Blinde Kinder in der Kaiserzeit

11. März 2010, 10:06
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Perücken werden frisiert, kaiserliches Gewand wird probiert und Quadrille getanzt: Um auch blinden Kindern das Leben der Habsburger näherzubringen, durfte im Schloss Schönbrunn alles befühlt und betastet werden

Wien - Das prunkvolle Gold der Säle, die Juwelen und andere wertvolle Schätze des Schlosses Schönbrunn werden einmal außer Acht gelassen. Denn heute werden sehbeeinträchtigte und blinde Kinder durch das Schloss geführt, und dementsprechend ist die Führung gestaltet. Zum Klang eines Menuetts wird getanzt, die teilnehmenden Schüler dürfen sich als Prinzen und Prinzessinnen verkleiden. Nachbildungen von verspielten Frisuren, das Schloss in Kleinformat und alle möglichen Alltagsgegenstände der Kaiserzeit sind zum Angreifen ausgestellt, der Duft von Honig, Mandeln und Schokolade hängt in der Luft.

Schloss Schönbrunn erleben - unter diesem Titel luden die Wiener Fremdenführer zu einer ganz besonderen Art von Führung durch das Leben der Habsburger ein. Das Museum bot seinen jüngsten Gästen eine besondere Reise in die Vergangenheit. So versuchte man, den Zauber des Schlosses und die Zeit der Kaiser einmal auch blinden Kindern näherzubringen.

Um dies zu erreichen, wird das sonst übliche Anschauen der Gegenstände und Räumlichkeiten durch andere Fertigkeiten ersetzt. Diesmal werden besonders der Tast-, Geruchs-, Gehör- und Geschmackssinn herausgefordert. Bei verschiedenen Stationen kann das Leben im Schloss durch Befühlen, Schmecken oder Riechen nachempfunden werden.

Zu Beginn der Führungen, die den ganzen Tag angeboten werden, dürfen sich die teilnehmenden Kinder detailgetreue Kleider anziehen und werden durch einen Trakt des Schlosses geführt. Mit genauen Beschreibung der Fremdenführer spazieren sie durch Spiel-, Lehr-, Ess-, Musik- und Schlafzimmer. Im Anschluss fordert Eddy Franzen, Fremdenführer und Besitzer einer Tanzschule, zum Quadrilletanzen auf.

Auf die Frage, ob es einen Unterschied für ihn mache, blinden oder sehenden Kindern das Tanzen beizubringen, antwortet er: "Eigentlich kaum. Blinde sind nur viel vorsichtiger und gehen sanfter miteinander um. Sie besitzen ein sehr viel besseres Taktgefühl." Und tatsächlich: Als die Musik erklingt, werden die Schritte der Quadrille mit Leichtigkeit getanzt.

Danach geht es zur Geruchsstation, wo die jungen Gäste verschiedenste für die Zeit typische Gewürze olfaktorisch wahrnehmen können. Einmal gerochen, verkostet man die Speisen am Buffet, die alle nach barocken Kochrezepten zubereitet worden sind. Mit nur wenig Mehl und ganz ohne Backpulver wurden hier altertümliche Naschereien gezaubert. Der Unterschied ist deutlich - die Schüler sind begeistert.

Franzen empfindet die diesjährige Veranstaltung als gelungen: "Kinder und Erwachsene sind angetan, weil sie sehr viel angreifen und ausprobieren können. Das gibt es normalerweise in einem Museum nicht." Seit kurzem bietet das Schloss Schönbrunn diese Blindenführungen jedoch auf Anfrage jederzeit an.

Exponate sinnlich begreifen

Auch andere Museen bieten die Möglichkeit, ihre Ausstellungen für Blinde und Sehbeeinträchtigte zugänglich zu machen. "Wir waren schon im Technischen, im Heeresgeschichtlichen und im Völkerkundemuseum", erzählt Sigrid Massenbauer, die Organisatorin dieser Aktion, euphorisch.

"Hier konnten die Kinder beispielsweise Ritterrüstungen mit Kettenhemden anprobieren. Auch Gewehre und Kanonen aus dem 17. Jahrhundert blieben vom Betasten nicht verschont." Die Idee der Blindenführungen entstand vor mehr als 20 Jahren im Rahmen des Welttags der Fremdenführer. Großen Anklang findet das Projekt sowohl bei Besuchern als auch bei Veranstaltern. 30 Wiener Fremdenführer beteiligen sich mittlerweile daran, rund 160 Gäste werden jedes Mal aufs Neue erwartet.

Auch immer mehr Museen schließen sich dieser Aktion an, wenngleich Massenbauer erklärt: "Von sich aus macht das ein Museum selten". Die Sorge, es könne dabei etwas kaputtgehen, kann sie relativieren: "Man muss ja nicht immer Originale zum Angreifen anbieten, es können genauso gut Duplikate zur Verfügung gestellt werden". (Alicia Prager, Nermin Ismail, DER STANDARD, Printausgabe, 10.3.2010)

 

  • "Blinde Leute haben ein besseres Taktgefühl", meint Eddy Franzen. Unter professioneller Anleitung bewegen sich die jungen sehbehinderten Gäste im Schloss zu den Klängen der Quadrille
    foto: standard/corn

    "Blinde Leute haben ein besseres Taktgefühl", meint Eddy Franzen. Unter professioneller Anleitung bewegen sich die jungen sehbehinderten Gäste im Schloss zu den Klängen der Quadrille

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