Siedlungsbau in Ostjerusalem

Nahost-Tragikomödie

Gudrun Harrer, 10. März 2010, 19:12

Eine Woche später wäre die Erregung über Israels neue Bauprojekte ausgeblieben

In der großen Nahost-Tragikomödie wurde diese Woche wieder einmal eine besondere Vorstellung geliefert. Tieftraurig verkündeten internationale Stimmen am Mittwoch, dass der israelische Schritt, 1600 neue Wohnungen im nach internationaler Rechtsauffassung besetzten Ostjerusalem zu bauen, die Wiederaufnahme des Friedensprozesses erschwere. Verurteilungen vor allem aus der EU prasselten über die Häupter der israelischen Regierung - die selbst die Hände rang über die bös-dumme Baukommission und deren unzeitgemäße Bekanntgabe des Projekts während des Besuchs des US-Vizepräsidenten.

Damit treffen die Israelis natürlich den Nagel auf den Kopf. Denn es geht allen - außer den Palästinensern - eben nicht so sehr um die Sache, sondern um das Timing. Eine Woche später, wenn Joe Biden, ein Freund Israels ohne Wenn und Aber, wieder weg gewesen wäre, hätten die Baupläne weit weniger Wind gemacht. Es war ganz einfach nur ungeschickt. Mehr als die 112 Wohnungen im Westjordanland, die ebenfalls erst am Montag bekanntwurden, konnte nicht einmal Biden schlucken, ohne sich zu verkutzen. Die selbsterstellten israelischen Bau-Moratoriumsregeln verletzen übrigens beide Projekte nicht.

Die ganze Geschichte ist auch ein guter Einblick in die Verhältnisse innerhalb der israelischen Regierung. Zwar streute sich der Schass-Innenminister Eli Jischai, der für die Kommission verantwortlich ist, am Mittwoch selbst Asche aufs Haupt, aber bei seiner Klientel konnte er gewiss punkten. Auch wenn Biden persönlich noch so sehr als israelloyal akzeptiert wird, bleibt die Regierung von Barack Obama für die israelische Ultrarechte ein Feindbild. Man muss ihr zeigen, wo es langgeht - und sich dadurch von diesem unsicheren Gesellen Bibi Netanjahu abgrenzen, der 1997 schon einmal umgefallen ist und 80 Prozent von Hebron aufgab.

Wie es jetzt also weitergeht mit dem sogenannten Friedensprozess? Am ehesten: gar nicht. Aber das war vor dem Eklat nicht anders. Er bringt nur eine gewisse Schärfung des Blicks auf die Bühne, auf der sich das alles abspielt.

Ob das eine gute Nachricht für Israels Rechte ist, sei dahingestellt. Die Zeitung Haaretz brachte in den vergangenen Tagen zwei besonders interessante Meldungen: In einer hieß es, dass die USA Netanjahu zugesagt hätten, dass Gespräche mit den Palästinensern nicht dort anzufangen hätten, wo Israelis (die Regierung Ehud Olmert) und Palästinenser im von George Bush initiierten Annapolis-Prozess aufgehört hatten. Die andere Meldung war jedoch, dass die USA den Palästinensern zugesagt hätten, dass sie ehrlich jenen benennen würden, an dem die Gespräche scheitern.

Und wohin dieser Zug geht, weiß jeder, auch wenn selten offen darüber gesprochen wird. Die Stimmen werden lauter, auch in der EU, die für eine Anerkennung eines einseitig ausgerufenen Palästinenserstaates plädieren, wenn dieser auf dem Verhandlungsweg nicht erreicht werden kann. Wie alle unilateralen Schritte wäre auch das eine sehr gefährliche Angelegenheit, mit unberechenbaren Folgen.

Es gibt ein einziges Mittel, diese Gefahr abzuwenden, und das sind echte, sinnvolle Verhandlungen. Das derzeitige Theater fällt nicht darunter. Danke an die Baukommission, dass sie das transparent gemacht hat. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, Printausgabe 11.3.2010)

 

Kommentar posten
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robinsons freitag
12
11.3.2010, 23:20
@ guen ter: Selbstverständlich ist Jerusalem keine rein Jüdische Stadt!


