STANDARD-Interview

"Der Vatikan ist fehlgeleitet und blind"

09. März 2010 21:05
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    Foto: privat

    Auch im Salzburger Stift St. Peter sind Missbrauchsvorwürfe laut geworden - für den Psychoanalytiker Alfred Kirchmayr nicht überraschend.

Laut dem Psychoanalytiker und Theologen Alfred Kirchmayr zeigen die aktuellen Missbrauchsvorwürfe in der katholischen Kirche, dass deren Sexualmoral veraltet ist. Körper- und Frauenfeindlichkeit seien zu überdenken, sagte er Irene Brickner

STANDARD: Seit der Affäre Groër war es in der katholischen Kirche in Sachen Missbrauchsvorwürfen 15 Jahre eher ruhig - bis jetzt, wo sich die Vorhaltungen praktisch überschlagen. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Kirchmayr: Ich drücke es bildlich aus: Wenn man den Boden vergiftet, werden die Bäume zum Teil verrecken. Die wirklichen Ursachen des Problems wurden bis dato niemals angeschaut.

STANDARD: Worin liegen diese?

Kirchmayr: Im - ich sage es bewusst hart - perversen Verhältnis der katholischen Kirchenzentrale zur Sexualität und zum Leib überhaupt. Daran hat sich auch seit Mitte der 90er-Jahre überhaupt nichts geändert.

STANDARD: Seither hat die katholische Kirche ihren konservativen Kurs aufrechterhalten. Zeitigt das heute seine Folgen?

Kirchmayr: Ich glaube schon. Denn damals ist der Aufbruch des vatikanischen Konzils abgewürgt worden. Eine reaktionäre Kraft hat sich durchgesetzt, mit dem Opus Dei als zentralem Fädenzieher.

STANDARD: Was hat das in Hinblick auf die Sexualmoral verändert?

Kirchmayr: Der Gründer des Opus Dei, Josemaría Escrivá, hat das Konzil als "Konzil des Teufels" bezeichnet - und Papst Johannes XXIII. wörtlich als "Bauernsohn mit Körpergeruch". Also verächtlich und körperfeindlich, so wie es eine fundamentalistische katholische Theologie von vor 70 Jahren vertritt. Die damit einhergehende katholische Sexualmoral hat sadomasochistische Grundzüge. Früher oder später zeigt sich das.

STANDARD: Sie nennen es Sadomasochismus. Inwieweit haben die jetzt publik werdenden Missbrauchsvorwürfe in der Kirche mit Unterwerfung, Demütigung, Disziplinierung zu tun?

Kirchmayr: Immer, denn es handelt sich um Machtmissbrauch - so wie es jeder sexueller Missbrauch ist.

STANDARD: Welche Folgen hat der, wie Sie sagen, kirchliche Sadomasochismus für den Einzelnen?

Kirchmayr: Ich nenne Ihnen ein Beispiel: Eine 50-jährige Frau kommt mit einem vaginalen Waschzwang in meine Praxis. Sie hat das Gefühl, dass diese Körperteile schlecht und schmutzig sind, also muss sie ohne Unterlass versuchen, sie zu säubern - vielleicht mit einer Spur Lust, aber mit einem schrecklichen Schuldgefühl. Die Ideologie und die Erziehung, die sie dazu gebracht haben, sind für mich Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Ihre Ursachen liegen zum Beispiel in der Moraltheologie, die den Leib in ehrenwerte und nicht ehrenwerte Regionen einteilt. Bei der Frau fangen die unehrenwerten Teile vom Hals abwärts an.

STANDARD: Die Opfer der jetzigen Missbrauchsvorwurfsfälle sind meist Buben. Meinen Sie, dass es im katholischen Klerus ein besonderes Problem mit schwuler Pädophilie gibt?

Kirchmayr: Meiner Erfahrung nach finden die meisten Priester trotz der katholischen Sexualmoral ein vernünftiges Verhältnis zu ihrer Sexualität. Doch manche werden infantilisiert, und dann kann es zu Übergriffen kommen. Mit Homosexualität hat das übrigens nichts zu tun: Wer eine sichere schwule oder lesbische Identität hat, wird sich nicht an jungen Männern oder Frauen vergreifen - so wie ein gesunder Heterosexueller auch nicht.

STANDARD: Allein seit Montag sind zwei neue Missbrauchsvorwurfsfälle publik geworden. Haben sich da Schleusen geöffnet?

