Für Lauda ist die Rückkehr von Michael Schumacher sensationell und logisch zugleich. Weil Spitzensportler anders ticken. Die Formel 1 werde diesmal "eine Hetz"
Standard: Sind Sie diesmal besonders aufgeregt, in der Formel 1 hat sich ja einiges getan?
Lauda: Ja, natürlich. Das Comeback von Michael Schumacher ist eine absolute Sensation. Das wird ein Superstart, Schumacher wird um 30 Prozent mehr Menschen zu den ersten drei Grand Prix locken, weltweit. Schaut man sich Details an, ist diese Saison durch tolle Fahrerwechsel bestimmt. Alonso zu Ferrari, die Kombination Hamilton und Button bei McLaren, Rosberg gegen Schumacher bei Mercedes. Gleich geblieben sind eigentlich nur Vettel und Webber bei Red Bull. All das sind Neuigkeiten, die es nicht jedes Jahr gibt.
Standard: Bleiben wir bei Schumacher. Ist die Rückkehr nur positiv zu bewerten? Man könnte ja auch sagen, da wird einer, auch wenn es sich um den siebenfachen Weltmeister handelt, reanimiert, damit das Werkl endlich wieder rennt?
Lauda: Das ist nicht so. Gehen wir ins Prinzipielle: Spitzensportler, die zum Erfolg gekommen sind, unterscheiden sich grundsätzlich von normalen Menschen. Jeder normale Mensch versteht all das nicht, worüber wir gerade reden. Warum macht das der Schumacher? Er hat doch eh genug Geld. Warum sitzt er nicht auf einer Insel und schaut in die Luft? Normale Menschen können sich nicht ins Gedankengut eines Spitzensportlers versetzen. Für die gelten andere Regeln.
Standard: Welche?
Lauda: Extreme Risikobereitschaft, Aufopferung bis zum Geht-nicht-mehr. Spitzensportler sind eine eigene Menschenrasse. Sie denken anders, müssen alles ausreizen, das fordern ihre Gene ein.
Standard: Werden Spitzensportler nie satt? Ob man sieben oder acht WM-Titel einfährt, könnte eigentlich ziemlich wurscht sein.
Lauda: Nein, sie müssen alle Facetten ausprobieren. So wie es bei mir war. Irgendwann habe ich gemerkt, dass die kompetitiven Gene nun zu 100 Prozent befriedigt sind. Also bin ich aus dem Auto gestiegen, ich musste niemanden mehr ausbremsen oder überholen. Schumacher hat aufgehört, weil er genug von den Nebenkriegsschauplätzen der Formel 1 hatte. Es war ihm einfach zu fad, dauernd Interviews zu geben. Seine Gene konnte er aber nicht killen. Er ist ja weiterhin Motorrad- und Gokart-Rennen gefahren. Für mich war es nur eine Frage der Zeit, wann der richtige Moment für seine Rückkehr kommt. Mercedes und Ross Brawn haben ihn angesprochen, das hat genau gepasst, diese Konstellation ist die richtige.
Standard: Bernie Ecclestone schließt auf seiner Landkarte Lücken und expandiert. Jetzt fahren ein Russe und ein Inder mit, in Südkorea steigt erstmals ein Grand Prix. Fehlen nur noch ein Chinese oder eine Frau im Cockpit, ideal wäre eine Chinesin, die gewinnt.
Lauda: Der Russe Petrow ist ein Zufall gewesen. Er war aber in der Einstiegsklasse relativ schnell unterwegs. Eine Frau in der Formel 1 wäre das Sensationellste, keine Diskussion. Südkorea ist passiert, weil Ecclestone ständig neue Märkte sucht.
Standard: Bei Ecclestone gibt es tatsächlich Zufälle?
Lauda: Absolut. Nicht einmal er kann gleichzeitig einen Russen aufstellen und den Schumacher zum Comeback bewegen.
Standard: Ist der indische Pilot Chandhok so begabt, oder hat er nur ausreichend Geld aufgestellt?
Lauda: Dass jeder unerfahrene Formel-1-Fahrer Sponsoren mitbringen muss, ist bekannt.
Standard: Die Automobilbranche steckt in der Krise. Auch die Formel 1 ist betroffen. BMW, Honda und Toyota sind ausgestiegen. Wie schafft es der Zirkus trotzdem, dass er halbwegs funktioniert?
Lauda: Das muss man auseinanderdividieren. Toyota und Honda haben durch die Weltwirtschaftskrise Probleme gekriegt. Da müssen sich Aufsichtsräte logischerweise fragen, wie man das Geld investiert. Ins Marketing oder in die Produkte selber. BMW hat angefangen, die Japaner folgten. Das ändert nichts an der Formel 1. Weil Mercedes zum Beispiel das Gegenteil gemacht hat. Die haben gescheiter auf die Krise reagiert, haben das Weltmeisterteam gekauft, sich somit das beste Auto und den Schumacher organisiert. Bedenkt man, welche Marketingkosten man auftreiben müsste, um das zu bezahlen, was das Comeback von Schumacher schon gebracht hat, ist das hundertfach zurückgeflossen. Ob er gewinnt oder verliert, ist vollkommen wurscht.
Standard: Sehen das die Firmenangestellten, die um Arbeitsplätze fürchten, auch so?
Lauda: Sicher, dem Betriebsrat kann man das klarmachen. Die halbe Welt kennt Mercedes und Schumacher, die Wirkung ist enorm, so viele Inserate kann keiner schalten. Ist er erfolgreich, ist das der Tupfen auf dem i.
Standard: Wird er erfolgreich sein?
Lauda: Das hängt davon ab, wie schnell die neuen Autos mit den großen Tanks sind. Die Reifen sind ein Problem, es gibt verschiedene technische Fragen, die erst nach Bahrain beantwortet werden können. Sie müssen erst unter den gleichen Bedingungen trainiert haben. Wirklich gescheiter wird man nach dem zweiten GP sein, der erste ist immer atypisch.
Standard: Ist die Tür für österreichische Piloten zu? Immerhin gibt es Dietrich Mateschitz und Red Bull, ein heimisches Team.
Lauda: Die Tür ist zu, weil es keine qualifizierten, guten Fahrer gibt. Dass Red Bull fast die WM gewonnen hätte, darf man nicht unterschätzen. Die werden auch heuer wieder mitmischen.
Standard: Hat der Wechsel an der Spitze des Automobilweltsportverbandes von Max Mosley zu Jean Todt konkrete Auswirkungen?
Lauda: Nein. Es ist eher wurscht, wer dort oben hockt. Er muss ja nur schauen, dass die Regeln eingehalten werden.
Standard: Sie analysieren immer noch die Rennen im Fernsehen. Wann ist dieses Gen befriedigt?
Lauda: Ich habe einen Vertrag bei RTL für 2010 und 2011. Jetzt macht es mir eine besondere Freude, es gibt neue Themen. Warum ist der Schumacher schnell? Warum ist er langsam? Ich bin da, um Dinge zu erklären. Hätte sich nichts verändert, hätte sich eine Monotonie eingeschlichen. Nun aber ist die Formel 1 eine Hetz. (Christian Hackl, DER STANDARD Printausgabe, 12.3.2010)