Arbeiten an der Qualität

Österreichs Modell der Lehrausbildung ist gut – Mehr Qualitätssicherung würde es aber noch besser machen, sagen Experten

Ist eine Karriere mit Lehre möglich? Gibt es Branchen, die Lehrlinge besonders gut ausbilden? Und wie gut ist die Qualität der Lehrlingsausbildung in Österreich tatsächlich? derStandard.at hat bei Lehrlingsexperten nachgefragt.

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"Wir sind in Österreich jedenfalls nicht schlecht unterwegs was die Lehrlingsausbildung anbelangt", meint Sabine Tritscher-Archan vom Institut der Bildungsforschung der Wirtschaft. Zwar gäbe es immer Verbesserungspotential, jedoch würden die österreichischen Bildungsabschlüsse hierzulande oft unterschätzt. "Vieles was bei uns der Bereich der Lehrlingsausbildung abdeckt, ist in England schon Hochschulniveau. Karriere mit Lehre ist mit Sicherheit möglich", so Tritscher-Archan zu derStandard.at.

Generalisierende Aussagen schwierig

"Generalisierende Aussagen über die Qualität der Lehrlingsausbildung sind völlig absurd, genauso wie die generalisierende Werbung der 'Karriere mit Lehre'", sagt hingegen Erich Ribolits vom Institut für Bildungswissenschaften an der Universität Wien. Allein die Unterschiede zwischen den einzelnen Brachen wie beispielsweise Handelsangestellten und Elektroindustrie sei enorm. Dazu kommt, dass das Ausbildungssystem sehr differenziert ist, die Qualität also vor allem von der Ausstattung und dem Engagement im Betrieb, der Berufsschule und nicht zuletzt vom Lehrling selbst abhängt. "Es macht einen Unterschied, ob ich meine Lehre im Sacher mache, oder irgendwo bei einem Dorfwirten."

Ribolits kritisiert, dass sich die Lehrlingsausbildung hauptsächlich an ökonomischen Kriterien ausrichtet. "Der Betrieb tätigt mit dem Lehrling eine Investition, die sich irgendwann wieder lohnen muss. Besonders für kleine Betriebe gilt, dass das so früh wie möglich der Fall sein soll." Nicht jeder Betrieb setze daher auf die langfristige Ausbildung von Personal, sondern vor allem auf eine billige Arbeitskraft, da bleibe die Qualität auf der Strecke.

Lehrlingsförderung an Qualität gekoppelt

Damit der Qualität mehr Beachtung geschenkt wird, gibt es Lehrlingsförderungen, die an Qualitätskriterien geknüpft sind, wie beispielsweise die Ausbildungsdokumentation und der zugehörige Praxistest. Ausbildungsbetriebe erhalten pro Lehrling eine Prämie von 3.000 Euro, wenn dieser einen Praxistest zur Mitte der Lehrzeit positiv absolviert und gleichzeitig im Betrieb eine Dokumentation über dessen Ausbildung geführt wird. Um die Qualität im gesamten Betrieb sicherzustellen, müssen alle Lehrlinge des betreffenden Jahrgangs zum Praxistest antreten.

Rund 4.000 Lehrlinge haben bisher den Test absolviert. Bisher sind sehr wenige am Praxistest gescheitert. "Wir müssen davon ausgehen, dass dies noch öfter der Fall ist. Die Tests haben erst im November begonnen und laufen jetzt so richtig an, da ist natürlich klar, dass zuerst die Vorzeigebetriebe ihre Lehrlinge schicken", sagt Alexander Hölbl vom Wirtschaftsministerium zu derStandard.at.

Unabhängige, flächendeckende Qualitätssicherung fehlt

Bildungsdokumentation und Praxistest sind für Edith Kugi von der Arbeiterkammer Wien aber nicht genug an Qualitätssicherung: "Was ganz sicher fehlt, ist eine unabhängige Qualitätssicherung von außen. Denn heute ist nach dem Abschluss des Lehrvertrages in punkto Ausbildungsqualität alles möglich." Weder Praxistest noch Ausbildungsdokumentation sind verpflichtend, nicht einmal zur Lehrabschlussprüfung müssen Lehrlinge antreten. Lehrlinge, die nicht antreten, seien zwar selten, kommen aber immer wieder vor, so Kugi zu derStandard.at.

Die Praxistests sind auch nicht als flächendeckendes Kontrollsystem gedacht, sondern es sollen vielmehr positive Anreize geschaffen werden, um statt einem Gießkannenprinzip die Lehrlingsförderung an Qualitätsmerkmale zu knüpfen und damit effizienter zu machen, heißt es aus dem Wirtschaftsministerium.

