Porträt: Neuer Chef, neue Hoffnung

10. April 2003, 15:08
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Neo-Grundig-Konzernchef Eberhard Braun gilt in der Branche als Vollprofi

Nürnberg/Wien - An Vorschusslorbeeren fehlt es dem neuen Grundig-Konzernchef Eberhard Braun nicht. "Ein absoluter Profi, sicher einer der Besten, den man finden konnte", sagt etwa der Nürnberger Wirtschaftsprüfer Bernd Rödl: "Braun gilt nicht als Zerschlager, sondern als Retter." Ob der 55-jährige Jurist allerdings auch das Wiener Werk retten wird, ist fraglich.

In Branchenkreisen wird damit gerechnet, dass Grundig nach der geplatzten Übernahme durch den türkischen Beko-Konzern an diesem Freitag, spätestens aber zu Beginn der nächsten Woche, den Insolvenzantrag stellt. Spekuliert wird dass Braun das Unternehmen nach der Insolvenz in Teilen verkaufen könnte. Die Produktion in Wien, die Braun am Donnerstag vor Ort unter die Lupe nimmt, droht dabei auf der Strecke zu bleiben.

Umfassendes Bild von der Lage

Am Dienstag wurde Braun überraschend zum Nachfolger von Hans-Peter Kohlhammer berufen, wenig später zog er schon in die Grundig-Vorstandsetage in Nürnberg-Langwasser ein. Braun wolle sich zunächst ein umfassendes Bild von der Lage machen und sie gemeinsam mit dem Vorstand analysieren, sagte ein Firmensprecher am Donnerstag. Grundig strebt aller Wahrscheinlichkeit nach ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung an, das dem Vorstand größeren operativen Spielraum lässt.

Mit Brauns Amtsantritt verknüpft man in Deutschland neue Hoffnungen. Als "Aufräumer mit besten Kontakten" beschreibt das "Handelsblatt" den gebürtigen Schwaben, dessen Kanzlei Schultze & Braun im badischen Achern beheimatet ist und mittlerweile rund 300 Beschäftigte an mehr als 20 Standorten hat. Bekannt wurde Braun besonders durch den Aufsehen erregenden Betrugsfall FlowTex. Anfang Februar verklagte er als Insolvenzverwalter das Land Baden- Württemberg auf Schadenersatz. Brauns Vorwurf: Die Finanzverwaltung habe lange vor dem Crash von den Luftgeschäften mit Horizontalbohrsystemen gewusst, die Staatsanwaltschaften aber nicht informiert.

Insolvenzverwalter bei Fairchild Dornier

Seit einem Jahr ist Braun auch Insolvenzverwalter des oberbayerischen Regionalflugzeugbauers Fairchild Dornier. Einen Käufer für das gesamte Unternehmen fand er allerdings nicht, so dass Fairchild zerschlagen wurde. Dies könnte auch Grundig drohen. Beobachter rechnen damit, dass Interessenten wie Beko oder der taiwanesische Sampo-Konzern nach den gescheiterten Übernahmegesprächen jetzt wieder in Nürnberg vor der Türe stehen werden, um sich Unternehmensteile billiger zu sichern. Nur geringe Überlebenschancen werden dabei dem Fernsehgerätewerk von Grundig in Wien eingeräumt, denn sowohl Sampo als auch Beko haben eigene Fertigungen. (APA/dpa)

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    Neo-Konzernchef Eberhard Braun

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