Vorrevolutionäres Klima: Orbáns Gratwanderung

Josef Kirchengast, 10. März 2010, 17:45

Der wahrscheinliche künftige Premier Orbán kündigt einen Systemwechsel an und treibt damit der Jobbik Wähler zu

In Ungarn liegt wieder einmal eine Revolution in der Luft. Vielleicht aber auch nicht. Nach den Parlamentswahlen, deren erster Durchgang in einem Monat, am 11. April, stattfindet, soll alles anders werden. Das verspricht Viktor Orbán, Ex-Premier, Chef der rechtsnationalen Partei Fidesz und so gut wie sicher künftiger Regierungschef.

Wie genau dieser "Systemwechsel" aussehen soll, sagt Orbán nicht. Seine Geringschätzung für das parlamentarische System ist freilich bekannt. Die sozialliberale Regierung des früheren Premiers Ferenc Gyurcsány versuchte er mit wochenlangen Aufmärschen vor dem Parlament zu stürzen. Mit einem Referendum erzwang er die Rücknahme von Gebührenerhöhungen im Gesundheitssystem und trug damit zur Explosion des Budgetdefizits bei, die Ungarn an den Rand des Staatsbankrotts brachte.

Jetzt sagte István Stumpf, ein enger Vertrauter Orbáns, im Gespräch mit österreichischen Journalisten, die Verantwortlichen für acht Jahre sozialistischer Regierung müssten "zur Rechenschaft" gezogen werden. Stumpf war in der Regierung Orbán 1998-2002 Minister im Amt des Premiers, "in einer sehr starken Position" . Über das Wie dieser Abrechnung hält er sich bedeckt.

"Man kann Angst haben. Ich persönlich habe keine Angst" , sagt Vilmos Szabó, Staatssekretär im Budapester Außenministerium, Abgeordneter der noch regierenden Sozialisten (MSZP) und Direktkandidat bei den kommenden Wahlen im ersten Bezirk des Stadtteils Buda. Die Fidesz-Rhetorik - "Den anderen vernichten" - sei nicht neu. Er sei schon neugierig auf Orbáns Wende: "Vielleicht will er ein Einparteien-System? Das hatten wir schon." Als EU-Mitglied habe Ungarn jedenfalls die demokratischen Grundrechte zu garantieren. Sollte Orbán mit einer (möglichen) parlamentarischen Zweidrittel-Mehrheit im Rücken wirklich ein neues System aufbauen wollen, "dann wird es zu einer schweren Krise kommen" .

Ob von Wahlkampftaktik oder einer längerfristigen Strategie bestimmt, Orbáns Wende-Rhetorik ist höchst riskant. Das zeigen neueste Umfragen wie jene des Magazins hvg. Demnach ist die rechtsextreme Partei Jobbik ("Die Besseren" ) mit 15 Prozent der MSZP (18 Prozent) bereits sehr nahe gekommen. In der Nordost-Region Észak-Magyarország, wo die Arbeitslosigkeit besonders hoch ist, liegt Jobbik mit 19 Prozent bereits auf Platz zwei. Fidesz kann landesweit auf 63 Prozent Zustimmung zählen, allerdings mit leicht fallender Tendenz. Jobbik hingegen hat gegenüber der letzten Umfrage um fast 50 Prozent zugelegt.

Orbán scheint damit Gefangener seines eigenen Kurses zu werden. Verspricht er weiter eine radikale Wende, dann könnte er damit gemäßigte Wähler abschrecken, auch angesichts der wirtschaftlichen Stabilisierung unter dem gegenwärtigen parteilosen Premier Gordon Bajnai. Fidesz-Vertreter haben freilich bereits in einem Treffen mit einer Delegation des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Budapest den künftigen budgetären Spielrahmen ausgelotet.

Jene aber, die wirklich eine Wende wollen, hin zu einem autoritären System wie etwa in Russland, gehen lieber zum Schmied als zum Schmiedl. Also zu Jobbik-Chef Gábor Vona. Der wirft Orbán vor, trotz seiner Rhetorik zum Establishment zu gehören und insgeheim schon eine Koalition mit den Sozialisten zu basteln. In der Skala der 25 beliebtesten Politiker liegt Vona immerhin an 10. Stelle, Tendenz steigend.

