Polizist kann Schuss nicht erklären

Gudrun Springer, 10. März 2010 20:16

Beamter widerspricht Angaben von Tatrekonstruktion - "Ich wollte nicht als Trottel dastehen, als Polizist, der nicht weiß, wie was war"

Beim Prozessauftakt gegen den Polizisten, der in Krems einen 14-jährigen Supermarkteinbrecher erschossen hat, sagte der Angeklagte, er habe im Dunkeln Angst gehabt. Er bekannte sich "nicht schuldig".
Gudrun Springer aus Korneuburg 

***

Es war der zweite Alarm im 24-Stunden-Dienst des Polizisten: Nie zuvor, sagt der Beamte Andreas K. im Landesgericht Korneuburg am Mittwoch, habe er einen Alarm erlebt, der sich dann als "echt" herausstellte. Bis zum 5. August 2009.

Drei Jahre Haft drohen

Bei dem Einsatz wurde ein 14-Jähriger von K. erschossen. Der Bursche war mit dem damals 16-jährigen Roland T. vermummt in das Geschäft in Krems eingedrungen, mit dem Ziel, im Büroraum den Tresor zu knacken. Die Beamten durchkreuzten jedoch das Vorhaben. Die Staatsanwältin wirft K. "fahrlässige Tötung unter besonders gefährlichen Umständen" vor. Er habe laut Anklage das "gerechtfertigte Maß der Verteidigung aus Furcht oder Schrecken überschritten". Ihm drohen bis zu drei Jahre Haft.

Verteidiger Hans-Rainer Rienmüller: "Wir müssen aufpassen, dass nicht Unrecht zu Recht und nicht Opfer zu Tätern und Täter zu Opfern werden." Der Angeklagte bekennt sich "nicht schuldig".

Licht war ausreichend

Warum K. das Hauptlicht im Supermarkt nicht aufgedreht hat, will der Richter zuallererst genau wissen. Dienstvorschriften gebe es in diese Richtung nicht. Die Beleuchtung im Verkaufsraum sei ausreichend gewesen, so K. - wie auch Fotos, die im Gerichtssaal gezeigt werden, bezeugen.

Aus Routineeinsatz wurde Ausnahmesituation

Als K., seine Kollegin und ein Supermarktmitarbeiter mit Generalschlüssel durch die Verkaufshalle in einen Verbindungsgang zu den Lagerräumen gelangen, wird aus dem vermeintlichen Routineeinsatz eine Ausnahmesituation: Dort ist es finster, nur die zwei Taschenlampen der Beamten erleuchten die Nische, in der sie zwei Jugendliche entdecken. Die Burschen springen auf.

"Habe nur an Flucht gedacht"

K. sagt, einer habe ihn mit einer Waffe über dem Kopf bedroht. Die Einbrecher hätten einen Schraubenschlüssel und eine Gartenhacke bei sich gehabt. K. habe "Halt, Polizei!" geschrien und einen Warnschuss abgegeben - seine Kollegin dem heute 17-Jährigen ins Bein geschossen. Die Einbrecher seien in den Verkaufsraum gelaufen. Roland T. sagt später, er habe nur an Flucht gedacht. Nach wenigen Metern fiel er verletzt zu Boden. Sein 14-jähriger Komplize Florian P. versteckte sich zwischen Regalen.

Adrenalin im Spiel 

K. betrat als Nächster den Raum. Im Gang habe er Angst gehabt: "Ich wollte nur hinaus." Richter Hohenecker fragt nach: "Warum haben Sie nicht eine der anderen Türen verwendet, sondern sind den Tätern nach?" Ob es "Adrenalin" gewesen sei? Er habe sich sicherer gefühlt wo es beleuchtet war, gibt K. an.