Kirchmayr: Ja, ich glaube, dass der Bodensatz jetzt wieder hochkommt. Aber ich fürchte, dass derzeit selbst Bischofskonferenzen keine adäquaten Antworten finden können. Ich unterstelle hier keinen bösen Willen, aber der Vatikan ist fehlgeleitet und blind.

STANDARD: Was müsste stattdessen geschehen?

Kirchmayr: Man müsste sich die kirchliche Sexualmoral der gesamten vergangenen hundert Jahre kritisch anschauen. Die Körperfeindlichkeit, den Zwangszölibat, die Abwertung der Frauen. Immerhin hat der Vatikan vor nicht einmal zwanzig Jahren festgestellt, dass eine Frau nicht Priester werden kann, weil ihr die natürliche Ähnlichkeit mit Jesus fehlt. (Irene Brickner/DER STANDARD-Printausgabe, 10.3.2010)

Zur Person:

Alfred Kirchmayr (67) ist Theologe, Soziologe und Psychoanalytiker mit Praxis in Wien. Er hat unter anderem ein Buch zusammen mit Erwin Ringel ("Religionsverlust und religiöse Erziehung") veröffentlich - sowie eines über das Opus Dei.

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Posting 1 bis 25 von 62
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Ana Bolika
 
24.03.2010 01:16
Teile m|einer Glaubensgemeinschaft wähnen sich im Besitz der Wahrheit. Somit ist kein echter Dialog möglich, kein Zugehen auf einander.

Das einzementierte Sein, das Verharren im und Festhalten am Status Quo macht Wandel, auch jenen eingeschliffener Sichtweisen und Denkmuster, nahe zu unmöglich. Der Heilige Vater wähnt sich in seiner Rolle des Bewahrers dazu verpflichtet, sämtlichen Neuerungen von Grund auf zu ent- und widersagen. Sie sind offenkundig des Teufels. Anders kann ich mir die Betriebsbildheit von Benedikt XVI. nicht erklären.

Dabei gab es auch dies in der Untergrundkirche der damaligen, vom Kommunismus beherrschten Tschechoslowakei: http://www.focus.de/politik/a... 54610.html

Den (nackten) Tatsachen tief ins Auge blicken soll Wunder wirken!!!

Devil's Daughter
11.03.2010 16:38
Meine Buchempfehlung:

Sex und Folter in der Kirche von Horst Herrmann

Chris_SM
10.03.2010 22:37
Ich kann vielem zustimmen,

aber halte Kirchmayers Kurzschluss von Sadomasochismus mit Machtmissbrauch für einen aus nicht überwundenen Vorurteilen resultierenden Schwachsinn.

Toeris
11.03.2010 11:56

Das Problem ist, dass Psychoanalytiker einfach nur die kranken Typen sehen und nicht wissen, wie die gesunde, einvernehmliche Variante aussieht, bzw. dass es die überhaupt gibt.
In dem Zusammenhang darüber aufzuklären würde wohl die meisten überfordern, was nachvollziehbar ist bei all dem Ekel, der bei der aktuellen Situation mit den Missbrauchs-Fällen hochkommt.

Aber immerhin, wenn man genau liest, der Journalist positioniert, sieht und bezeichnet das Thema sehr differenziert.
Is ja schon mal was.

Amy4
10.03.2010 19:40
ich fordere den rücktritt des papstes

der rücktritt des papstes wäre angebracht und ein signal, daß die kath. kirchl. institution die verbrechen, den sexuellen machtmissbrauch an mädchen und jungen ernst nimmt. jahrzehnte lang wurde vertuscht, verschwiegen - das hat tradition . der heutige papst Benedict hat noch 2oo1 als präfekt der glaubenskongregation die bischöfe der welt ermahnt , dass die fälle des sexuellen machtmissbrauchs der päpstlichen schweigepflicht unterliegen. sein rücktritt wäre ein zeichen v. verantwortung und ein signal, sich diesem unrechtsSystem mit tradition mal von grund auf zu stellen - geprägt von frauenfeindlichkeit
mussten sich frauen ihre würde und gleichberechtigung gegen männerbünde /kirchen hart erkämpfen.

muhme
10.03.2010 12:42
danke!

Sie sprechen mir - und sicherlich auch vielen anderen, die Erfahrung mit der katholischen Kirche machen durften - aus der Seele!
das erwähnte Buch, das sie gemeinsam mit Prof. Ringel geschrieben haben, ist übrigens immer noch - oder gerade wieder - lesenswert und ein wichtiger Text!

misfits74
 
10.03.2010 12:19
Im loving it:)

Immerhin hat der Vatikan vor nicht einmal zwanzig Jahren festgestellt, dass eine Frau nicht Priester werden kann, weil ihr die natürliche Ähnlichkeit mit Jesus fehlt.


