"Bologna": ein Sieg des Raunzertums

11. März 2010, 19:30
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Statt über die Chancen nachzudenken, stilisieren sich die Verweigerer mit ideologischen Stehsätzen zu Opfern des "neoliberalen Marktes"

Was den einen "Brüssel" ist den anderen "Bologna" und beide fürchten sich vor dem "neoliberalen Markt" . Beide haben es sich in ihren magischen Weltbildern bequem gemacht und sowohl der Herr Karl wie Herr Dr. Karl raunzen lieber als dass sie nachdenken, was zu ändern wäre.

Der Bologna-Prozess hätte es den österreichischen Universitäten ermöglicht, das Studienangebot grundlegend zu renovieren, doch diese Chance wurde aus Trägheit vertan. Bologna steht für drei Vorhaben: (1) Dreigliedrigkeit des Studiums: Bachelor-Master-Doktorat, (2) Umstellung der Lernrecheneinheit von Vorlesungsstunden auf studentische Arbeitsleistung (European Credit Transfer System ECTS) und (3) Erhöhung der Mobilität von Studierenden und Lehrenden im (leider immer noch nicht wirklich existierenden) Europäischen Hochschulraum.

1. Vor dem Allgemeinen Hochschulstudiengesetz AHStG von 1966 gab es an den Universitäten nur Doktoratsstudien. Seit dem AHStG gab es Diplom und Doktorat und das Diplomstudium. Der Magister wurde lange Zeit ähnlich scheel betrachtet wie nun der Bachelor. Anlässlich von Bologna hätte man die überkommenden Studienrichtungen über Bord werfen können. Stattdessen führte man fort, was sich angeblich bewährt hatte: Schmalspurstudien, die 18-Jährige nötigen, sich für ein und nur ein Fach zu entscheiden, obwohl sie von den hunderten Fächern nur jene kennen (können), die es in der Schule gab oder die ihre Väter und Mütter studiert haben. Steigende Zahlen von Studierenden und vor allem jene, die mit der Welt der Universitäten nicht oder wenig vertraut sind, würde man besser bedienen, böte man ihnen am Beginn breite Lehrangebote und nötigte sie erst im Laufe des Studiums, sich zu spezialisieren und eigene Neigungen und Fähigkeiten zu entdecken. Das "undergraduate" Studium englischer und amerikanischer Provenienz hätte dafür ein sinnvolles Vorbild sein können.

Warum kam es dazu nicht? Weil die Professoren ihre Pfründe verteidigten und weitermachen wollten, was sie schon immer taten. Weil das Wissenschaftsministerium die Unis zwar in die Autonomie entließen, von ihnen aber keine Änderungen der Studienarchitektur verlangte. Dazu kommt dann noch, dass die heilige Kuh des freien Hochschulzugangs zu Überfüllungen in bestimmten Studienrichtungen führt, während andere unter Studentenmangel leiden, das aber nie sagen würden, weil es für Professoren bekanntermaßen attraktiver ist, nur wenige und am besten gar keine Studis zu haben. Der gesetzlich festgeschriebene freie Übertritt vom Bachelor- in das Masterstudium und das Unterlassen, den Bachelor als vollwertigen Studienabschluss anzuerkennen (beispielsweise in der öffentlichen Verwaltung) und ihn zu bewerben, verhindert Studienwechsel. Der in Wien geborene Nobelpreisträger Eric Kandel wechselte von einem undergraduate mit Schwerpunkt Germanistik in ein graduate Studium in Medizin - in den USA; hierzulande hätte der Germanist bleiben müssen!

2. Die sinnvolle Idee, Studienleistung in Arbeitsstunden von Studierenden zu kalkulieren, kollidierte an Österreichs Universitäten mit der althergebrachten Recheneinheit der Lehrverpflichtung von Professoren, die danach bemessen wird, wie viele Stunden man im Hörsaal stehen muss. Man kann es den Professoren nicht verargen, dass sie ihre Arbeitsleistung für die Lehre so gering wie möglich halten wollen, da sie ja auch noch forschen wollen und sich dafür Zeitressourcen schaffen müssen. Hier hätte von außen (oder oben) korrigierend eingegriffen werden müssen. Das unterblieb und skurriler Weise können damit Studierende und Lehrende ganz gut leben, treffen sich beider Interessen doch darin, einander möglichst wenig abzuverlangen.

3. Von den Bologna-Vorgaben funktioniert der Studentenaustausch noch am ehesten, zumindest gehen heute mehr heimische Studierende zumindest für ein Semester ins Ausland. Bei der Mobilität der Lehrenden sieht es hingegen schon viel weniger erfreulich aus. Professoren aus dem Ausland kommen immer noch fast ausschließlich aus Deutschland (und es ist keine allzu gewagte Prognose, dass wir hierzulande demnächst erleben werden, was kürzlich in der Schweiz Schlagzeilen machte, als die dortige rechtspopulistische Partei gegen die Überfremdung bei der Professorenschaft mobil machte). Für ausländische Studierende sind unsere Universitäten kaum attraktiv, eher schon die Städte, in denen die Unis stehen.

In anderen Politikfeldern hat sich in der EU die "offene Koordination" als durchaus sinnvolles und praktikabel Modell des gegenseitigen Lernens etabliert. In den Universitäten sind wir leider noch meilenweit davon entfernt, von "best practices" anderswo zu lernen. Das Bologna-Jubiläum, das dieser Tage gefeiert wird, könnte zum Anlass genommen werden, damit wenigstens zu beginnen. Der Europäische Hochschulraum ist ein Markt. Wie in jedem Markt gibt es Bessere und Schlechtere, Erfolgreiche und Nieten, Führer, Nachahmer und andere. Die österreichischen Universitäten und die hiesige Wissenschaftspolitik haben die sich bietenden Chancen des Lernens von anderen noch nicht wirklich erkannt. Stattdessen ertönt eine vielstimmige Kakophonie, deren Refrain "Bologna ist schuld" lautet. (Christian Fleck, DER STANDARD, 13.3.2010)

Zur Person:

Christian Fleck lehrt Soziologie an der Universität Graz

  • Gegenstimme zum aktuellen Protestkonzert: Christian Fleck
    foto: furgler-fotografie

    Gegenstimme zum aktuellen Protestkonzert: Christian Fleck

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