Dunkle Hymnen für harte, kriegerische Zeiten: die große kanadische Band The Besnard Lakes und ihr majestätischer Wall of Sound
Bevor die andere große Band der Stadt und Stunde, Arcade Fire aus Montreal, irgendwann im Frühjahr ein neues und sehnlich erwartetes Album veröffentlichen wird, überwältigt uns diese Formation mit einer tatsächlich atemberaubenden Songsammlung. The Besnard Lakes um das Ehepaar Olga Goreas und Jace Lasek hegen dabei, ähnlich wie ihre kommerziell ungleich erfolgreicheren Kollegen, eine ebenso große und innige Liebe für das musikalische Breitwandformat. Hielt sich die Band auf der vorangegangenen Arbeit The Besnard Lakes Are The Dark Horse von 2007 dabei noch eher esoterisch verhalten und ein wenig in Hall- und Echoeffekten verhuscht zurück, um Filme für das klischeehafte Kino im Kopf zu produzieren, wurden für The Besnard Lakes Are The Roaring Night nun alte Vorgaben auf ihre Haltbarkeit und Vehemenz überprüft. Die Zügel wurden diesbezüglich also ordentlich angezogen.
Die dabei der Legende nach auf einem Mischpult aus dem Fundus Led Zeppelins eingefangenen zehn Stücke orientieren sich dabei am meist zu Recht belächelten Format des sogenannten Konzeptalbums. Nicht, dass dies den Hörer unmittelbar betreffen würde. Es geht in den ausladenden Songs um einen in der nahen Zukunft spielenden "Fiebertraum", eine Chronik untergehender Zivilisationen, um Krieg und Feuer in den Städten und eine Agenten-Lovestory. Liebe, Hass, Betrug, was halt so zusammenkommt, wenn man zu viele Taschenbuch-Thriller liest.
Abgesehen von den kaum verständlichen, weil ziemlich mittig in die dröhnenden und flirrenden Soundwände eingebetteten Songtexten: Das eigentliche Alleinstellungsmerkmal dieser Band waren und sind von jeher der Sound und die Arrangements.
Historisch gesehen kommt bei den Besnard Lakes einiges zusammen. Zum einen beruft sich die Band recht eindeutig auf altvordere Größen der klassischen Rockära. Pink Floyd und ihre getragenen, schwermütigen und einer milden Depression verpflichteten Keyboard-Teppiche dräuen mehr als ein Mal auch auf dieser Arbeit. Und selbst belächelte, derzeit allerdings wieder hoch im Kurs stehende Vorbilder wie Fleetwood Mac in ihrer US-amerikanischen Hitparadenphase mit dem dringlichen Ausdrucksgesang von Stevie Nicks stehen Pate. Albatross, die aus dem Album ausgekoppelte Single der Besnard Lakes, ist diesbezüglich wohl eine eindeutige Fährte. Vom Electric Light Orchestra und seinem klassizistischen Barock-Pomp ganz zu schweigen.
Hinter den himmlischen Chören in der Schule der Beach Boys (Entschuldigung, von dieser Referenz muss trotz aller Abgeschmacktheit auch Gebrauch gemacht werden) zieht das Quartett in weiten Bögen ihrer Version von Pop herauf in die 1980er-Jahre. Vor allem effektreicher Gitarrenlärm in der Schule des britischen Dream- oder Shoegazing-Pop (My Bloody Valentine!) hat tiefe Spuren hinterlassen. Wuchtige, pumpende Rhythmen, darüber verzerrte, greinende und kreischende, allerdings immer den einnehmenden melancholischen Melodien verpflichtete Gitarren, die durch Phaser- und Hall-Geräte gejagt werden, ergeben einen zeitgenössischen Gesamtklang, wie man ihn derzeit in der Szene suchen muss. Das Rad wird zwar nicht neu erfunden. Wie die Jahrzehntnummer Albatross aber beweist, arbeiten Olga Goreas, Jace Lasek und die Besnard Lakes allerdings ganz weit vorne. Wenn es darum geht, Dringlichkeit mit Schwelgerei zu verbinden, klingt Anfang 2010 nichts so relevant wie dieses Album. Ein Meisterwerk. (Christian Schachinger / DER STANDARD, Printausgabe, 12.3.2010)
The Besnard Lakes - The Besnard Lakes Are The Roaring Night (Jagjaguwar Records / Trost)