Er fürchte, dass Jobbik starken Zulauf aus der Erwartung heraus bekomme, dass Fidesz letztlich das Gleiche machen werde wie die Sozialisten, meint Almos Kovács, Staatssekretär im Finanzministerium. Woher dieser Zulauf vor allem kommt, erläutert Sándor Gallai, Wirtschaftsdozent an der Budapester Corvinus-Universität: Unter-40-Jährige, auch Studenten und Akademiker, mit wenig Sympathie für die Demokratie und - nur scheinbar paradox - Nostalgie für das kommunistische System, in dem es mehr soziale Gleichheit gegeben habe.

Inzwischen hat Orbán die Gefahr von rechts außen erkannt. Er erhöht den Einsatz und stellt die Wähler vor die Alternative: "Kleiner Sieg - kleiner Wandel, großer Sieg - großer Wandel." Dabei müsste ihm ein deutlicher Jobbik-Erfolg gar nicht so ungelegen kommen. Dann könnte er sich den Ungarn als Kraft des Ausgleichs präsentieren, quasi zwischen rechten Desperados und linken Versagern. Wandlungsfähigkeit hat er in seiner politischen Karriere ja hinlänglich bewiesen. "Orbán als sozialer Konsolidierer? Das ist nicht unmöglich, das ist Teil des Spiels" , sagt sein Intimus Stumpf ganz unumwunden. (Josef Kirchengast, DER STANDARD, Printausgabe 11.3.2010)

Kommentar posten
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Christoph ************
00
10.4.2010, 16:17

Muss man sich um die Demokratie in Ungarn Sorgen machen? Diese Frage meine ich vollkommen ernst ohne einen Hauch von Ironie.

memoiyo
 
01
27.3.2010, 15:09
ganz schon was los in Ungarn...

...aber interessant, dass mit "Lehet Más a Politika" ein Schritt in eine andere Politikkultur getan wird, wie mir scheint: von ONG zur Politik... und Politik der Mitbestimmung.
Interessante Option. Zumal die Chance, sich zu etablieren jetzt hoch ist: so genannte Sozis versagen, seltsame Populisten vor der Machtuebernahme, die bis zur verfassungsaendernden Mehrheit gehen koennte... wichtig, dass da noch andere Kraefte im Parlament sein werden!
(Ich gehe mal davon aus, dass "Jobbik" spaeter eh verboten wird - oder sich als rechte Partei in Selbstzerfleischung ergeht, wie z.B. in Deutschland regelmaessig.)

zinn glaeckl
00
27.3.2010, 01:38
Orbán und Vona -

welcher von beiden ist die Pest
und welcher ist die Cholera?

Mormoloc
00
Ich fürchte... beides die Tollwut.

Piefke2006
01
20.3.2010, 00:35
Sieht so aus...

als ob Russland wieder einmal Europa retten, äh befreien muss... Putin wärme mal schon mal Deine Jungs auf, dass Spiel kann bald beginnen...

Detektiv Conan
00
19.3.2010, 20:12
Jobbik

Eh,... wer behauptet eigentlich, dass Jobbik "die Besseren" heißt, oder irre ich mich...

Alphysiker
00
21.3.2010, 23:11

Jobbik kann heissen "die Bessere" oder auch die Rechtere". Aber es ist eine Verkurzung von Jobboldali Ifjusagi Kozosseg (Verein der rechtorientierte Junge).

matt mei
54
19.3.2010, 08:40
Fidesz

Die Fidesz ist die einzige Partei in Ungarn die dem Land wieder Ordnung, Stabilität und Selbstvertrauen vermitteln kann. Sie wird die Wahlen gewinnen, daran besteht kein Zweifel. Nur die Höhe (2/3 oder einfache Mehrheit) ist noch unbekannt. Ab dem 25.04. wird Ungarn endlich wieder eine vernünftige Regierung bekommen.

G e o r g
33
20.3.2010, 15:02

Diese dumpfen Parteipostings sind doch lächerlich. Und für eine national-konservative Partei wie die Fidesz sind sie gleichzeitig gefährlich.

Alphysiker
32
20.3.2010, 17:23

das ist keine Parteiposting. Die Mehrheit Ungarns denkt so heute. Und das hat nicht mit den Vorteilen Fidesz zu tun, sondern mit den Nachteilen der SzDsz-MSzP Regime von 2002-2010. Was passiert in Ungarn heute ist eine Tragodie zu ale Niveau. Die ungarische Wirtschaft war bis 2002 an dem Spitze der Ostblock. Heute ist es mit Albanien vergleichbar.

