Analphabetismus in der technisierten Welt

10. April 2003, 14:43
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300.000 erwachsene Österreicher können weder Lesen noch Schreiben - durch zunehmende Automatisierung werden Behördenwege nahezu unmöglich

Wien - In Österreich gibt es nach groben Schätzungen rund 300.000 Erwachsene, die nicht oder nicht ausreichend Lesen und Schreiben können.

Nach Aussagen von Experten des neu gegründeten Netzwerks Alphabetisierung.at wird das Problem in unserer zunehmend technisierten Welt immer drängender. "Ohne Lesen zu können kann man sich mittlerweile an vielen Bahnhöfen nicht einmal mehr eine Fahrkarte lösen", sagte dazu Otto Rath vom Sozialprojekt "Isop" bei einer Pressekonferenz am Donnerstag in Wien.

Tabuthema

Isop hat sich mit dem Verein ABC Salzburg und den Volkshochschulen Floridsdorf und Salzburg zusammengeschlossen, um dem Problem mit vereinten Kräften zu Leibe rücken zu können. "Bisher gab es lediglich Einzelinitiativen, die den Betroffenen Hilfestellung und Schulungen angeboten haben", so Rath. Ein wichtiges Anliegen der bundesweiten Initiative sei es, das Problem stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu bringen und es zu enttabuisieren.

Unmögliche Behördenwege

Analphabetismus wird heute noch vielfach totgeschwiegen, weil die Betroffenen sich schämen und ihr Manko teilweise geschickt verbergen. Die "vergessene Brille" wird dabei ebenso vorgeschützt wie eine verstauchte rechte (oder linke) Hand. Tatsächlich seien Analphabeten nicht zuletzt durch die zunehmende Automatisierung auch der Verwaltung kaum mehr im Stande, eigenständig Behördenwege zu erledigen. Selbst bei der Jobsuche am Arbeitsmarktservice (AMS) werde ein Analphabet große Probleme habe, der Weg in die Langzeitarbeitslosigkeit sei für diese Menschen vorgezeichnet, sagte Rath.

Initiativen

Von den geschätzten 300.000 Analphabeten betreuen die vier Einrichtungen von Alphabetisierung.at derzeit gerade einmal 200 Personen. Ziel des Netzwerks ist es daher, auch ein Flächen deckendes Angebot für entsprechende Kurse anbieten zu können. Dabei will Alphabetisierung.at selbst nicht lehrend tätig werden, sondern vielmehr weitere Initiativen unterstützen oder gemeinsame Projekte lukrieren.

Die Bildungsexperten unterscheiden primären, sekundären und funktionalen Analphabetismus. Im ersten Fall wurde das Lesen und Schreiben nie erlernt, im zweiten Fall durch Nichtgebrauch wieder vergessen. Beim funktionalen Analphabetismus können Menschen zwar teilweise lesen oder schreiben, nicht aber beispielsweise nicht im Stande, einen gelesenen Text zu verstehen oder gar wiederzugeben.

Keine gesicherten Zahlen

Gesicherte Zahlen über Analphabetismus in Österreich liegen nicht vor. Die Schätzung von 300.000 wurde von der UNESCO erhoben und geht auf das Jahr 1989 zurück. Neuere Schätzungen des Europäischen Parlaments gehen davon aus, dass etwa zehn bis 20 Prozent der Bevölkerung von dem Problem betroffen sind. (APA)

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