläche wurde nicht farblich schattiert, sondern in einer Farbe belassen (Cloisonné). Plakativ, in jedem Sinn.

Wie revolutionär die damalige Technik Zeitgenossen erschien, belegt ein Zitat aus dem anarchistisch angehauchtem Blatt Père Peinard 1893: "Tausend Teufel, ist der unverschämt, dieser Lautrec ... Einen wie ihn gibt es nicht noch einmal, der so treffend wie er die Fratzen der vertrottelten Kapitalisten wiedergibt, die an Tischen sitzen, in Gesellschaft von Hürchen, die ihnen die Fresse lecken, um sie scharf zu machen."

Das Leopold-Museum mutierte im Keller zum Rotlichtbezirk, leider ohne Cocktails. Infotainment trifft auf Nostalgie. Alles andere als ein White Cube steht hier, sondern 351 Lithos und Plakate - und die Dokumentation von Lautrecs tragischer Lebensgeschichte - hängen bei gedämpftem Licht in den Logen und Separees eines zweistöckigen, mit rotem Samt ausgekleideten, schwülstigen Varieté-Zitats. Auf grün-goldenem Wandbehang stellen sich Tänzerinnen, Prostituierte und Halbweltsdamen dar, oft durch helles Unterlicht überbetont, überzeichnet.

Es war die Welt des durch eine Knochenkrankheit nur 1,50 Meter großen, missgestalteten Künstlers, der in den Ausgestoßenen, Außenseitern lange vor Sartres "Ehrbarer Dirne" ebenbürtige Menschen sah, bei ihnen auch monatelang wohnte. Was vom Rest der adeligen Gesellschaft, aus der er stammte, völlig abgelehnt wurde. Lautrec zeichnet die Frauen etwa bei der Toilette, bei resigniert-nüchternen Szenen "danach" und zeigt Sexarbeit aus der Sicht der Frauen.

Der Künstler, der schlussendlich, auch nach dem Bruch mit seiner langjährigen Freundin Suzanne Valodon, an seiner Alkoholsucht mit 36 Jahren stirbt, zeichnet die Freier und Cabaretgäste in der Manier eines Daumier oder Goya, Soft Version. Vergleichbar in den besten Stücken auch mit George Grosz, der die Spießer der Weimarer Republik bloßstellte.

Diese lapidaren Charakterskizzen, die auch ironische Lautrec-Selbstporträts beinhalten, gehören zum Stärksten in diesem künstlich gekünstelten Rotlichtbezirk. (DER STANDARD, Printausgabe, 11.4.2003)

Von Doris Krumpl

Link

leopoldmuseum.org

Bis 31.8.

Täglich außer Dienstag 10-19 Uhr, Freitag 10-21 Uhr

  • Bild nicht mehr verfügbar

    'Moulin Rouge, La Goulue'(1891, Ausschnitt)

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