Zunächst sah er den angeschossenen Burschen am Boden liegen. Er sei Geräuschen nachgegangen - mit gezogener Waffe. Da entdeckte er in einem Gang kauernd Florian P. Wieder habe er "Halt, Polizei!" gerufen. P. sei aufgesprungen und habe "zu einer Drehbewegung angesetzt". Etwa gleichzeitig habe den Polizisten wieder ein Geräusch abgelenkt. Er habe mit den Augen nach rechts gezuckt - und abgedrückt. Ob stehend oder kniend, wisse er nicht.

Um einen halben Meter verschossen

Warum er sich aus maximal zwei Metern Entfernung um einen halben Meter verschossen habe, wenn er doch die Beine treffen wollte, will der Richter wissen. K. kann es nicht erklären. Der Beamte hat laut Erhebungen bis auf eine Ausnahme seine vierteljährlichen Schießschulungen besucht. Allerdings: Schießen auf bewegte Ziele bei schlechten Sichtverhältnissen werde dabei nicht geübt, hält Hohenecker fest.

Widerspruch zu Tatrekonstruktion Angaben

Ob K. aus Angst geschossen habe? Er antwortet nicht. In Einvernahmen habe er, so hält ihm der Richter vor, bisher vom "Erzwingen einer Festnahme" gesprochen. Und warum er bei der Tatrekonstruktion Angaben gemacht habe, denen er jetzt widerspreche? "Ich wollte nicht als Trottel dastehen, als Polizist, der nicht weiß, wie was war", antwortet K. Er habe sich die Vorgänge zu dem Zeitpunkt "irgendwie zusammengereimt." Seine Kollegin gibt an, von dem tödlichen Schuss nichts mitbekommen zu haben. (Gudrun Springer, DER STANDARD Printausgabe 11.3.2010)

 

 

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 272
1 2 3 4 5 6
heinz feichtinger
16.03.2010 23:11
Doppeltes Rechtssystem: Bürgers Recht und Polizeirecht

Das eine ist des Bürgers Recht, das andere ist des Staates Recht bzw. der Polizei Recht.
Metternich lebt weiter mit seiner wohl gekonnten Diplomatie in der "weisen" Diplomatie der Richter.

Unnotwendigerweise erschießt die Polizei einen Vierzehnjährigen wegen eines simplen Ladeneinbruchs - man erschießt ihn aus zwei Metern Entfernung in den Rücken, um seine Flucht aus dem Leben zu dokumentieren, dem andern knallt eine Polizistin auch von hinten nieder und weil dieser mit 17 Jahren schon "amtsbekannter" war bekommt er dreieinhalb Jahre unbedingt wegen dieses Einbruchs.
Die Polizistin erhält als Belohnung einen Freispruch und der tötende Beamte, der so tödlich treffsicher ist, acht Monate auf Bewährung. Ein Freibrief für
"Feuer frei !"

kakophobikerin
14.03.2010 10:21

also damit auf 2 m schlechte sichtverhältnisse zusammenkommen, müsste es schon extrem nebelig sien.
wen interessiert also ob schiessen bei schlechter sicht geübt wurde? auf 2 m ist die sicht immer super.

Der Neugierige
12.03.2010 09:35
Na, paßt den Herrschaften vom Standrad mein Posting nicht?!

grandia
12.03.2010 12:07
so neugierig bist du, wa?

Queen of Sheba
 
11.03.2010 21:24
Eine Gartenharke ist keine Gartenhacke.

hilde peymann
11.03.2010 19:07

was ist eigentlich mit dem filialleiter ?

Walter Kaiser
 
29.12.2010 17:44
Und was ist mit der Oma vom Redakteur des Standard?

Freigeist78
11.03.2010 12:36

Könnte der Richter theoretisch gegen den Antrag der (weisungsgebundenen) Staatsanwaltschaft ein Vorsatzdelikt feststellen?

Wittgenstein vs Popper
11.03.2010 14:40
Überschreitung der Anklage

Es kann nicht über mehr geurteilt werden, als angeklagt ist. Sonst wurde jedenfalls ein Nichtigkeitsgrund des Verfahrens vorliegen.

