Immer mehr ehemalige Schüler bestätigen erniedrigende Strafen schon bei kleinsten Vergehen - Einer der Geistlichen gab Übergriffe zu - Opfer vorwiegend Schüler aus der Unterstufe
Nachdem die schweren Missbrauchsvorwürfe gegen drei Patres des Stiftes Kremsmünster (Bezirk Kirchdorf) von immer mehr ehemaligen Schülern bestätigt werden, wurden die Geistlichen am Donnerstag ihrer Ämter enthoben. Einer der drei Kremsmünsterer Mitbrüder sei geistlicher Begleiter von Schülern gewesen, ein anderer habe Pfarrtätigkeiten verrichtet, der dritte Aufgaben im Stift versehen.Einer der mittlerweile 75-jährigen Mitbrüder habe den ihm vorgeworfenen Übergriff bestätigt, gab Abt Ambros Ebhart Donnerstagnachmittag in einer Pressekonferenz bekannt. Der Geistliche habe den Vorwurf in einer ersten Reaktion als "Unsinn und
ein Zusammenreimen nach 30 Jahren" bezeichnet, die Aussage später aber
bedauert, berichtete Ebhart. Der Mitbruder sei "sehr betroffen", dass
seine Handlungen als Missbrauch erlebt worden seien. Insgesamt fünf Personen, die in den 80er Jahren Opfer von Missbrauch geworden sein sollen, hätten sich mittlerweile gemeldet. Ebhart betonte, dass man Interesse an einer umfassenden Aufarbeitung habe.
***
Der Fall in Kremsmünster in Oberösterreich ist durch einen Bericht in den "Oberösterreichischen Nachrichten" bekannt geworden. In der Donnerstag-Ausgabe beschuldigt ein ehemaliger Internats-Zögling drei Patres aus dem Stift, in den 1980er-Jahren Schüler geschlagen und sexuell missbraucht zu haben. Der Hauptbeschuldigte dementierte gegenüber der Zeitung die Vorwürfe.
Erniedrigende Strafen
Der Oberösterreicher, der anonym bleiben möchte, beschrieb die Erziehungsmethoden eines Geistlichen so: "Wenn man im Speisesaal zu laut war, läutete der Pater mit einer Glocke. Der Betroffene musste sich neben ihn hinknien. Dann drückte und rieb der Pater den Kopf des Schülers fest in seinen Schoß. Mit der anderen Hand holte er weit aus und gab ihm eine sehr heftige Ohrfeige. Manchmal zog er aber auch die Hand kurz davor zurück und streichelte dem Betroffenen über sein Gesicht. Das war alles sehr erniedrigend." Er könne sich auch erinnern, dass einmal ein Pater seine Hand in die
Pyjamahose eines Schülers geschoben habe, ein anderes Mal habe ein
Geistlicher seinen Kopf zwischen die Füße eines Jugendlichen gedrückt.
Schläge mit einem Kabel oder Schlüsselbund
Zwei Mönche hätten regelmäßig Schüler verprügelt. Für das kleinste Vergehen habe man Schläge mit einem Kabel oder einem Schlüsselbund bekommen. Manchmal habe der Pater die Schlüssel einem Schüler lediglich fest ins Genick gedrückt. "Es hat aber immer sehr wehgetan", so der Ex-Klosterschüler. Wer zu spät gekommen sei, habe ebenfalls drakonische Strafen kassiert: "Wir wurden dann abgewatscht und mussten drei Wochen lang in der Freizeit bis Mitternacht lateinische Enzyklopädien abschreiben und übersetzen."
Weiterer Schüler bestätigt Anschuldigungen
Am Donnerstag hat ein weiterer ehemaliger Internatsschüler gegenüber dem ORF-Radio Oberösterreich Anschuldigungen erhoben. Er berichtete u.a., dass ein Geistlicher einem Schüler geholfen habe, "sich an den richtigen Stellen zu waschen", und von Ohrfeigen vor versammelter Mannschaft. "Das war Demütigung, das war Machtmissbrauch", erklärte er.
Der ehemalige Schüler bestätigte ebenso die Ohrfeigen mit der flachen Hand bei den Essenszeiten - vor allem wenn jener Pater Aufsicht gehabt habe, den ein ehemaliger Zögling gegenüber den "Oberösterreichischen Nachrichten" gewalttätiger Übergriffe bezichtigt hatte.
Er habe etwa Beobachtungen gemacht, "die man auch anders darlegen könnte", so der ehemalige Internatsschüler. So sei zum Beispiel einmal einer seiner Kollegen von einem Pater gekommen - mit hochrotem Kopf und drei Tafeln Schokolade in der Hand. Bei einem anderen Schüler habe ein Geistlicher "reingegriffen", während sich dieser geduscht habe. Von sexuellem Missbrauch habe ihm gegenüber aber nie jemand gesprochen. Es habe immer "Angst und Verschwiegenheit" geherrscht. Dass es heute noch solche Vorgänge gebe, halte er nicht für möglich, räumte der Mann ein. Seine Erfahrungen würden aus den 1980er Jahren stammen.
Opfer vorwiegend Schüler aus der Unterstufe
Der Ex-Zögling besuchte die Klosterschule und das angeschlossene Internat in Kremsmünster vier Jahre lang. Bei den Opfern habe es sich vorwiegend um jüngere Schüler aus der Unterstufe gehandelt. Bisher habe er über die Vorfälle geschwiegen, nun sei es aber Zeit, der "Scheinheiligkeit in der katholischen Kirche entgegenzutreten", begründete der heute knapp über 40-Jährige seinen Gang an die Öffentlichkeit.
Auch derStandard.at liegen Berichte eines ehemaligen Schülers vor, der die alltägliche Gewaltausübung bestätigte.
Abt war über die drei beschuldigten Patres nichts bekannt
Der Abt des Stiftes, Ambros Ebhart hatte am Mittwoch erklärt, dass ihm bisher Derartiges über die drei beschuldigten Patres nicht bekannt war. Aber: "Es ist schon so manches Gerücht gesagt worden", räumte er ein. Man könne für niemanden die Hand ins Feuer legen. "Wenn sich Betroffene auch an uns wenden, werden wir dem nachgehen", kündigte der Abt an. Wenn Opfer anonym bleiben wollen, könnten sie sich auch bei der Diözesanen Kommission gegen Missbrauch und Gewalt melden.
Auch die Diözese will aktiv werden: "Das Opfer wird gehört, die Täter werden damit konfrontiert", heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme. Sollten strafrechtliche Gegebenheiten auftauchen, werde man entsprechende Schritte einleiten. Eine restlose Aufklärung derartiger Fälle sei auch im Interesse der Kirche. (APA,red)