Qualität beginnt bei den Ausbildnern

Ein weiterer wichtiger Punkt in der Diskussion ist, wie man die Qualität definiert und misst. "Wir arbeiten intensiv daran allgemein geeignete Messgrößen zu definieren und zu evaluieren. Denn Qualitätssicherung ist ein brennendes Thema" so Kugi. Dass es kontinuierliche Weiterbildungen und Verbesserungen geben müsse, würde in der Bildungspolitik ohnehin nicht bezweifelt, so Tritscher-Archan. "Die Qualitätssicherung beginnt schon bei den sogenannten Inputfaktoren, sodass garantiert wird, dass nur die Betriebe Lehrlinge ausbilden dürfen, die sowohl die gewisse Ausstattung als auch genügend und ausreichend qualifiziertes Ausbildungspersonal besitzen."

Pädagogisch geschultes Personal vor allem in der Berufsschule

Ribolits wiederum bemängelt die "kaum vorhandene" Ausbildung der Lehrlingsausbildner. "Im Umgang mit jungen Menschen bedarf es viel Hintergrundwissen pädagogischer und sozial-pädagogischer Natur. Das haben die Ausbildner oft nicht." Besonders für Kleinbetriebe sei eine adäquate Ausbildung des Lehrlingsausbildners aber oft unmöglich.

Die Berufsschullehrer, die über pädagogische Kenntnisse verfügen, haben im Verhältnis viel weniger Kontakt mit den Lehrlingen als ihre Ausbildner. Mehr Berufsschule ist aber auch keine Lösung, glaubt Ribolits, der selbe lange Zeit Berufsschullehrer war: "Die meisten Lehrlinge haben nicht das beste Verhältnis zur Schule und dann wird ihnen eine ungeheure Belastung zugemutet. Neun Stunden Unterricht pro Tag und die Hauptgegenstände oft erst gegen Abend. Wem mutet man das sonst zu?"

Qualitätsbewusstsein hat zugenommen

Worin sich aber alle Experten einig sind, ist, dass das Bewusstsein für die Qualität der Lehrlingsausbildung zugenommen hat. "Das zeigen nicht zuletzt Lehrlingswettbewerbe, Berufsolympiaden und vor allem die freiwilligen betriebsinternen Förderungen und Qualitätssicherungssysteme, die vor allem die großen Lehrlingsausbildner haben", so Hölbl vom Wirtschaftsministerium. Sowohl betriebsinterne Zwischentests als auch Anreizsysteme wie ein Auslandsaufenthalt oder die Bezahlung des Führerscheins bei guten Leistungen in der Lehrausbildung sind nicht unüblich.

Alle großen Lehrlingsausbildner hätten sich zu eigenen Qualitätssicherungsmaßnahmen entschlossen, denn sie wollen zumeist die Lehrlinge im eigenen Betrieb halten. "Bei kleineren Unternehmen ist die Frage, ob eine eigene Qualitätssicherung überhaupt sinnvoll ist", sagt Hölbl.

Fondsmodell für Lehrlingsausbildung beispielhaft

Als Vorzeigemodell sehen die Experten das Fondsmodell der Lehrlingsausbildung der Vorarlberger Elektro- und Metallindustrie. In dem Modell bezahlt jeder Betrieb der Branche freiwillig in einen Fonds ein und die Unternehmen, die Lehrlinge adäquat ausbilden, bekommen dann eine Förderung aus diesem Fonds.

Betriebe klagen über zu wenig Qualifikation

Doch schon vor Beginn der Lehrlingsausbildung stellt sich die Frage nach der Qualität. So klagen 68 Prozent der Wiener Betriebe, dass es schwer ist, geeignete Lehrlinge zu finden. Vielen würden Basiskenntnisse fehlen.

Versagt die Schulbildung, sind die Anforderungen der Wirtschaft zu hoch oder bringen die Schüler nicht genug Potential mit? "Durch die Bildungsexpansion der letzten Jahre strömen auch die Personen, die früher Hilfsarbeiter wurden, in die Lehre. Das ist einerseits begrüßenswert, schafft aber ein sehr heterogenes Zielpublikum für die Betriebe", erklärt Tritscher-Archan. Deshalb plädiert sie für Bildungsstandards, sodass nur die Leute tatsächlich in den Arbeitsmarkt entlassen werden, die auch ein Minimum an Fähigkeiten erfüllen.

"Natürlich kann es sein, dass es Mängel in der Pflichtschule gibt, aber es ist nicht nachvollziehbar das den Jugendlichen anzulasten. Die Erwartungen der Betriebe an Fünfzehnjährige ist da auch oft recht hoch, wobei es natürlich auf den Lehrberuf darauf ankommt", meint Kugi, die über 20 Jahren in der Lehrlingsberatung tätig ist und heute in diesem Punkt keine große Abweichung zu früher erkennen kann. (Michael Kremmel, derStandard.at, 17.03.2010)

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