"Das Weibliche ist patriarchale Konstruktion"

9. März 2010, 19:25
2 Postings

Die Pionierin der feministischen Kunstgeschichte, Daniela Hammer-Tugendhat, wurde für ihr Wirken ausgezeichnet

Über die Konstruktion von Geschlecht einst und jetzt sprach sie mit Andreas Feiertag.

STANDARD: Sie erhielten Freitag den Gabriele-Possanner-Staatspreis für Förderung der Geschlechterdemokratie. Wie beurteilen Sie aus dieser Perspektive den Wissenschaftsbetrieb in Österreich?

Hammer-Tugendhat: In den letzten 20 Jahren wurden positive Veränderungen durchgesetzt. Aber von einer Gleichberechtigung kann noch keine Rede sein. Bei den Studierenden sind die Hälfte weiblich, bei den Professoren nur etwa 17 Prozent – da stimmt doch etwas nicht. Auch dass wir Quotenregelungen und Gleichbehandlungsstellen brauchen, ist eine Schande. Warum ist es keine Selbstverständlichkeit, dass Frauen gleichberechtigten Zugang zu allen Bereichen der Wissenschaft, Universitäten, Kunst, Kultur, Politik und Wirtschaft haben? Solange es dafür gesetzliche Verordnungen braucht, so lange ist etwas grundsätzlich faul in der Gesellschaft. Wir müssen Voraussetzungen verändern auf politischer, sozialen und mentalen Ebene, sodass Verordnungen überflüssig werden.

STANDARD: Als Pionierin feministischer Kunstgeschichte haben Sie das Fach genderspezifisch ausgerichtet. Wie das?

Hammer-Tugendhat: Ich komme nicht primär aus der Frauenbewegung, sondern aus der Linken. Für mich war und ist die Frage sozialer Gerechtigkeit zentral. Die massive Asymmetrie in Geschlechterfragen ist mir durch die Beschäftigung mit meiner Disziplin, der Kunstgeschichte, klar geworden. 1986 habe ich mit Kolleginnen und Studierenden die dritte Kunsthistorikerinnen-Tagung in Wien organisiert. Eine entscheidende. Wir wollten zeigen, dass das Geschlecht keine primär biologisch Kategorie ist, sondern eine historisch gewordene, kulturell produzierte, diskursiv hergestellte. Natürlich gibt es biologisch Männer und Frauen, aber Zuschreibungen und daraus abgeleitete Ausgrenzungen haben nichts mit Natur zu tun. Die Tagung war eine dezidierte Wendung gegen die Konzeption einer Frauenkunstgeschichte, gegen die Vorstellung von angeblich genuin weiblicher Ästhetik. Wir hatten auch erstmals eine Sektion über Männerbilder.

STANDARD: Ihre Studien zu Geschlechterkonstruktionen reichen vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert. Wie sehr lässt sich der Wandel in der Konstruktion von Geschlecht in der Kunst mit dem Wandel der Gesellschaft in einen kausalen Zusammenhang bringen?

Hammer-Tugendhat: Kunst ist ein integraler Teil der Gesellschaft. Aber Kunst ist keine Spiegelung sozialer Verhältnisse, sondern, vernetzt mit anderen Diskursen und sozialen Praktiken, aktiv an der Produktion von Bedeutung beteiligt, an der Bildung von Vorstellungen über die Wirklichkeit. Und die Kunstproduktion selbst ist von patriarchalen Machtstrukturen geprägt. So wurde Frauen der Zugang zu den Akademien verwehrt. Aktstudium war ihnen verboten. Somit konnten sie keine Historiengemälde malen, die aber in der Hierarchie der Künste ganz an der Spitze standen. Sie waren gezwungen, auf andere Gattungen wie Porträt oder Stillleben auszuweichen. Dann kommt eine männliche dominierte Kunstgeschichte und meint, dass Frauen nur Gemüse malen können und dies genuin weiblich sei. Das angeblich Weibliche ist patriarchale Konstruktion.

STANDARD: Die Geschichte der Kunst ist eine Geschichte der Emanzipation der Kunst, aus einem religiösen Korsett geschnürt und nun Grenzen des gesellschaftlich Normierten überwindend. Emanzipiert sich die Kunst auch vom Geschlecht?

Hammer-Tugendhat: Die Kunst hat sich zwar aus religiösen Zusammenhängen gelöst, aber sie ist abhängig vom Markt. So wie sie früher mit einem religiösen Weltbild verbunden war, ist sie es heute mit aktuellen Vorstellungen, noch inhomogener als im Mittelalter. Solange die Gleichberechtigung nicht hergestellt ist, thematisieren viele Künstler und Künstlerinnen die Problematik der Geschlechterdifferenz. Für andere ist das integraler Bestandteil eines weiter gefassten politischen Engagements. Aber es gibt noch Künstler, die ihren männlichen Gestus ungebrochen weiterführen.

STANDARD: Abseits des Kunst- und Wissenschaftsbetriebes: Wie weit hat sich denn die Geschlechterdemokratie hierzulande entwickelt?

Hammer-Tugendhat: Da schaut es schlecht aus. Auf dem Land etwa hat sich noch nicht viel verändert. An der wirklichen Spitze der Macht, und das ist nun mal die Wirtschaft, sind Frauen nach wie vor kaum vertreten. In der Populärkultur wie etwa dem Fernsehen oder der Werbung werden die tradierten Muster mit kleinen Variationen weiter festgeschrieben.

STANDARD: Was treibt Sie an?

Hammer-Tugendhat: Die Sprengkraft feministischer Theorie liegt für mich in der Erkenntnis, dass jene Differenz, die man für unhintergehbar biologisch hielt, jene zwischen den Geschlechtern, keine natürliche ist. Wenn man diese Erkenntnis extrapoliert, wird deutlich, dass auch die anderen Differenzen, soziale wie aber insbesondere die zwischen Ethnien, keine natürlichen sind. Mir geht es prinzipiell um den Kampf um eine gerechtere Welt, in der wir uns alle als gleichberechtigte Menschen anerkennen. Ich wünsche mir, und dafür trete ich ein, dass der Mensch im Zentrum der Gesellschaft steht und nicht, wie dies jetzt der Fall ist, das Geld. (DER STANDARD, Printausgabe, 10.03.2010)

Zur Person
Daniela Hammer-Tugendhat, 1946 in Caracas/Venezuela geboren, studierte Kunstgeschichte und Archäologie. Sie war Fellow am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK). Seit 1998 hat sie eine a. o. Professur für Kunstgeschichte an der Uni für angewandte Kunst in Wien inne.

  • Daniela Hammer-Tugendhat, Pionierin der feministischen Kunstgeschichte in Österreich. Ihr universitätspolitisches Engagement für Frauen hinterließ gesetzliche Spuren.
    foto: standard/heribert corn

    Daniela Hammer-Tugendhat, Pionierin der feministischen Kunstgeschichte in Österreich. Ihr universitätspolitisches Engagement für Frauen hinterließ gesetzliche Spuren.

Share if you care.