Die Hälfte der Stadt wurde per UNO Beschluss Israel zuerkannt, die andere Hälfte den Palästinensern.
Was gibt es da zu deuteln? Das ist gültiges internationales Recht.

Die von Ihnen genannten drei Beispiele stammen aus der ersten Hälfte des 20. Jhdt, also vor Gründung der UNO und vor den Menschenrechten, beides etabliert um eben solche Eroberungen zu verhindern, bzw. diese niemals zu legalisieren.

Internationales Recht muss eingehalten werden, sonst steht uns allen Genozid, Anarchie und Wahnsinn, weit schlimmer als im WK II bevor.

Israel ist dzt. Dank historisch einmaliger Hilfe durch USA und D unbesiegbar und arrogant.
Aber nichts währt ewig. Daher wird auch Israel noch mal die UNO dringend brauchen.

Dubi Schlau
01
12.3.2010, 09:46
Die Hälfte der Stadt wurde per UNO Beschluss Israel zuerkannt, die andere Hälfte den Palästinensern.

Falsch! Lesen Sie nach.

Bsp.: http://de.wikipedia.org/wiki/Jerusalem

robinsons freitag
20
12.3.2010, 11:10
Ja, schon. Aber da Israel sich bereits 1948 nicht an die UNO-Beschlüsse hielt, gab es de facto ein Demarkationslinie, die Israel 1967 überschritt.

Makronaut
11
12.3.2010, 12:35
isr war das EINZIGE betroffene land, dass sich '48 an die betreffende un-resolution gehalten hat.

guen ter
24
11.3.2010, 19:29
Jerusalem war bereits 1000 v. Chr. die Hauptstadt des Staates Israel

Eine Stadt gehört immer dem, der sie erobert hat. König David hat etwa 1000 v. Chr. Jerusalem erobert. Jerusalem ist nicht arabisch, sondern jüdisch. Und war es auch immer. Die Palestinenser sollen sich Ramallah oder eine andere Stadt als Hauptstadt suchen. Jerusalem als Hauptstadt der Araber passt nicht, ist historisch ein Unfug. Mit dem Krieg 1967 - den nicht Israel, sondern die Araber wollten - hat der Staat Israel Jerusalem erobert und jetzt gehört Jerusalem zum Staat Israel.
Kein Staat der Welt gibt freiwillig im Krieg gewonnenes Land her. Italien hat nie Südtirol, Frankreich hat nie Elsass-Lothringen, Russland hat nie Ostpreussen zurückgegeben usw. usw. Israel hat Jerusalem in einem Verteidigungskrieg gewonnen und soll es behalten.

Josef Grahner
00
15.3.2010, 16:06
Machen wir doch auch die Völkerwanderung rückgängig

- das wär' ein Spaß.

Artischoke
00
15.3.2010, 02:33
Wenn ein Argument zu Gebietsansprüchen mit 1000 v. Chr. anfängt werd ich skeptisch.

Und das Palästinensergebiet ist eben kein Staat, weder rechtlich noch tatsächlich. Das Verhältnis Israel - Palästina ist viel zu asymmetrisch. Israel hat deswegen auch eine Verantwortung für die Palästinenser. Deswegen zählt das Argument mit "im Krieg gewonnen, darf ich behalten" hier nicht. Das ist ein Argument aus dem Kontext der Machtpolitik verschiedener Staaten.

keep cool
00
13.3.2010, 13:09
Neue Grenzziehung wie im Altertum?

Auch wenn König David 1000 v. Chr. Jerusalem eroberte, kann das heutige Israel daraus sicher kein Recht auf
alleinigen Anspruch der Stadt stellen! Ebensowenig die Christen, die J mit grausamen Kreuzzügen eroberten und Muslims nach diversen arabische Einnahmen! Gewonnene Kriege egal welcher Art begründen nicht automatisch das Recht andere zu vertreiben! Auch Israel konnte in einem "Verteidigungskrieg" die Stadt J nicht "gewinnen" sondern nur erobern!
In der heutigen Zeit sollte der Schutz der Schwachen vor dem Recht der Stärkeren stehen!

whoreswhisperer
00
12.3.2010, 09:34
grün!

keep cool
01
11.3.2010, 18:39
Israel wird langsam unglaubwürdig!