Supergeil. bringt euch nur selber um, ihr depperten katholerer :)

Sternchen100
10.03.2010 16:19

Ich keinen keinen Mann, der eine Ähnlichkeit mit Jesus hat, nicht im biologischen und schon gar nicht im spirituellen Sinn. Also schaffen wir das Priestertum überhaupt ab. Nebenbei kommt das Wort "priester" von "presbyter", d.h. Gemeindevorsteher, Gemeindeältester, = Bürgermeister. Die Bezeichnung "Christen" stammt vom Wort "Christos" ab, griech. "der Gesalbte (Geweihte), und das sind bekanntlich wir alle - wir alle, ob mann oder frau, sind Nachfolger Christi.

Diakonus
 
10.03.2010 09:58
Sagenhafen Unsinn

sagt Herr Kirchmayr. Die angebliche Leibfeindlichkeit der Kirche ist ein gepflegtes Klischeebild, das überhaupt nicht zutrifft. Kirchmayr dürfte weder die Aussagen des Kath. Katechismus zu Leib und Sexualität kennen, noch die "Theologie des Leibes" von Johannes Paul II. Wer alle Weltreligionen miteinander vergleicht, wird feststellen, dass die katholische Kirche bei weitem die positivste Einstellung zum Körper hat! Auch der Unsinn vom Zölibat als Missbrauchsursache ist längst duch berufenere Experten widerlegt: Hans-Ludwig Kröber, Prof. für forensische Psychiatrie an der Berliner Charite, erklärte etwa, dass nicht zölibatär lebende Männer mit einer 36-mal höheren Wahrscheinlichkeit zu Missbrauchstätern werden als katholische Priester.

die Großmutter
21.03.2010 17:06

Von dem Weltreligionen haben nur die Buddhisten eine vernünftige intelligente Lehre.

Lectrice
12.03.2010 17:03

Die katholische Kirch hat so ein unverkrampftes Verhältnis zum Körper und vor allem zur weiblichen Vagina, dass abgesehen von der jungfräulichen Zeugung durch den hl. Geist, was ja schon Schwachsinn genug wäre, ein paar dieser verklemmten Typen weiters nicht ertrugen, dass Jesus den Weg d.d. Geburtskanal genommen hat, sondern d.d. Nabel geboren wurde.

Nein, die kath. Kirche hat überhaupt kein Problem mit dem Körper und den Sinnen, ÜBERHAUPT keines, ist ja alles ganz normal.

nick morgenland
 
11.03.2010 13:15

da habe ich ganz andere erinnerungen ("Das Gotteskind : Beicht- und Kommunionbüchlein für kleine Schulkinder"). und ddr. kirchmayr sind die aussagen des katholischen katechismus gewiss nicht unbekannt. gegenüber den inhalten des beichtspiegels "das gotteskind" hat sich kaum etwas verändert.

http://www.stjosef.at/kkk/kkk_3_leben.pdf

das sechste gebot scheint unseren religionslehrer beschäftigt zu haben. oberhalb des gürtels das reich gottes und des himmels - unterhalb des gürtels: teufel und hölle (real zu verstehen und nicht allegorisch - mit flammen).

dazu kommt die besondere wertschätzung der jungfräulichkeit der gottesmutter maria ("unbefleckte empfängnis").

von uns kindern wurde erwartet, engelhafte, "reine" wesen zu sein.

Freibeuter
11.03.2010 14:45

was hat der KU-KLUX-KLAN dmit zu tun

nick morgenland
 
11.03.2010 15:48
zur belohnung wurden im religionsunterricht märtyrergeschichten vorgelesen.


ich erinnere mich an die geschichte von den drei jünglingen im feuerofen. da ging es um die standhaftigkeit im glauben, auf der anderen seite um den unterhaltungsfaktor ("brot und spiele"). eine grenzüberschreitung des unterrichts war die systematische nachfrage nach der teilnahme am sonntagsgottesdienst (belohnung bzw. bestrafung mit einem farbpunktesystem - festgehalten im notenbüchlein). das passt von der zielsetzung zu den legenden in einem empfohlenen buch des buchclubs der jugend, in denen der bauer vom teufel geholt wird, weil er der den sonntagsgottesdienst versäumt hat.

sehr positiv ist mir in erinnerung: die geschichte einer frau, die sich zu große sorgen um ihre sündhaftigkeit gemacht hatte (beim relilehrer als beichtvater).

die Großmutter
21.03.2010 17:10

uns Kindern wurde damals die Unbeschwerheit und Unbefangenheit mit solchen Gschichterln genommen. Viele Depressionen haben dort den Ursprung.

