Insolvenz als "Chance"

14. April 2003, 19:16
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Unternehmen hofft nach Pleite auf Neustart - 3.600 Mitarbeiter bangen um ihre Jobs - Experten: Baldiges Aus für Wiener Werk

Nürnberg/Wien - Jeder Schlussstrich ist auch die Chance auf einen Neubeginn. Nach diesem Motto bemühen sich derzeit Grundig- Mehrheitseigentümer Anton Kathrein oder Politiker, wie Bayerns Wirtschaftsminister Otto Wiesheu, der Insolvenz des Traditionsunternehmens Grundig auch positive Seiten abzugewinnen.

Insolvenz als "Chance"

Zwar werde es keine weiteren Landesbürgschaften für Grundig geben, aber die Insolvenz bedeute nicht unbedingt eine Zerschlagung des Konzerns, so Wiesheu. Auch Kathrein sagte zur Financial Times Deutschland, er rechne nicht mit einer "Zerschlagung". Die Insolvenz sei vielmehr "eine Chance für Grundig". Genährt wird diese Sicht durch Spekulationen, der türkische Elektronikkonzern Beko könnte wieder an einer Übernahme interessiert sein, weil er nach der Insolvenz die Pensionslasten Grundigs in Höhe von 200 Mio. Euro nicht mit übernehmen müsste. Erst am vergangenen Montag war mit Beko nach dem taiwanesischen Sampo-Konzern der zweite potenzielle Käufer innerhalb eines Monats abgesprungen.

Doch selbst, wenn sich das neuerliche Beko- Interesse bestätigen sollte, hilft das dem Wiener TV-Geräte-Werk samt den 850 Beschäftigten wahrscheinlich nichts. Bisher haben alle Grundig-Interessenten Marke und Vertriebsnetz übernehmen wollen, jedoch die Schließung oder einen Separatverkauf des Wiener Standortes zur Einstiegsbedingung gemacht.

"Aus Pietätsgründen"

So heißt es in Wiener Bankenkreisen, dass eine Insolvenz von Grundig Austria "aus Pietätsgründen" nach Ostern erwartet werde. "Wer oder was soll das noch verhindern?", sagte ein Finanzfachmann. Dem Übernahmeinteresse des nur zur Hälfte ausgelasteten Wiener Werkes durch den österreichischen Industriellen Mirko Kovats wird im Kreditsektor "kein Realitätsgehalt" beigemessen. Weder Geschäftsführung noch Betriebsrat waren zu Stellungnahmen bereit. Gläubigerschützer erwarten, dass Wien "für die nächsten Wochen" fortgeführt wird. "Ob das mit oder ohne Insolvenz geht, wird gerade geprüft", sagte ein Rechtsexperte.

Ende der 80er Jahre beschäftigte Grundig noch 38.000 Mitarbeiter. Viele Fast-Pleiten und Sanierungskonzepte später beschäftigt das Unternehmen heute 3600 Mitarbeiter. Für 2002 wird bei einem Umsatz von 1,2 Milliarden Euro ein Verlust von rund 75 Millionen Euro erwartet. Ausschlaggebend für den Gang zum Insolvenzzrichter war letztlich - wie meist in solchen Fällen - die Weigerung der deutschen Gläubigerbanken dem vielen schlechten Geld nochmals gutes hinterher zu werfen. Bestehende Kreditlinien, angeblich in Höhe von 200 Millionen Euro, wurden nicht mehr verlängert.

Investor dringend gesucht

Der neue Grundig-Vorstandssprecher, Insolvenzrechtler Eberhard Braun, sagte am Montag in Nürnberg, das Unternehmen sei ohne einen neuen Investor nicht zu retten. Die Investorensuche habe sich jedoch mit dem Insolvenzantrag erheblich verbessert. Eine Reihe von Belastungen sei dadurch weg gefallen. Die finanziellen Mittel für eine vorläufige Fortführung des Betriebs seien gesichert. In Gesprächen mit den Gläubigerbanken sei die Finanzierung für die nächsten Monate sichergestellt worden. Allerdings stehe noch die Zustimmung des vorläufigen Insolvenzverwalters Siegfried Beck aus, sagte Grundig-Chef Braun. (Michael Bachner, DER STANDARD Print-Ausgabe, 15.4.2003)

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    montage: derstandard.at
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