Stolpern zwischen Ironie und Tragik

11. März 2010, 19:10
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Der als provokant geltende kanadische Choreograf Dave St-Pierre gastiert im Tanzquartier Wien

Wien - Wie fühlt sich zeitgenössischer Tanz aus den Eighties in einer Nachempfindung von heute an? Der 1974 geborene Kanadier Dave St-Pierre zeigt das in "La Pornographie des âmes", uraufgeführt vor sechs Jahren und 2005 bei der Salzburger Sommerszene erstmals in Österreich präsentiert. Nun hat das Tanzquartier das Stück nach Wien geholt und zeigt gleich noch eine Arbeit des als provokant gehandelten Choreografen: "Un peu de Tendresse Bordel de Merde!" am Freitag und am Samstag, jeweils 20.30 Uhr.

St-Pierres Seelenpornografie erinnert an Jan Fabre, Lloyd Newson (DV8 Physical Theatre) und an die Retro-Späßchen des Ex-Forsythe-Tänzers Antony Rizzi. In jedem Fall aber an Tanzperformance, wie sie sich vor Meg Stuart darstellte, als choreografische Psycho-Kisten noch keine plausible Tanzsprache zur Verfügung hatten und Seelendramen vorzugsweise über spektakuläre Gags vermittelt wurden.

Wie in den 80er-Jahren

Daher spricht Dave St-Pierre wohl vor allem jene Zuschauer an, die von den Tanzinszenierungen der 80er-Jahre geprägt sind. So ist möglicherweise die lüsterne Entrüstung zu verstehen, die etwa "Un peu de Tendresse ...!" vor vier Jahren noch in München verursacht hat. Im Vergleich zu den hochdifferenzierten Körperdiskursen der heutigen Choreografie wirkt St-Pierre jedenfalls gruselig naiv.

Das Scheitern von Liebe, das verkrachte Verhältnis unserer Kultur zur Sexualität, das So-tun-als-ob in der Schauspielerei und die Übersetzung von Medien- in Performancebildern sind Anliegen, die den Choreografen umtreiben. Die Tänzerinnen und Tänzer ziehen sich in "La Pornographie des âmes" des Öfteren aus und wieder an und turnen mühsam von Gag zu Gag.

Das Wiener Publikum reagierte treffsicher und gab bald nach jeder Nummer Szenenapplaus. Etwa nach einem Gesäßmuskeltanz oder dem simulierten Orgasmus einer sehr fülligen Darstellerin. St-Pierre stolpert in den Übergängen hilflos zwischen Ironie und Tragik. Ganz besonders traurig kommt so sein Versuch daher, das Thema Vergewaltigung möglichst eindrucksvoll zu inszenieren. Das Opfer wird als Engerl apostrophiert und der Vergewaltiger als "Bad Guy" . Danach dringen das Schreien der vergewaltigten Frau und des Peinigers aus dem Hintergrund über die leere Bühne ins Auditorium. Gefolgt von einem überspitzten Verwandlungssolo des Täters im Proszenium.

Der Schmerz der Frau wird bloß ästhetisiert, und der Vergewaltiger steht virtuos als tragischer Held da. Eventuell gemeinte Kritik an der Sensationsgier bestimmter Medien geht dabei unter. Das Schlimmste, was bei solchen Statements passieren kann, ist, dass sich Kritik ungewollt in Affirmation verwandelt, weil sie über billige Klischees transportiert wird.

So passiert es auch am Schluss des Seelenpornos, wenn angeblich von einem Schauspieler hinterlassene "Aphorismen" verlesen werden, in denen das Publikum als Monster beschrieben wird und der Darsteller als Opfer. In "Un peu des Tendresse ...!" werden St-Pierres Tänzer dann auch extrem zudringlich gegenüber den Zuschauern. Wer daran Gefallen findet, ist hier gut aufgehoben. (Helmut Ploebst / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.3.2010)

 

  • Naive Psychokiste: "La Pornographie des âmes"
    foto: ammerpohl

    Naive Psychokiste: "La Pornographie des âmes"

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