Hintergründe eines Justizskandals

11. März 2010 20:01

"Freispruch" in der Freien Bühne Wieden

Geändert hat sich nicht viel in der Freien Bühne Wieden: Gerald Szyszkowitz ist nach wie vor präsent, auch wenn er die Leitung an seine engste Mitarbeiterin Michaela Ehrenstein abgegeben hat. Beibehalten wird auch das Konzept der Uraufführungen (nur dass nicht mehr die meisten von Szyskowitz stammen): Zum Auftakt inszenierte die Prinzipalin das neue Stück von Matthias Mander.

Wie schon bei "Der Fall der Reichsbrücke" (2008) greift der Autor ein skandalöses historisches Ereignis auf: In "Freispruch" geht es um die ausgeklügelten Machenschaften eines "Konzeptverbrechers", der 1078 Anleger um ihr Geld gebracht hat. Denn er trieb das Unternehmen Nauticord, das nur dem Schein nach mit Seilrollen handelte, in den Konkurs - und lebt nun feudal im mondänen Badeort Biarritz.

Dieser Betrugsfall ist komplex. Dennoch gelingt es Mander, diese ungeheuerliche Geschichte plausibel aufzurollen. Denn er bedient sich eines Tricks: Alle Figuren - der Obmann des Opferverbandes und seine Frau, der gütige Oberstaatsanwalt, der miese Winkeladvokat, die karrieristische Staatsanwältin und der nasalierende Großbetrüger - treffen sich bewusst oder en passant im "Institut für Rechtsideen und Lebenswirklichkeit".

In der Realität versagte die Justiz. Doch das wollte Mander nicht hinnehmen: Er konstruierte ein Happyend, das aufgrund seiner Aufgesetztheit eine saftige Watsche für die Gerichtsbarkeit ist. Michaela Ehrenstein inszenierte den Wirtschaftskrimi im wenig spektakulären Bühnenbild solide, Alexander Buczolich gibt sich als Opfer kämpferisch, Johannes Kaiser erfreut als personifizierte Gerechtigkeit. (trenk / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.3.2010)

 

Freie Bühne Wieden, 1040 Wien, Wiedner Hptstr. 60b, bis 27. 3. 19.30

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