Antike mit dunklen Bärten

10. März 2010 20:04
  • Artikelbild
    Foto: tobis

    Tapfere Kämpferin für die Vernunft: Rachel Weisz als Hypatia im Historienfilm "Agora"

Rachel Weisz in einem Historienfilm von Alejandro Amenábar - Dazu: die weiteren Kinostarts der Woche

Der Spanier Alejandro Amenábar, schon bisher zwischen Neo-Noirs und Melodramen kaum auf einen Nenner zu bringen, versucht sich in "Agora - Die Säulen des Himmels" erstmals an einem Historienschinken:

Rachel Weisz spielt die Philosophin und Mathematikerin Hypatia, sinnliche Personifikation wissenschaftlicher Vernunft, die sich im Alexandria des ausgehenden vierten Jahrhunderts von christlichen Fanatikern umgeben sieht, die ihre Thesen zum Sonnensystem für pure Ketzerei halten.

Amenábar verzichtet immerhin weitgehend auf übliche Heroisierungsstrategien. In üppigen Massenszenen und aus Vogelperspektiven wird ein Christentum gezeigt, das gerade dabei ist, sich mit Gewalt gegen Heiden- und Judentum den Weg ins Mittelalter zu ebnen. Die Analogien zu gegenwärtigen Verhärtungen liegen allzu klar auf der Hand: Die christlichen Parabolani tragen verdächtig dunkle Bärte.

 

Adrenalinkick, Höhenkoller
Die weiteren Kinostarts der Woche

Kathryn Bigelows sechsfach oscarprämiertes Drama um Bombenentschärfer im Irak, "The Hurt Locker", schafft es nun endlich doch ins Kino - OV im Stadtkino Wien.

Robert Dornhelm hat sich mit einer Doku der bewegten Vita von Udo Proksch gestellt (siehe Besprechung).

In Martin Campbells krudem Thriller "Auftrag Rache" ist Mel Gibson den Mördern seiner Tochter auf den Fersen.

Die Bergsteiger-Doku "Zum dritten Pol" berichtet von einem jüdisch-schweizerischen Paar, dem in den 30er-Jahren die Erstbesteigung des Himalaya-Gebirges glückte.

Außerdem kehrt Groschenromanheld "Jerry Cotton" (Christian Tramitz) als Kinoheld zurück und machen "Die Teufelskicker" im gleichnamigen Jugendfilm die Stadt zum Sportplatz. (kam/ DER STANDARD, Printausgabe, 11.3.2010)

 

Kommentar posten
12 Postings
Florian Machl
15.03.2010 23:26
Verwunderlich...

... dass der Standard, der sonst zu allem was Politik und Religion betrifft so viel Schlaues zu berichten weiß, beim doch recht gesellschaftkritischen Film Agora nichts zu schreiben weiß. In dieStandard wird die starke, unabhängige Frauenfigur nicht bejubelt, die sich das eigentlich verdient hätte. Im Kulturteil hat man wohl Angst vor den allzu offensichtlichen Parallelen zu den radikalen Fundamentalisten des Islams, wo man vielleicht ein paar ehrliche Worte verlieren müsste. Ich staune. Aber Geschichte spielt sich in den Köpfen guter Menschen leider nur in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ab, der Rest erscheint ihnen lästiges Beiwerk zu sein.

space_coyote
11.03.2010 10:03
hm,

das war aber ausführlich …

Adam Markus
11.03.2010 00:50

Es dürfte wohl weniger bekannt sein, dass die wahrscheinlich größte Vernichtung von Kunstschätzen (Statuen, Bilder, Mosaike, Gebäude etc.) durch radikale Christen geschah, als diese, zur Staatsreigion erklärt, über hundert Jahre lang alle "Heiden" bekehren wollten.

hurchzua
14.03.2010 21:36
Man sollte nicht alles glauben,

was in Filmen vorkommt.

http://de.wikipedia.org/wiki/Bibl... Alexandria

Cassidorus
 
13.03.2010 14:59
Stimmt - gerade in Ägypten gab es da

eine Brut an Mönchen, die schlichtweg einen Vernichtungswahn hatten. Musterbeispiel der Klostervater Shenute, der im 4. Jahrhundert im Ruch der Heiligkeit stand und mit seiner Schlägerbande über alles "Heidnische" mit einer Gewalt herfiel, dass es einem Attila und Geiserich gegraust hätte. Und die historischen Hypathia, eine offenbar wirklich beeindruckende Frau, ist in der Tat auf Anstiftung des Patriarchen von Alexandria von einer Mönchshorde in Stücke gerissen worden...

hurchzua
15.03.2010 08:07
es gibt keine Quelle, aus der sich eine Beteiligung des Patriarchen ergibt

die Beschützer der Hypathia waren übrigens auch Christen.

Cassidorus
 
18.03.2010 06:28
Na ja, es gibt den ziemlich eindeutigen Bericht des

christlichen Bischofs Synesios von Kyrene, der ein großer Verehrer der Hypatia war und die Schuld an dem Massaker (direkter Ausführer war ein Subjekt namens Petros) dem Patriarchen Kyrillos gab. Ein Beweis dafür, dass man immer differenzieren muss, und es auch Christen gab, die diese Exzesse ablehnten. Hintergrund war ein Machkampf zwischen dem kaiserlichen Statthalter von Ägypten, Orestes, und dem erwähnten Kyrillos von Alexandria, der auch nach anderen Quellen als ausgesprochener Widerling, Perverser und Geistesunlicht geschildert wird (z.B. Kirchenhistoriker Sokrates Scholastikos).

Tethys
11.03.2010 10:04

Der Islam war da bisher auch ganz vorne mit dabei.

Attila der Hunnenkönig
 
11.03.2010 11:24
Naja

Ja, aber sehr viel später. Anfangs haben die Kalifen das antike Erbe bewareb lassen, dh was die radikalen Christen übergelassen haben.

Tethys
11.03.2010 12:35

Das stimmt nur bedingt. Der Islam öffnete sich im Prinzip nur etwa dreihundert Jahre für äußere Einflüsse - aber in derselben Zeit mussten aufgeklärte Köpfe um denselben fürchten, ihre Philosophie wurde als unislamisch verdammt.

Und dass das alles erst später geschah: kein Wunder, sie waren ja auch später dran. Die letzten Jahrhunderte hat sich der Islam in puncto Wissenschaft, Philosophie und Kunst nicht gerade mit Ruhm bekleckert...

Arne Karlsson
11.03.2010 13:28
Ach, und das Christentum schon ?

So gut wie jeder namhafte Wissenschaftler, Philosoph oder Künstler im christlich besetzten Raum hat in den letzten Jahrhunderten massive Probleme mit der Kirche bekommen wenn er sich nicht an deren irrwitzige Regeln hielt

Tethys
11.03.2010 14:24

Lesen Sie bitte die Postings in der richtigen Reihenfolge und posten danach erst.

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.