An der Gründung eines neuen Palästinenserstaats mit dem besetzten Ostjerusalem als Hauptstadt - geht zur Befriedung des unseligen Nahost-Konflikts kein Weg vorbei! Dass ausgerechnet in der Phase des von Obama eingeleiteten Friedensprozesses massive Baupläne für 1712 neue Wohnungen für Israelische Siedler bekannt werden, schlägt dem Fass den Boden aus. Israel soll endlich bekennen, ob es pro Frieden und Koexistenz mit der Palästinensischen Bevölkerung in der Region ist oder ob es den permanenten Krieg und Vertreibung der Palästinenser im Schilde führt! Die USA und die EU sollten mehr politischen - wenn notwendig auch wirtschaftlichen Druck ausüben, damit sich endlich was bewegt!

joh_14
00
11.3.2010, 20:05
wie kommen Sie auf die Idee,

dass ein Pal.staat mit O-Jerusalem als Hauptstadt den Nahen Osten befrieden wird? Können Sie garantieren, dass wenn so ein Staat gebildet wird, Israel anerkannt wird? Dass Israel nicht vernichtet werden soll, wie das mindestens 1 x die Woche zu hören ist? Lesen Sie auch manchmal arabische Quellen wie "palwatch"? - wenn eine Staatsgründung Frieden bringen würde, dann würde es ihn schon lange geben.

keep cool
00
13.3.2010, 12:11
Blockiert hier die Angst am scheitern oder der Willen zu verändern?

Wer nur das schlimmste annimmt, statt ernsthaft und ohne Tricks zu verhandeln, wird nichts erreichen! Natürlich muss gegenseitige Anerkennung und Respektierung - Voraussetzung aller Verhandlungen sein! Wen die israelische Siedlungspolitik der Hardliner weiter fortgesetzt wird, wird die Lösung des Konflikts illusorisch!

joh_14
00
13.3.2010, 13:18
und wenn die Hamas nicht aufhört

Israel als Land und Volk abzulehnen, so wird es auch keinen Frieden geben. Schade, dass Sie einseitig argumentieren ... es gehören IMMER zwei dazu

daemeth
00
22.3.2010, 08:44

natürlich gehören immer zwei dazu. nur wenn die palästinenser wieder aus ihren lagern in freiheit leben dürfen und über ihr land verfügen, dann werden auch hardliner wie die hames ein schweres spiel haben.

dafür müsste aber israel endlich ihre politik überdenken und sich gegen die siedler im westjordanland aussprechen.

Mc Gregger
01
11.3.2010, 18:23
Eine Tragödie auf alle Fälle

war 2x in Israel, ein wunderschönes Land, nur leider historisch so überfrachtet, dass mE kein Friede möglich ist, egal was man versucht.Es hat jeder recht, wie jeder unrecht hat.Ich bezweifle, ob langfristig die einseitige Parteinahme der USA für ISR nützlich ist. Die Parteinahme schadet beiden ganz massiv:die PAL bilden den Mythos gegen eine Weltmacht zu kämpfen, die ISR halten sich mit Hilfe der USA f unbesiegbar. Beides wird nicht ewig dauern, und was dann? Wieder Vertreibung? Wieder alles von Anfang an? Hass, Zorn u Ohnmacht auf PAL Seite sind ausreichend vorhanden u es ist eine gefährliche Mischung. Nicht auszudenken, wenn sich alles entlädt, was sich momentan noch nicht entladen kann. Weise Leute sind gefragt, auf beiden Seiten!!

omar chamra
01
11.3.2010, 16:23
Man beachte, wieviel Raum die Medien diesen Siedlungen und wieviel den ueber 500 in Nigeria massakrierten Christen widmen

und da kommt man drauf. Dass ueber ein paar Haeuser mehr in der Westbank um ein vielfaches mehr berichtet wird, als ueber hunderte von massakrierten Christen.
Sollten nicht Menschenleben mehr gelten, als ein paar Haeuser?