Sonst es ist eine blode Kritik vom Standard dass Fidesz kein Program hat. Die algemeine Linie des Programs ist klar: kleine Firma zu starken, die Wirtschaft mit weniger Steuer stimulieren, die ungarische Wirtschaft im Richtung Ost zu offnen. Aber man weist nicht die Zustands der Wirtschaft, weil die Sozis falsifizieren die Nummer. Ohne diese kan man keine genau Program schreiben.

zinn glaeckl
21
27.3.2010, 01:46
. . . die politik der fidesz ist klar -

wie schon gehabt tüchtig in die eigene tasche wirtschaften.

globetrottel
11
21.3.2010, 22:06

Lieber Fiesiker, über den Rest Ihres Postings eine Diskussion anzufangen ist sinnlos, aber "Die ungarische Wirtschaft war bis 2002 an dem Spitze der Ostblock. Heute ist es mit Albanien vergleichbar. " ist schlicht und ergreifend falsch. Lassen Sie das.

G e o r g
11
21.3.2010, 19:42

Sorry, aber wo schreibt der Standard, dass Fidesz kein Prgramm hätte? Und nur weil eine Mehrheit so denken soll, ändert nichts am Propaganda-Charakter des obigen Postings.

Alphysiker
00
21.3.2010, 20:52

"Wie genau diese Systemwechsel aussehen soll sagt Orban nicht."

Alphysiker
53
18.3.2010, 06:14
Orban der Teufel, alle die n icht pro SozLib sind sind Rassisten, Nazis, Anti-Semiten, und BLA BLA LBA: die Manicheismus ist zuruck!

Es macht mir Spass die "linke" Poster zu sehen. Sie haben keine vernunftige Argumenten, oft sie kennen Ungarn nicht, aber kommt die ubliche Blodsinn: "Nazis, Rassisten, Anti-Semiten, Autoritarstil, Orban der Teufel", und BLA BLA BLA. Naturlich, das heisst nur dass die Linke in Ungarn in eine Ecke sind, deswegen haben die Pro-Linke ihre Vernunft 100% verloren. Hoffentlich wird es weiter so gehen! Hurra!

Es sind schon gute Nachrichten dass MSzP-SzDSz-MDF so unbeliebt sind. Die letzte Problem fur Fidesz ist die Jobbik (Ungarns beliebste Linkspartei momentan). Aber wann die Wirtschaft wird wieder gut, dann wird Jobbik keine Wahlern haben.

G e o r g
00
20.3.2010, 15:04

Peinlich, peinlich.

Piefke2006
13
20.3.2010, 00:37
... Horthy ist

wieder am posten?! Warum wechseln Sie nicht Ihren Nick und treten offen auf statt sich hier zu verstecken?!

dreyfusard
34
17.3.2010, 15:18

dieses verdammte nazipack. es ist eine schande!

Piefke2006
02
20.3.2010, 00:37
... so

ist es!

Käptn'
51
16.3.2010, 16:05
Ich verstehe nicht:

Warum steht die Mehrheit der Leser (=Sozialdemokraten) automatisch hinter MSZP (und SZDSZ)?

Als ob die ungarische MSZP etwas mit Sozialdemokratie zu tun haben würde...

globetrottel
38
17.3.2010, 07:25

Nein, werter käpt'n, das ist genau das dauernde Missverständnis :
Die Mehrzahl der liberal-demokratisch-(links) denkenden Leser steht nicht HINTER MSZP, sondern GEGEN den nationalistischen, autoritären, führerorientierten, intoleranten, primitiv-populistischen Martialstil von Fidesz (und natürlich erst recht Jobbik).
Das ist ein gewaltiger Unterschied.

matt mei
42
19.3.2010, 08:26

sehr geehrter globetrottel,
immer wieder die selben platidüden zum fidesz: nationlistisch, autoritär..... wenn einem nichts mehr einfällt, kommt sowas. das hat nichts mehr mit vernünftiger argumentationen zu tun.

globetrottel
14
19.3.2010, 16:50

Werter matt mei,

tut mir leid, nicht Ihr Einverständnis zu finden. Die laufende Beobachtung der Aussagen von Fidesz und den Fidesz unterstützenden Medien zeigt jedoch sonnenklar, dass es leider objektiv so IST. Um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, bedarf es nicht einmal irgendeiner grundsätzlichen linken Denkweise.
Ich würde mir auch wünschen, von Fidesz Inhalte, wohl abwägende Argumente, klar durchdachte Aussagen zu hören - als sinnvollen Gegenpol zu den recht ärmlichen Sozis. Ist aber eben nicht.

Ibsen
01
17.3.2010, 13:33
So ist es!

Käptn'
31
17.3.2010, 09:41

Jujj, jujj, jujj... Ist das nicht zu viel auf ein mal?

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