Vorn "Stern" und hinten "Bunte"

11. März 2010, 18:23
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Peter Pelinka wurde gerade zum zweiten Mal "News"-Chefredakteur, diesmal mit "Führungsfreiraum" - Das jüngste Werk des "News"-Gründers hält er "nicht für besonders furchtbar"

STANDARD: Ihr Auftrag lautet: Mehr Qualität für "News". Wie wollen Sie das anstellen?

Pelinka: Ich hoffe, das sieht man schon in den ersten zwei Ausgaben, die ich verantworte. Etwa an unserer aktuellen, aber seriösen und nicht marktschreierischen Covergeschichte über Kindesmissbrauch und Kirche. Die jüngste Leseranalyse hat gezeigt, dass wir bei Entscheidungsträgern ein kleines Imageproblem haben. Wir werden versuchen, mehr Relevanz zu gewinnen, mehr Seriosität zu gewinnen, mehr Gewicht zu erhalten.

STANDARD: Das zeigt sich wo?

Pelinka: Zum Beispiel die vorwöchige Achtseitenstrecke mit Köhlmeier, Emmerich über Naturkatastrophen zeigt, wohin wir wollen. Ausbauen will ich vor allem Reportagen und Fotostrecken. Die Marktnischen schauen sicher anders aus als vor 19 Jahren, als "News" konzipiert und gegründet wurde. Schließlich gibt es inzwischen quasi ein tägliches, trashiges "News" namens "Österreich". Vereinfacht gesagt: Ich möchte im vorderen Teil einen österreichischen "Stern" und im hinteren Teil eine österreichische "Bunte".

STANDARD: Mit Undercover-Promiüberwachung wie das deutsche Vorbild?

Pelinka: Ganz sicher nicht.

STANDARD: Ist "Österreich" ein tägliches "News"?

Pelinka: Der Gründer von "News" und inzwischen von "Österreich" hat einen gewissen Riecher für Themen, die früher bei "News" in dieser Form aufgegriffen wurden. Wir müssen uns also stärker von der Art der Aufbereitung, der Zuspitzung differenzieren. Das heißt nicht, dass ich "Österreich" für ein besonders furchtbares Blatt halte. Ich habe nach wie vor Respekt vor dem Mut, man könnte das auch anders qualifizieren, sowas hochzuziehen. Wir müssen einfach rechtzeitig reagieren auf die Marktbedingungen. Mehr Seriosität, mehr Gewicht, mehr Relevanz.

STANDARD: Mehr Seriosität bedeutet wahrscheinlich weniger Leser, weniger Auflage.

Pelinka: Mein Ziel ist, nicht an Auflage zu verlieren. Wir müssen gleichzeitig wieder die wichtigen Leser zurückgewinnen.

STANDARD: Zu "News"- und "Österreich"-Gründer Wolfgang Fellner: Ein wesentlicher Faktor von "News" in den Anfangszeiten war die rasche, zum Teil exklusive Information. Wenn es ein ähnliches Format täglich gibt - was tun?

Pelinka: Scoops sind nach wie vor erwünscht. Wir hatten gleich in der ersten von mir verantworteten Ausgabe die Story mit dem Kirchenaustritt von Barbara Rosenkranz, das die "ZiB 2" mit prägte. Das hat die heilige Barbara ein wenig entmystifiziert. Aber Scoops alleine sind zu wenig, um das Blatt in die Richtung zu bewegen. Es braucht wieder Verlässlichkeit. Und man muss wieder das Gefühl haben, man muss "News" lesen, weil es relevant ist. Und man muss sich wieder freuen, "News" in die Hand zu nehmen.

STANDARD: All das war in den vergangenen Jahren aus Ihrer Sicht nicht der Fall?

Pelinka: Vielleicht etwas weniger als früher. Das lag nicht an Personen: Der Markt hat sich dramatisch verändert. Vielleicht ist es jetzt Zeit, entschlossen auf diese Marktveränderungen zu reagieren.

STANDARD: Stichwort täglicher Boulevard: Sie haben eine Kolumne in "Heute". Stört das nicht den Anspruch des "News"-Chefredakteurs auf Seriosität?

