"Mein Fall ist nicht repräsentativ"

11. März 2010, 17:18
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Der prämierte österreichische Regisseur Arash Riahi über seine ersten Jahre in Österreich und die negative Kraft der Kronen Zeitung

daStandard.at: Deine Eltern sind aus dem Iran, wo sie als Schah Gegner verfolgt wurden, nach Österreich gekommen. Was sind deine ersten Erinnerungen an Wien?

Arash Riahi: Nach drei Monaten in der Türkei haben wir endlich die Ausreisegenehmigung bekommen, um nach Österreich zu fahren. Da wir nicht genug Geld für Flugtickets hatten, haben wir den Zug aus Istanbul genommen. Die erste richtig bleibende Erinnerung war dann die Ankunft nach langer Reise auf dem Südbahnhof. Mein Vater hat uns gleich ein Schinkensandwich gekauft. Ich weiß nicht ob es an dem ersten Sandwich in Freiheit lag, aber es hat einfach grandios geschmeckt. (lacht)

Wie schwierig war es für dich, sich danach in Österreich einzuleben? 

Arash Riahi: Ich hatte das Glück in die Volksschule in den zweiten Bezirk zu kommen. Dort habe ich mich relativ schnell mit anderen ausländischen Kindern angefreundet. Meine besten Freunde waren ein Türke und ein Serbe. Das Problem war, dass ich erst die letzten drei Monate vor Schulende eingestiegen bin und kein Deutsch gesprochen habe. Ich konnte somit die Klasse nicht abschließen. Meine Eltern haben mich dann über die Sommerferien zu den Kinderfreunden geschickt. Zwei Wochen Ferienlager und ich konnte plötzlich deutsch.

Du hast deine ersten beruflichen Erfahrungen beim ORF gesammelt. Tut man sich dort schwerer mit Migrationshintergrund?

Arash Riahi: Grundsätzlich sollte man dieses Selbstmitleid ablegen. Man sollte eher mit einer positiven Sichtweise auf alles zugehen. Beim ORF war das nie eine schwere Herausforderung für mich. Ich habe dort viel eher das Problem gehabt, dass mein Stil nicht immer zum TV-Mainstream gepasst hat.

Wie würdest du die Darstellung von MigrantInnen in der österreichischen Medienlandschaft beschreiben?

Arash Riahi: Im öffentlichen Fernsehen sieht man Menschen mit einem Migrationshintergrund meistens nicht in den "normalen" Rollen. Das ist in Deutschland z.B ganz anders, dort sind die Migranten einfach besser in den Medien integriert. Was ich vor allem gut finde ist, dass sie dort auch über sich selber lachen können und ihre Herkunft auch persiflieren. Das sehe ich in Österreich selten.

Viele österreichische Medien gelten in dieser Hinsicht aber auch nicht unbedingt als handzahm...

Arash Riahi: Ich war im Club2 eingeladen zum Thema "Wie viele Fremde verträgt Österreich". Unter den Gesprächspartnern war auch Claus Pandi von der Kronen Zeitung. Während der Sendung hat er sich eigentlich noch relativ diplomatisch über das Thema geäußert. In den Gesprächen hinter den Kulissen ist dann schon klarer geworden, dass die Politik der Kroneverantwortlichen rein an der Quote orientiert ist und eine fremdenfreundlichere Linie, ihrer Meinung nach, weniger Quote bedeuten würde.

Wie hast du dich in der österreichischen Kulturlandschaft, die ja nicht ganz frikitionsfrei ist, durchsetzen können?

Arash Riahi: Ich denke mein Fall ist sicher nicht repräsentativ. Zunächst einmal habe ich die Sprache akzentfrei gelernt und hatte somit einen Startvorteil. Außerdem hat das „fremdsein" in Kulturkreisen auch eher positive Einflüsse. Dort wird das nicht als Benachteiligung betrachtet. Aber nach der Volksschule wäre ich aufgrund von zwei Noten fast in der Hauptschule gelandet. Meine Eltern haben das österreichische Schulsystem nicht gekannt und wussten nichts vom Gymnasium. Erst kurz vor Ende des Sommers habe ich durch eine Fürsprecherin, die für mich beim Direktor war, den Sprung in die Schottenbastei geschafft. Mein Leben wäre ganz anders verlaufen, wenn ich in der Hauptschule gelandet wäre. Dann wäre ich wahrscheinlich nicht da, wo ich jetzt bin.

Arash T. Riahi ist ein österreichischer Filmregisseur iranischer Herkunft. Von 1995 bis 2002 war er Mitarbeiter beim ORF. Riahis Spielfilmdebüt "Ein Augenblick Freiheit" wurde mit zahlreichen nationalen und internationalen Preisen prämiert und von der Austrian Film Commission dieses Jahr ins Oscar-Rennen um den besten nicht-englischsprachigen Film geschickt.

Sein aktueller Dokumentarfilm "Alles wird nicht gut" behandelt die Geschichte eines Frauenhauses und seiner Bewohnerinnen in den letzten zehn Jahren. Es soll 2011 veröffentlicht werden.

 

  • Artikelbild
    foto: stefan olah
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