Vor zehn Jahren platzte die Dotcom-Blase

11. März 2010, 12:11
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Am 10. März erreichte die Nasdaq ihren höchsten Wert und dann folgte der rasche Sinkflug und hinterließ seine Spuren bis heute

Am 10. März 2000 erreichte die US-Technologiebörse NASDAQ (National Association of Securities Dealers Automated Quotations) mit 5133 Punkten ihren Höhepunkt. Wenig später brach der Rekordkurs gewaltig ein und die Talfahrt begann - dieser Tag wurde später zum Datum für das Ende der Dotcom-Blase erklärt.

Nachwirkungen noch immer spürbar

Bevor die Dotcom-Blase platzte schien das Geld für neue Geschäftsmodelle und Anwendungen im Internet in den USA - und nicht nur dort - sehr locker zu sitzen. Milliarden Dollar wurden in Webauftritte investiert und die Erwartungshaltung an das Internet als neue Cashcow stieg ins Unermessliche. Die Dotcom-Blase steuerte auf ihre maximale Ausdehnung zu und hunderte neue Firmen buhlten an der Börse um InvestorInnen und AnlegerInnen. Auf dem Papier waren diese Firmen Milliarden Dollar wert in der Realität gab es oftmals kein vernünftiges Geschäftsmodell und kaum Eigenkapital. Dann kam es zum großen Knall und die Auswirkungen sind auch heute noch spürbar.

Einige prominente geplatzte Blasen

Die Liste der Unternehmen, die in dieser Zeit als Zukunftsträger und Hauptziel der Investoren galten, und dann von der Bildfläche verschwanden, scheint nahezu unermesslich. Prominente Beispiele sind etwa Boo.com, ein Modegeschäft in Internet, das innerhalb von sechs Monaten 188 Millionen Dollar in den Wind schoss, Pets.com, dessen Versand von Tierfutter 300 Millionen Dollar in den Sand setzte, Webvan scheiterte beim Versuch, Obst und Gemüse über das Netz zu verkaufen. Mit Parkscheinen über das Internet wollte Govworks groß ins Geschäft einsteigen - am Ende waren mehr als 160 Millionen Dollar dahin und auch Flooz, das "Internet-Geld" war nie mehr als eine Idee - so Heise.

Alltheweb und Napster

Das US-Magazin Wired hat eine weitere spannende Auflistung zu bieten, in dieser finden sich unter anderem: die Suchmaschine Alltheweb.com, Beenz.com, die Online-Magazine Contentville.com und Feedmag.com, Geocities.com, Napster.com oder Scient.com - die Unternehmen gibt es alle nicht mehr, die Domains leben hingegen weiter.

Die Erfolge

MercuryNews.com hat aber auch einige Erfolgsstories zu melden und sieht in der Krise auch etwas Positives.Immerhin würde die Qualität generell steigen und somit würden sich am Ende die Besten durchsetzen. Als Erfolgsbeispiele werden Twitter, Facebook, Zynga und Google genannt, die sich am Markt nicht nur etabliert, sondern diesen auch entschieden geprägt haben oder prägen werden.

Die Auswirkungen

ITWorld Canada geht der Frage nach den Auswirkungen des Platzens der Dotcom-Blase für die heutige IT-Branche nach. Als das Internet als Zukunftsplattform und Problemlösung der mangelnden Kreativität der ManagerInnen gesehen wurde, wuchsen die IT-Abteilungen gewaltig an. Die Gehälter und Benefits stiegen in astronomische Höhen.

Spreu und Weizen

Eine wesentliche Problematik lag dabei auch in der Tatsache, dass selbsternannte IT-Gurus das Gelbe vom Himmel versprachen udn dies zu Unsummen. Nach dem Platzen der Blase sanken umgehend auch die Gehälter in der Branche. Dieser Trend wirkt bis heute nach. Unmengen an WebentwicklerInnen, HTML-"ProgrammiererInnen" und der Computerführerschein als Qualitätskriterium sorgten für Verwirrung und Probleme.