Mit Karriereüberlegungen des Dr. Manfred Hohenecker hat dies nichts zu tun. Er eckt eher gerne an und ist alles andere als angepasst.

Es würde auch eklatant der Gewaltenteilung widersprechen, wenn das Gericht über etwas urteilen würde, was von der StA nicht angeklagt ist; vgl aber auch die einschlägigen StPO Bestimmungen zu den Nichtigkeitsgründen.

Lazy Jones
11.03.2010 12:55
wenn er auf seine Karriere pfeift vielleicht ...

aber wer tut das schon - siehe http://www.kleinezeitung.at/kaernten/... stiz.story

"Wie sonst ist es erklärbar, dass das Fortkommen in der Richter-Karriere in Österreich noch immer von politischer Fürsprache abhängt?" sagt der Vizepräsident der Richtervereinigung.

hansimglueck3
11.03.2010 12:54
ja

wenn er nachweist dass die polizisten in den dienst gekommen sind und gesagt ham... ha was sagst los uns heid amoi an einbrecher niederballern..

Freigeist78
11.03.2010 13:14

Die Planung wäre nur ein Argument bei Mord, ich rede von absichtlicher schwerer Körperverletzung mit Todesfolge oder Totschlag. Da wäre der Strafrahmen auch höher als bei einer "fahrlässigen Tötung".

Drei Jahre Höchststrafe wenn ein Polizist jemanden in den Rücken schießt sind ja wohl ein Witz.

hansimglueck3
11.03.2010 12:13
wäre

ein erwachsener georgier oder rumäne bei dem einbruch erschossen worden würds niemanden interessieren...

Craig Christ
11.03.2010 23:04

Du meinst der Rambo hat einfach nur Pech gehabt?

Mirstetta Toni
11.03.2010 16:57

hätte er einen erwachsenen karl huber aus drosendorf erschossen ebenfalls; oder?

hätte er einen 14 jährigen rumänen erschossen, wäre es das selbe desaster.

es sei bemerkt
11.03.2010 14:15

es würde weniger interesse und beachtung finden, da haben sie recht. das vergehen des polizisten wäre allerdings kein kleineres.
sie tun gut daran auf diese facette hinzuweisen und die kalte gleichgültigkeit mit der die gesellschaft leben sortiert offenzulegen. das war die intention des postings, nehm ich an?

Unten ist da wo das Boot spitz ist
 
11.03.2010 11:53
Dunkelheit, Angst, Erwartungsdruck der Gruppe ...

... in NÖ muß ein Kiwara halt ein harter Hund sein. (Onkel Erwin gibt gerne generelle Schießerlaubnis ...) - Der Wahrnehmungsbereich verengt sich in solchen "Not"situationen, Kampf oder Flucht-Reflex. - Abdrücken!

Das hat das arme Würschtl gemacht, und nun ist einer tot - in den Rücken geschossen!

Keine Ahnung wie sowas zu ahnden ist. Die eigentliche Ursache liegt jedoch ganz woanders.

Ein banales Eigentumsdelikt - war der Auslöser! Das Unternehmen ist versichert ... was soll´s ... Verstärkung anfordern, Licht einschalten und dann erst das Gebäude sichern!

Eines darf nicht vergessen werden! - Ein Jugendlicher (auch wenn er in der Dunkelheit als solcher wohl nicht erkennbar war) ist tot ... und das kann nicht ohne Folgen bleiben.

alexanderletten
 
12.03.2010 00:32
"Ein banales Eigentumsdelikt - war der Auslöser! Das Unternehmen ist versichert ... was soll´s ... Verstärkung anfordern, Licht einschalten und dann erst das Gebäude sichern! "

Frage:
Wie sollte denn die Gebäudesicherung in diesem Fall aussehen?
Wenn bsp.weise die Ausgänge besetzt wurden und die Einbrecher versuchten, noch vor der Verstärkung zu türmen, was wäre dann passiert? Die spekulierten "Vorzeichen" wären ja die gleichen.
Bei der ersten Konfrontation zwischen Einbrecher und Polizei zB. konnten die Täter ev. auch nicht wissen, ob Verstärkung sie überraschte oder nur eine Streife.

mike sierra
12.03.2010 11:21
"ein banales Eigentumsdelikt"?

