Die Debatte um den Uni-Zugang verfehlt das eigentliche Thema - Eine Erwiderung
Dieses System ist nur mehr zynisch, asozial und ineffizient", sagt WU-Rektor Christoph Badelt im gestrigen Standard. Richtig, aber seine Ausführungen zeigen auch, dass er im "Drama" seine Rolle auf der Bühne eifrig mitspielt. Denn er spricht nur über das Theaterstück und die Mitspieler. Über die Verwaltung des Mangels an seiner Hochschule. Und wie man die Mangelverwaltung erleichtern könnte. Er verliert sich in den Niederungen. Er spricht jedoch nicht über den Kontext des Dramas. Denn die Debatte wird grundsätzlich falsch und unehrlich geführt. Von allen Seiten. Weder die inhaltlich verantwortlichen Minister der letzten Jahre, inklusive der neuen Wissenschaftsministerin, noch die budgetär verantwortlichen Finanzminister, noch die Rektoren der österreichischen Unis und Fachhochschulen haben je einen ehrlichen öffentlichen Diskurs mit der Gesellschaft über die alles entscheidende Frage geführt:
Wollen wir in diesem Land möglichst viele bestens ausgebildete Menschen? Und damit auch möglichst viele bestens ausgebildete Absolventinnen und Absolventen des tertiären Bildungssektors? Und wenn nein, warum nicht?
Denn eine entwickelte Demokratie westlicher Prägung kann aus ihrer Historie heraus und ihrem Grundverständnis folgend nichts anders wollen, als möglichst vielen Menschen in ihrem Land akademische Bildung zukommen zu lassen. Abseits aller parteipolitischen Ideologien.
Die Folgeeffekte wären ein Erhöhung des generellen Bildungsniveaus der Bevölkerung, verstärkte Innovationskraft, Freisetzen von kreativen Potenzialen, eine Intensivierung des gesellschaftlichen Diskurses und der öffentlichen Reflektion, breiteres bürgergesellschaftliches Engagement usw. - mit anderen Worten: Mehr Bildung hilft Menschen, ihre Potenziale zu heben. Zu ihrem eigenen Wohle und zum Wohle aller. Eine dauerhafte qualitative Entwicklung Österreichs - selbstredend einhergehend mit einer Sicherung und Steigerung des Wohlstandsniveaus in unserem Land. Nicht zu vergessen: Mehr wissenschaftlicher Nachwuchs und mehr wissenschaftliche Höchstleistungen für unsere Hochschulen als Sahnehäubchen inklusive.
Als Staatsbürger, Wähler und als Steuerzahler steht es uns zu, diesen Offenbarungseid von den Verantwortungsträgern einzufordern. Klar Stellung zu beziehen, warum sie eine derartige Entwicklung für Österreich nicht wollen. Denn es geht um Grundsätzliches. Um die Vorstellung, die man von der Zukunft eines Landes und seiner Bevölkerung hat. Oder nicht hat. Oder nicht haben will.
Wo finden sich endlich Menschen in diesem Land, die genug Mut in den Knochen haben, ihr Rückgrat nicht beim Eingang zur jeweiligen Instituten in der sie Spitzenverantwortung übernehmen, abzugeben? Die ihren Beruf als Politiker oder Bildungspolitiker auch als Berufung begreifen. Die aufrichtig und überzeugt erklären, dass höhere Bildungsniveaus - und damit auch akademische Bildung - das beste Fundament sind, auf dem ein Land gedeihlich aufblühen kann. Die ehrlich aufzeigen, dass man dafür ausgiebig Saat ausstreuen und damit investieren muss, um dann auch erfolgreich ernten zu können. Die zu den höheren Kosten stehen und sie im Staatsbudget auch als absolut prioritär verankern. Die diese Grundhaltung auch gegen billigen populistischen Gegenwind aufrecht verteidigen und mühsame Überzeugungsarbeit bei denen leisten, die nicht sofort den unmittelbaren Vorteil für sich selbst sehen.
Der von Ex-Minister Hahn ins Rollen gebrachte Hochschuldialog wäre ein ideales Forum, diesen notwendigen gesellschaftlichen Grundkonsens zum Thema Bildung in die öffentliche Diskussion einzubringen. Und damit die verantwortlichen Repräsentanten in die Pflicht zu nehmen. Dann würden wir endlich wissen, woran wir in Österreich sind. Stattdessen erleben wir täglich ein immer visionsloseres Drama. Brauchen würden wir eine dramatische Vision. (Harald Mahrer, DER STANDARD, Printausgabe, 11.3.2010)
Zur Person
Harald Mahrer, ehemals ÖH-Vorsitzender an der WU, ist Wirtschaftsberater in Wien