Die Blase war nicht leer

Auf der einen Seite scheinen viele IT-Fachkräfte diese Zeit zu missen, auf der anderen Seite zeigt sich, dass man durchaus froh ist, dass der unrealistische Hype gebremst wurde. Die Dotcom-Blase brachte die Erwartungen der Durchschnitts-AnwenderInnen in Bezug auf IT wieder auf den Boden der Realität. Auch wenn der Desktop das Arbeitsleben drastisch verändert und neue Technologie Einzug hielt, blieb am Ende die Erkenntnis, dass ein Maß an Realismus in der Wirtschaft wohl doch nicht schaden könnte. Zahlreiche Services und Ansätze überdauerten die Jahre und kamen später als geplant auf den Markt. Aber sie wurden realisiert. Die Blase ist geplatzt, aber immerhin war sie nicht komplett leer.

.com und UMTS

Der Hype hatte zwei Namen und die hießen .com und UMTS. Die Nachfolgegeneration des Mobilfunkstandards GSM sollte die eierlegende Wollmilchsau werden, doch in Wahrheit wurde sie beinahe ein Massengrab für Telcos. In Deutschland wurde für die Funkfrequenzen - im August 2000, mitten im beginnenden Absturz der .com-Aktien - die astronomische Summe von knapp 100 Mrd. D-Mark (51,1 Mrd. Euro) gezahlt. In Österreich wurden immerhin 11,4 Mrd. Schilling (828 Mio. Euro) ins Budget gespült. Kein Problem, die Frequenzen müsse man haben, egal was sie kosten, tönte es damals aus der Branche.

Katzenjammer

Was folgte war Katzenjammer. All die schönen technischen Spielereien, die sich die Techniker in ihren Kammerln einfallen ließen, wollten das Publikum nicht begeistern. Zum Telefonieren und zum Versenden von SMS brauchte niemand UMTS. Erst Jahre später kam dann plötzlich die Trendwende. Am Markt tauchten die ersten SIM-Einsteckkarten für den Laptop auf, mittlerweile werden mehr mobile als feste Datenanschlüsse verkauft. Gleichzeitig meldeten die Konsumenten ihre Festnetzanschlüsse massenweise ab, was die alterwürdigen Ex-Monopolisten wie die Telekom Austria gehörig jahrelang ins Schwitzen brachte. Aber das waren wohl nur Tropfen im Vergleich zu den Bächen an Schweiß, die den Börsianern 2000 über die Stirn flossen.

Talfahrt in Klammer-Hocke

Im März erreichte der atemberaubende Aufstieg der Telekom- und IT-Aktien seinen Höhepunkt, was folgte war eine Talfahrt in Klammer-Hocke. Das Wachs dafür lieferte Osama bin Laden nach, als er eineinhalb Jahre später US-Passagierflugzeuge ins World Trade Center und Pentagon stürzen ließ. Nun rächte sich, dass die Deutsche Telekom bei ihrem Börsegang mit einer "Volksaktie" warb.

YLine sorgte für Aufregung

In Österreich sorgte die Pleite der Internetfirma YLine für Aufregung bis in die hohe Politik hinein. Konkret ging es um die Y-Line-Tochter FirstInEx, an der der Vater des damaligen Finanzministers Karl-Heinz Grasser beteiligt war und die auch die umstrittene Homepage des Ex-Finanzministers gestaltet hatte. Die YLine-Pleite ist noch immer ein Fall für die Justiz. Im Nachhinein wird einem geradezu schwindelig, wenn man die Bewertungen der .com-Unternehmen im Jahr 2000 betrachtet. Start-ups erreichten von null auf hundert Firmenbewertungen, die alteingesessene Industriekonzerne vor Neid erblassen ließen. Am 13. März 2000 wurden in Deutschland so viele Infineon-Aktien gehandelt, dass die Handelssysteme der Frankfurter Wertpapierbörse und damit zugleich die Orderverarbeitungen einiger Bankhäuser zusammenbrachen. Doch schon bald rächte sich, dass viele .com-Firmen nur aus einem bestanden: Aus Wachstumsfantasie. Als dies im Frühjahr 2000 immer offensichtlicher wurde, setzte nahezu panisch eine Flucht aus IT-Titeln ein. So manche Alterssicherung löste sich in diesen Tagen in Luft auf. Es sollte bis zur Mitte des Jahrzehnts dauern, bis die Branche das gröbste hinter sich hatte. Die Coolness der "IT-Fuzzys" kam aber nie wieder zurück.(APA/Gregor Kucera, derStandard.at vom 11.3.2010)

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