1. Eigentumsdelikte sind nicht "banal". Sie gelten als Verbrechen.
2. Rechtfertigt andererseits ein Eigentumsdelikt nicht einen tödlichen Schusswaffengebrauch.

Wie? Wo? Was? Rechtsstaat?
11.03.2010 11:20

Das ganze war sicher eine Extremsituation für den Polizisten. Scheinbar war er einfach völlig überfordert. Grob fahrlässig bleibts trotzdem.

Die Schuld ist aber sicher nicht nur beim Polizisten zu suchen. Die Ausbildung muss hier hinterfragt werden, genauso wie das Gejohle des LH Pröll in bester Cowboy-Manier 1-2 Jahre zuvor, als ein Rumäne bei einem Einbruch von Polizisten in NÖ über den Haufen geschossen wurde.

LCD
11.03.2010 13:58
Schuld ist nicht bei dem Polizisten zu suchen?

Ja, klar. Die Kollegen nennen ihn nur zum Spaß "Rambo". Und er hat eine Frau nur aus Gaudi mit der Waffe bedroht!

Quim Barreiros
11.03.2010 14:35

Trotzdem muss hinterfragt werden, wieso Leute bei der Polizei aufgenommen werden, die möglicherweise für den Dienst mit der Waffe nicht qualifiziert sind.

Rambos haben bei der Polizei nix verloren.

Wie? Wo? Was? Rechtsstaat?
11.03.2010 14:19

da steht ja "NICHT NUR"

bitte zuerst lesen

Schüssel Biograf Walter Moers
11.03.2010 12:33

Mit der Überforderung des Beamten haben Sie - hoffentlich - recht.

Aber was an diesem Fall so ein ungutes Gefühl hinterlässt, ist die Arroganz des Systems. Die Art und Weise, wie man den erheblich verletzten Jugendlichen sofort verhört hat, den Beamten aber nicht. Und dann kommt noch diese widerliche Stimmungsmache - von Polizistenkollen??? - dazu. Ganz so als ob Erschießen eine verdiente Strafe für einen einbrechenden Jugenlichen sei. Und eigentlich seien die Eltern für die tödlichen Schüsse zur Verantwortung zu ziehen.

Der Richter wird hoffentlich trotzdem einzig und allein die Tat beurteilen und nicht die unappetitliche Stimmungsmache von gewisser Seite erschwerend für den Beamten bewerten.

Inno Vision
11.03.2010 12:13
Politische Umfärbungen haben das NIveau der Polizei gedrückt

In Linz hat die friedliche 1. Mai Kommunisten Demo mit vielen Verhaftungen und Schlagstockeinsatz geendet. Die Polizei ist weit übers Ziel geknüppelt, gottseidank nicht geschossen.
Dem Polizeipräsidenten obliegt es, als Verantwortlicher eine öffentliche Entschuldigung auszusprechen, für die polizeiliche Panne am hellichten Tag. Auch der ÖVP Landes Pepi hat ohne dabeigewesen zu sein, Partei für die gewaltätige Polizei ergriffen!
Labile Leute, die ungeeignet sind, die sich fürchten, kann man doch nicht alleine auf Streife schicken. Die Polizei braucht vielleicht auch bessere Bezahlung, damit sie nicht mit ungeeignetem Personal und dann mit LÜGEN agieren muss, dass kommt allen viel teurer.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 272
1 2 3 4 5 6

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.