Lectrice
12.03.2010 16:59

Na wumm, das war ja eine ziemlich eigenartige um nicht zu sagen verkorkste Welt.

M. W.
10.03.2010 12:45

Er hat ja auch keine Belege für seine Aussage. Sowas brauchen Psychoanalytiker nicht, denn ihr Wort ist Gesetz.
Und wie ich schon weiter unten schrieb: Man braucht jetzt nicht glauben, daß in der Psychoanalyse mit (sexuellem) Mißbrauch anders umgegangen wird als in der kath. Kirche. Da gibt es null Kontrolle und die Klienten werden im Zweifelsfall auch im Regen stehen gelassen - der Therapeut hat immer recht.
-> http://www.induzierte-erinnerungen.com/
Wenn jetzt einer von diesen Quacksalbern daherkommt um meint, ausgerechnet seine Religionsgemeinschaft (weil was anderes ist PA ja nicht) wüßte, wie man damit umgeht, dann ist das an Scheinheiligkeit unüberbietbar.

Lilith Boessse
 
10.03.2010 12:38
die kirche als sammelstelle...

und vertuschungsort von pädohpilie!

und klar ist die kirche körperfeindlich, wegen der krankhaften (!!) einstellung zu sexualität.

so krankhaft übrigens, dass man gesunden und spaßmachenden sex verurteilt (sex darf man nur "ausüben" um kinderlein zu zeugen), diese ungemein widerlichen, seit ewigkeiten stattfindenden und seit ewigkeiten bekannten missbrauchssachen vertuscht, verschweigt und genaugenommen duldet!! (weil die ausrede, es hätte niemand von irgendwas gewusst, ist gelogen!)

Pi der Grieche
10.03.2010 12:03

Was macht Kröber berufener als Kirchmayr? Dass Kröbers Feststellung zu ihrem Glauben passt?

Belkin
 
10.03.2010 11:48
Die Kath. Kirche hat keine pos. Einstellung zum Körper

Im Christentum wird als Beschäftigung, als Mittel gegen die Langeweile, die Selbstkritik, die Gewissens-Inquistion geübt. Hier fehlt auch die Öffentlichkeit: das Versteck, der dunkle Raum ist christlich. Hier wird der Leib verachtet, die Hygiene abgelehnt; die Kirche wehrt sich selbst gegen Reinlichkeit (die erste christliche Maßregel nach Vertreibung der Mauren war die Schließung der öffentlichen Bäder). Christlich ist ein gewisser Sinn der Grausamkeit; gegen sich und andere; der Hass gegen die Andersdenkenden; der Wille zu verfolgen. Christlich ist der Hass gegen den Geist, gegen den Stolz, Mut und Freiheit des Geistes, christlich ist der Hass gegen die Sinne, gegen die Freuden überhaupt...

die Großmutter
21.03.2010 17:13

Damit wird schon im Kindergarten begonnen. Verdummung ist das Ziel.

Max Birnbaum
10.03.2010 11:44

Die Themen Körperfeindlichkeit, Zölibat und Statistiken über Missbrauchder in katholischen Religionsgemeinschaft können sie mit Äbten und Glaubensbrüdern und Schwestern diskutieren. Die Tatsache, dass Kinder in katholischen Einrichtungen über Jahrzehnte schwer missbraucht wurden, ist Thema für den Rechtsstaat in Österreich.

Tina Tsornigg
10.03.2010 11:28

Glaube ist Gift für die Erkenntnis. Sie reden sich einen Täterverein schön.

Kopflos
10.03.2010 11:23

Wer´s glaubt wird selig...

Belkin
 
10.03.2010 07:36
Brillant... ja! Aber steinalt!

Bereits Nietzsche kam vor über 100 Jahren zu der selben Analyse. Die Kirche ist nie aus ihrem Mittelalter herausgetreten und ihre Sitten, Klöster und Kirchen sind für mich ohnehin die Gottlosesten Orte, sofern man überhaupt an Gott glaubt....

Psychologisch nachgerechnet werden in jeder priesterlich organisierten Gesellschaft die "Sünden" unentbehrlich: sie sind die eigentlichen Handhaben der Macht, der Priester lebt von den Sünden, er hat nötig das "gesündigt" wird... Oberster Satz: Gott vergibt dem, der Buße tut - auf deutsch: dem, der sich dem Priester unterwirft!

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