Makronaut
01
11.3.2010, 15:50

"Die selbsterstellten isr Bau-Moratoriumsregeln verletzen übrigens beide Projekte nicht."

na sieh mal an.

die isr haben also nichts an den bedingungen geändert, unter denen die pal für indirekte gespräche zugestimmt haben.

ich freue mich ja über alles, was die usa dazu brinegn könnte, druck auf die isr auszuüben - aber den pal scheint es auch nicht wirklich ernst mit gesprächen zu sein.

Protagoras v. Abdera
11
11.3.2010, 15:19
Echte faire Verhandlungen kann es mit dieser rechtslastigen israelischen Regierung nicht geben

Das läuft dem politischen Kalkül der Scharfmacher entgegen. Was der EU und den USA bleibt, ist den politischen Druck auf Israel zu erhöhen, dáran könnte die Regierung zerbrechen. Anschließende Neuwahlen und vor allem ein Personalwechsel im Likud könnten die Perspektiven des Friedensprozesses verbessern

d_parker
00
14.3.2010, 22:04
Ihnen ist aber schon klar, dass jegliche Siedlungsräumung/Gebietsaufgabe seitens Israel von "rechtslastigen" Regierungen erfolgte...

Ceterum Censeo2
10
11.3.2010, 17:31
Irgenwann kann man den Bogen auch überspannen

Diese gezielten Demütigungen der US Administration werden ihre Wirkung nicht verfehlen. Ich könnte mir vorstellen, dass Obama schon ein ganz anderes strategisches Konzept für den Nahen Osten im Kopf hat. Jede Änderung wird Israels Position schwächen.

Functio Laesa
15
11.3.2010, 13:40
Und jetzt wissen wir auch

warum die USA in so vielen Regionen der Welt irgendwie sehr sehr unbeliebt ist. Sind ja den Israelis eng verbunden. Israel macht halt jetzt das was andere Völker vor ihnen auch schon gemacht haben - Umvolkung! Irgendwie wiederholt sich die Geschichte immer - aber eben in anderen Regionen bei anderen Völkern. Jedes Volk darf anscheinend mindestens einmal Opfer und Täter sein. Das gehört wohl zur Entwicklung der Menschheit dazu. Blöd nur wenn dann die div. Nachbarländer Israels drann sind, die Täterrolle anzunehmen. Aber dann wird Israel ohnehin von der BRD geholfen denn Fr. Merkel hat ja schon die Sicherheit Israels zur Staatsräson erklärt. Freunde braucht man!

Makronaut
01
11.3.2010, 15:44

die araber waren bereits dran. oder haben sie '48, '67 und '73 "vergessen"?

davon abgesehen würde ich 5000 neue wohneinheiten für araber in jerusalem nicht direkt als "umvolkung" bezeichenen.

aber hej - wenn man die j hassen kann ist einem jeder vergleich recht, oder?

daemeth
00
22.3.2010, 13:04

wieviele juden wurden seit 1948 angesiedelt? knappe 290000? also wenn das keine umvolkung ist...was dann?

Makronaut
00
22.3.2010, 15:22

'48 wurden sämtliche j aus ost-jerusalem vertrieben.

stimmt: umvolkung.

Josef Grahner
37
11.3.2010, 13:03
Prioritäten

Wie schön wäre es, wenn der Bau einiger Wohnhäuser auf besetztem Gebiet tatsächlich das größte Problem wäre.

Dies ist jedoch nur die Fortsetzung des jahrzehntelangen Landraubs.

Die desolate Lage der Menschen in Gaza, deren Leiden nicht einmal erwähnt werden darf, wird ohnehin weiter hingenommen.

Der "Siedlungsbau" hat für die israelische Rechte Priorität - und ist damit innenpolitisch wirksam.

Die eigentliche Priortät für Netanyhus Regierung ist aber die Kriegsplanung gegen den Iran.

Die verletzten Gefühle des US Vizepräsidenten wiegen leicht gegen die entsetzliche Katastrophe für die Region und die Welt, wenn die Kriegsplaner sich in Israel durchsetzen.



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