Modifiziertes Multitalent

9. März 2010, 20:11
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Michaela Aigner stellt RNA-Bausteine her, die im Körper verfolgt werden können

Ribonukleinsäure (RNA) ist ein biologisches Multitalent: Sie ist nicht nur als "Vermittler" zwischen DNA und Proteinen tätig. Kurze siRNA-Stücke (Small interfering RNAs) erfüllen auch regulatorische Aufgaben in der Zelle wie den Abbau von RNA oder das gezielte Abschalten von Genen (RNA-Interferenz). Um noch mehr darüber herauszufinden, hat Michaela Aigner vom Institut für Organische Chemie der Uni Innsbruck alternative Formen für zwei der insgesamt vier RNA-Bausteine hergestellt.

Die Aufgabe bestand unter anderem darin, dass eine Veränderung an einzelnen Gliedern der kettenförmig aufgebauten RNA die Funktion des Gesamtmoleküls nicht beeinträchtigen durfte. Das Kunststück gelang durch Austausch einer einzigen funktionellen Gruppe an einer festgelegten Position. "Es ist möglich, meine modifizierten Bausteine gezielt in RNA-Stücke einzubauen. Die von mir eingebrachte Azid-Gruppe kann spezifisch mit anderen Molekülen reagieren und so etwas über Struktur und Wechselwirkungen von RNA verraten", erläutert die Synthesechemikerin. Denkbare Reaktionspartner wären etwa Farb- und andere Signalstoffe. So kenntlich gemacht, könnten Viren im Körper nachgewiesen und RNA auf ihrem Weg durch biologische Systeme leichter verfolgt werden.

Aufgewachsen in Nöchling im südlichen Waldviertel, begann Michaela Aigner nach der berufsbildenden Schule mit dem Studium der Technischen Chemie an TU Wien. Gereizt hat sie auch die Herausforderung des als schwierig geltenden Studiums.

Für das Doktorat nach Innsbruck zu gehen hatte praktische Gründe: Es war die einzige Möglichkeit, interessante Forschung zu machen, die - im Rahmen des Genforschungsprogramms Genau - auch finanziert war. Ein L'Oréal-Stipendium, finanziert vom Wissenschaftsministerium, vergeben in Kooperation mit der Akademie der Wissenschaften und der Unesco-Kommission, ermöglichte der 28-Jährigen, die gern in den Tiroler Bergen unterwegs ist und Querflöte spielt, noch ein halbes Jahr länger zu forschen und die Arbeit zu einem stimmigen Abschluss zu bringen.

Schließlich ist diese Arbeit ihre Referenz für die Bewerbung um einen Postdoc, den sie gerne in den USA, England oder Skandinavien absolvieren würde. Die mit der Vergabe verbundene Medienpräsenz, so hofft die Chemikerin, erhöhe das Verständnis für Forschung und ihre Finanzierung, und mache anderen Mädchen Mut, sich für Studienrichtungen zu interessieren, die noch eher Männern zugeordnet werden.

Erfahrungen mit dem Forschungsalltag in großen Pharmaunternehmen sammelte die Chemikerin in zahlreichen Laborpraktika seit der Schulzeit. Ihr Fazit: "In der akademischen Forschung kann man seine Ideen weiterverfolgen, auch wenn sie sich nicht in die erwartete Richtung entwickeln."

Dennoch reizt sie die betriebliche Forschung mit strafferen Vorgaben derzeit mehr als eine der raren, befristeten, drittmittelfinanzierten Anstellungen an der Uni. Zu wissen, wie etwas funktioniert, ist für sie bis heute ein starker Antrieb und gerade die komplexen Abläufe der Biosynthese in einer Zelle werden ihr deshalb vermutlich nie langweilig werden. (Astrid Kuffner/DER STANDARD, Printausgabe, 10.03.2010)

 

  • Die Chemikerin Michaela Aigner reizt die Herausforderung.
    foto: privat

    Die Chemikerin Michaela Aigner reizt die Herausforderung.

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