Pelinka: Überhaupt nicht. Der Spagat zwischen "Format" und "Heute" war größer als zwischen "News" und "Heute". Eva Dichand will die Kolumne weiterhin. Und ich bin nicht "Heute", ich bin ein kleiner Kolumnist, der dort schreiben kann, was ihn täglich bewegt. Das ist etwas ganz anderes.

STANDARD: Ein großes Wochenmagazin, eine tägliche Zeitungskolumne, einmal im Monat "Im Zentrum": Schlafen Sie auch gelegentlich?

Pelinka: Ja, aber zunehmend weniger, wohl ein Fall von präseniler Bettflucht.

STANDARD: A propos: Wie alt sind Sie?

Pelinka: Ich bin 58. Ohne Corinna Milborn als Stellverteterin hätte ich den neuen Job bei "News" nicht gemacht. Sie ist nicht zuletzt ein Signal an jüngere und weibliche Leser.

STANDARD: Jüngere Leser: Pläne im Internet?

Pelinka: Das Bemühen um jüngere Leser hängt natürlich mit unserer Onlinepräsenz zusammen. Da sind wir noch nicht ganz perfekt aufgestellt, das muss sich ändern.

STANDARD: Sie sind der sechste blattbestimmende "News"-Chefredakteur in acht Jahren. Wie lange wollen Sie den Job machen?

Pelinka: Torsten-Jörn Klein, der zuständige Auslandsvorstand von Mehrheitseigentümer Gruner + Jahr, sagte mir, als Oliver Voigt mich quasi zum Vorsingen präsentierte: Er will nicht wieder in eineinhalb oder zwei Jahren einen neuen Chefredakteur erleben. Voigt sagte: mindestens die nächsten fünf Jahre. Klein darauf: mindestens die nächsten sieben Jahre. Ich fühle mich seit zehn Tagen noch jünger als je zuvor. Von der Lebensqualität ist es sicher keine Verbesserung, aber es macht einfach Spaß.

STANDARD: Sie waren ab 1992 schon über viele Jahre Gründungschefredakteur von "News".

Pelinka: Das war etwas völlig anderes. Chefredakteur unter Fellner zu sein, bietet nicht allzu viel Führungsfreiraum. Jetzt hab ich den total. Wir haben die aktuelle "News"-Coverstory in acht Stunden aus dem Boden gestampft.

STANDARD: Jetzt wollen Sie Wolfgang Fellner zeigen, wie's geht?

Pelinka: Ich maße mir in keiner Weise an, in der Welt des Wolfgang Fellner eine entscheidende Rolle zu spielen. Es gibt Punkte, wo er unerreichbar ist, in seiner Welt.

STANDARD: Wieviel mehr Geld haben Sie für "News"? Voigt sprach davon, auch in Personal auch zu investieren.

Pelinka: Ich glaube nicht, dass man üppigst in Personal investieren muss. Ich glaube, dass man in Seitenumfang, Fotostrecken, Autorenhonorare investieren muss. Ich freue mich, wenn ein Gutteil der Zusagen eingehalten wird. Und die waren nicht so üppig. Klar ist: Ich wäre der falsche Mann, um einen Sparkurs zu repräsentieren.

STANDARD: Ich höre, Barbara Toth ("Falter") und Eva Weissenberger ("Kleine") stehen auf der Wunschliste?

Pelinka: Spannende Vorschläge von Ihnen. Haben Sie noch weitere?

STANDARD: Ist das die letzte Chance von "News"?

Pelinka: Die Bedeutung maße ich mir nicht an. Und "News" steht geschäftlich nach so einem Krisenjahr sehr gut da und hat zuletzt in den Erlösen wieder stark aufgeholt. Reagieren muss man vor allem auf dem Lesermarkt. (Harald Fidler/DER STANDARD/Printausgabe/12.3.2010/Langfassung)

Zur Person: Pelinka (58) führte "AZ", "Format" und leitet (wieder) "News".

  • Peter Pelinka
    foto: news

    Peter Pelinka

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