"Budgetkürzungen für Unis nicht vertretbar"

11. März 2010, 19:04
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Dwora Stein, Uni-Rätin an der Uni Wien, findet keinen Grund für "Bologna"-Feiern

Standard: Anders als die Minister der 46 Bologna-Mitgliedstaaten sehen Sie keinen Grund zum Feiern angesichts der Zustände an den Unis. Was fordern Sie stattdessen?

Stein: Einen echten Dialog mit den Studierenden. Zu sagen, ich setze mich mit ihnen auseinander, und dann zu sagen, es muss Zugangsbeschränkungen und Studiengebühren geben, ist kein Dialog, sondern ein Deponieren einer fixen Meinung. Das empfinde ich in der Situation als Provokation. Ich halte eine Politik, die junge Menschen vom Studieren abhält, von vornherein für grundsätzlich falsch. Ich sehe natürlich, dass die Situation auch für die Unis schwierig ist, aber da muss man sich andere Lösungen überlegen.

Standard: Zum Beispiel?

Stein: Was es braucht, um mit der Misere an den Unis halbwegs zurande kommen zu können, ist eine Studieneingangsphase, die diese Bezeichnung auch verdient. Die müsste man vorverlegen in die AHS und BHS. Da muss die Breite des Angebots im tertiären Bereich vorgestellt werden, denn die Konzentration auf bestimmte Studien, die ja wirklich ein Problem ist, hängt mit Informationsmangel zusammen. Man müsste diese Zeit auch nutzen, um Eignungen und Neigungen sowie Berufs- und Karrierechancen abzuklären. Dann könnte man einen Lenkungseffekt im Sinne der jungen Leute erzielen, die ihre Zeit ja auch nicht gern in Studien, für die sie eigentlich ungeeignet sind, vergeuden wollen, aber auch im Sinne der Unis.

Standard: Gewisse Probleme - Stichwort Uni-Zugang - haben ja nichts mit Bologna zu tun. Da gibt es zwei Wege: mehr Geld, um genug Plätze für alle zu schaffen, oder Zugangsregeln. Wofür sind Sie?

Stein: Ich glaube, dass man in jedem Fall mehr Geld braucht. Die Regierung hat festgeschrieben, dass in Österreich die Mittel für die Universitäten von 1,4 auf zwei Prozent steigen sollen, aber erst im Jahr 2020 - das halte ich ehrlich für einen Scherz.

Standard: Finanzminister Josef Pröll meint, dass die Unis auch mit weniger Geld auskommen können, und hat das Wissenschaftsbudget wie alle anderen Ressorts gekürzt.

Stein: Die geplanten Budgetkürzungen im Uni-Bereich sind nicht vertretbar. Der Finanzminister hätte den Mut haben müssen zu sagen, welche Bereiche von Kürzungen auf keinen Fall betroffen sein dürfen oder wo man sogar investieren muss. Da gehören die Unis unbedingt dazu, aber auch Schulen und der Sozialbereich. Was in der Debatte viel zu kurz kommt, ist, dass man sich ansieht, wie kann man in einer Zeit, in der man investieren muss, zusätzliche Einnahmequellen erschließen. Stichwort Vermögenssteuern. Die Wirtschaft beklagt ja auch den Zustand an den Hochschulen, aber da ist dann Funkstille.

Standard: Sie sind Uni-Rätin an der Uni Wien, wo sehen Sie Probleme bei der Bologna-Umsetzung?

Stein: Ich sehe das Hauptproblem darin, dass die aus dem angloamerikanischen Bereich kommende Bologna-Architektur den europäischen Universitäten aufgepfropft wurde, ohne zu schauen, ob das passt. Daher knirscht es auch. In den angloamerikanischen Ländern sind Studien und Berufsphasen ganz anders verknüpft und ergänzen einander anders, als das in Österreich der Fall ist. Natürlich gibt es auch Umsetzungsprobleme durch die Universitäten wie das Hineinstopfen von Studieninhalten in den Bachelor, aber da kann man den Unis nicht alleine die Schuld geben. Sie haben keine finanziellen Mittel bekommen, um die Bologna-Architektur gut umsetzen zu können.

Standard: Kritik gibt es an der angepeilten "Employability" , der Arbeitsmarktfähigkeit des Bachelors. Was sagt eine Gewerkschafterin dazu, dass Arbeitsmarktorientierung fast negativ bewertet wird?

Stein: Ein Studium sollte immer breit angelegt sein und einen Menschen dazu befähigen, sich insgesamt in der Welt zurechtzufinden. Grundsätzlich geht es natürlich darum, Menschen zu befähigen, ihren Beruf auszuüben, aber das kann sich nicht auf das unmittelbar Verwertbare beziehen, denn das hat eine immer kürzere Halbwertszeit. Eines der größten Probleme im Zusammenhang mit der Bologna-Struktur ist ja, dass wir überhaupt nicht wissen, welche Berufsaussichten die Bachelors haben. Ich glaube, die Bachelors haben schlechte Berufsaussichten. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.3.2010)

ZUR PERSON:

Dwora Stein (55) ist promovierte Psychologin und Pädagogin, sozialdemokratische Gewerkschafterin und seit April 2005 Bundesgeschäftsführerin der Gewerkschaft der Privatangestellten (GPA).

  • Stein fordert die Studieneingangsphase in die AHS und BHS zu verlegen.
    foto: standard/hendrich

    Stein fordert die Studieneingangsphase in die AHS und BHS zu verlegen.

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